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Naher Osten Ein Leben in Sackgassen

07.11.2004 ·  Jassir Arafat traute sich nicht, Staatsmann zu werden. Der passive Diktator hinterläßt den Palästinensern ein Erbe aus Haß und Zerstörung.

Von Barry Rubin, Jerusalem
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Kein Zweifel, Jassir Arafat ist eine der bemerkenswertesten Gestalten unserer Zeit. Er ist ein Meister des Terrorismus, der den Friedensnobelpreis bekam, ein Mann, der die Palästinenser in viele Katastrophen geführt, die Kontrolle über sein Volk aber nie aus den Händen gegeben hat, ein Revolutionär, dem der Westen immer wieder Unterstützung und noch eine weitere Chance gewährt hat, so oft er diesen auch enttäuschte und betrog.

Geboren am 24. August 1929 im ägyptischen Kairo, bekam er den Namen Abd al-Rahman Abd al-Rauf Arafat al-Qudwa al-Husseini. Jassir war der Kosename, den seine Familie ihm gab, und es ist ein Zeichen für seine Entschlossenheit, sich selbst neu zu erfinden, daß er die Stammesnamen beider Eltern ablegte und sich Arafat nannte.

Suche nach Wohlstand

Auch die eigentümliche Geschichte, die er um seinen Geburtsort herum spann, ist ein Symbol für seine Überzeugung, daß die Wirklichkeit nur das sei, was er dafür ausgab, und zeit seines Lebens entsprang seine Macht seiner Fähigkeit, viele andere Menschen glauben zu machen, seine Fabelgeschichten seien wahr. Als Junge wurde Arafat nach Jerusalem geschickt, wo er einige Jahre bei Verwandten lebte. Danach behauptete er stets, er sei dort geboren worden - im Zentrum des palästinensischen Lebens, nicht an seinen Rändern.

In Wahrheit kam Arafat aus einer Familie, welche die Suche nach Wohlstand in den zwanziger Jahren nach Ägypten geführt hatte. Falls er sich dort wie ein Flüchtling fühlte, so war das ein Resultat der Diskriminierung, die Palästinenser damals in Ägypten erfuhren. Es war diese Erfahrung seiner frühen Jahre, die ihm, in Verbindung mit den wiederholten wirtschaftlichen Fehlschlägen seines Vaters, die Entschlossenheit mitgab, Macht und Bedeutung zu erringen. Er wurde zu einem Menschen, der auf dem Recht bestand, zu definieren, was als wahr zu gelten habe, und der alle Beweise des Gegenteils ignorierte.

Arafats kometenhafter Aufstieg

Während des Krieges von 1948 meldete sich Arafat freiwillig. Er schloß sich nicht einer palästinensischen, sondern einer ägyptisch-islamistischen Einheit an. Nach dem Krieg behauptete er, er habe heldenhaft gekämpft, und erfand die unglaublichsten Geschichten über seine übermenschlichen soldatischen Leistungen. In den frühen fünfziger Jahren engagierte er sich an der Universität von Kairo politisch und wurde bald Anführer der palästinensischen Studenten. Von Beginn an bestand er darauf, die Palästinenser müßten im Kampf für ihre Sache unabhängig bleiben, dürften sich keiner besonderen Ideologie oder einem arabischen Unterstützerstaat verpflichten. Aber auch weiterhin war er in die Aktivitäten der Islamisten verwickelt, was ihm dem nationalistischen Regime Nassers verdächtig machte.

1957 - Arafat war 28, hatte keine Arbeit, keine Familie oder Aussicht auf Karriere - machten die ägyptischen Behörden deutlich, daß sie ihn nicht mehr im Land haben wollten. Wie viele andere Palästinenser brach er nach Kuweit auf, dessen Ölvorkommen Reichtum versprachen. Im Oktober 1959 gründete er mit einigen Freunden die Fatah, deren Ziel die Zerstörung Israels und die Errichtung eines nationalistischen arabischen Staates war. In diesem Moment begann Arafats kometenhafter Aufstieg. 1963 bot ihm Algerien Unterstützung an, im Jahr darauf konnte er Berufsrevolutionär werden und gewann Syrien als Förderer.

„Die Israelis haben eine große Angst: die Angst vor Opfern“

Die ersten Angriffe auf Israel folgten 1965. Die verheerende Niederlage, die Israel den arabischen Staaten 1967 zufügte, verstärkte Arafats Bereitschaft, neue Methoden des Kampfes zu erproben. 1968 traf Arafat mit Nasser zusammen, und dieser führte ihn bei den Sowjets ein, die ihn ebenfalls unterstützten. Spätestens 1969 beherrschte Arafat die PLO vollständig.

Damals erfand er seine politische Persona und baute jene Techniken des politischen Managements auf, die seine Herrschaft für den Rest seiner Karriere in bemerkenswert unveränderter Form kennzeichnen sollten. Im Kern war Arafats Projekt eines des Völkermords: die Vernichtung Israels und seiner Menschen. Gewalt, so sagte er 1968, sollte gegen israelische Bürger und israelische Einrichtungen angewandt werden, „um ein Klima der Anspannung und Angst zu erzeugen und aufrechtzuerhalten, welches die Zionisten zwingen wird, einzusehen, daß es unmöglich für sie ist, in Israel zu leben“. Zwei Jahre später fügte er hinzu: „Die Israelis haben eine große Angst: die Angst vor Opfern.“ Zwischen 1969 und 1985 verübten PLO-Gruppen mehr als 8000 Terrorakte, die meisten davon in Israel; dabei starben mehr als 650 Israelis.

Disziplin und Institutionen waren ihm ein Greuel

Zugleich entwickelte Arafat eine Reihe von Führungstechniken, die die politische Kultur seiner Bewegung prägen sollten. Er behielt alle Zügel in seinen Händen, verzichtete oft aber darauf, seine Autorität auch auszuüben. Wenn er ein Diktator war, so doch einer, der durch Passivität herrschte. An Ideologien war er nicht interessiert; Disziplin und Institutionen waren ihm ein Greuel. Faktisch führte er seine Bewegung von einem Desaster zum nächsten.

1970 brachte er den jordanischen König Hussein so sehr gegen sich auf, daß dieser die PLO des Landes verwies. Nachdem Arafats Gruppe in den Libanon ausgewichen war, mischte er sich in die Politik des Landes wiederholt ein; als Israel 1982 einmarschierte, um die PLO zu vertreiben, war die politische Führung des Libanon schon darauf erpicht, Arafat loszuwerden. Im folgenden Jahr brachten syrische Truppen seinen Leuten abermals eine Niederlage bei und zwangen ihn, das Land zu verlassen.

Regelmäßiger Gast im Weißen Haus

Kein arabischer Staat wollte ihn aufnehmen, schließlich war Tunesien bereit, ihm als Operationsbasis zu dienen. Von dort aus setzte Arafat seine Angriffe auf Israel ebenso fort wie seine internationale Diplomatie. Doch eine weitere Fehleinschätzung - die Unterstützung von Saddam Husseins Invasion in Kuweit 1990 - brachte Araber und Kuweitis dazu, sich von ihm abzuwenden. Nach der Niederlage des Iraks war Arafat wieder einmal an einem Tiefpunkt angelangt.

Doch Israel wie die internationale Gemeinschaft beschlossen, ihm eine weitere Chance zu geben. Wenn er wirklich einen palästinensischen Staat wollte, um das Leiden seines Volkes zu beenden, würde sich Arafat nun zum Staatsmann wandeln und einem Kompromißfrieden zustimmen: In dieser Hoffnung wurde ihm der Friedensnobelpreis zugesprochen, und Arafat wurde zum regelmäßigen Gast im Weißen Haus.

Den PR-Krieg gewonnen, den militärischen Kampf aber kläglich verloren

Doch er zeigte wenig Interesse daran, der Führer eines Staates zu werden. Als Verwaltungschef von zwei Millionen Palästinensern im Westjordanland und im Gaza-Streifen war er unfähig, korrupt und autoritär. Nie hielt er eine Rede, in der er junge Palästinenser gedrängt hätte, sich um Bildung zu bemühen, oder in der er dazu aufgerufen hätte, ein funktionierendes Wirtschaftssystem zu schaffen. Stets blieb er auf den Kampf fixiert, ein Mann der permanenten Revolution. Die Prüfung seines Lebens kam am 24. Juli 2000 in Camp David. Präsident Clinton warnte ihn: „Sie führen Ihr Volk und die Region in die Katastrophe.“ Arafat schlug den Friedensplan des Präsidenten aus, den dieser mit Unterstützung von Israels Ministerpräsident Barak unterbreitet hatte; der Plan hätte ihm den Gaza-Streifen, den größten Teil des Westjordanlands, große Teile Ost-Jerusalems und mehr als 20 Milliarden Dollar Entschädigung eingebracht.

Führende Mitglieder seiner Delegation wollten akzeptieren, Arafat sagte nein. Statt dessen kehrte er zu seiner alten Strategie zurück und begann einen weiteren Krieg, der zumeist aus Terrorangriffen bestand. Er hoffte, Israel werde angesichts der zivilen Opfer kapitulieren; dann würde, dachte er, die Weltgemeinschaft eingreifen und ihn aus der selbstgeschaffenen Krise befreien. Arafat gewann in einem gewissen Maß den PR-Krieg, den militärischen Kampf aber verlor er kläglich.

Arafat wird ein Erbe von Haß und Zerstörung hinterlassen

So hatte er, kurz bevor sich sein Leben dem Ende zuneigte, sein Volk wieder einmal in eine Sackgasse geführt. Auf beiden Seiten des Konflikts waren noch mehr Menschen gestorben, die palästinensische Infrastruktur war zerstört, und mehr als drei Milliarden Dollar Entwicklungshilfe waren versickert. Wohl am schlimmsten aber ist, daß Arafat eine weitere Generation von Palästinensern zum Haß aufgestachelt und sie den vermeintlichen Ruhm der Gewalt gelehrt hat.

Viele Menschen, gerade in Europa, sehen Arafat als Helden, als Symbol für die Opfer und Benachteiligten dieser Welt. Doch Palästinenser und Araber finden, wenn man vertraulich mit ihnen spricht, harsche Worte der Kritik. Für die Palästinenser ist er der Führer und das Symbol ihrer Bewegung, aber kaum ein Mann, den man bewundert. Arafat hat der Welt unermeßlichen Schaden zugefügt. Er ist mitverantwortlich für das Wiederaufleben des Antisemitismus, ein Mann, der bewiesen hat, wie nützlich Terrorismus sein kann. Die arabische Welt hat er abermals in die Radikalisierung geführt und damit die Hoffnung auf Demokratisierung und Reform erstickt. Arafat ist eine faszinierende und einzigartige Gestalt, aber er wird ein Erbe von Haß und Zerstörung hinterlassen. Seine bemerkenswerten Erfolge wurden durch seine gleichermaßen bemerkenswerten Niederlagen zunichte gemacht. Er wird als Versager sterben.

Der Verfasser ist Direktor des Global Research in International Affairs Center. Aus dem Englischen von Bertram Eisenhauer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.11.2004, Nr. 45 / Seite 3
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