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Naher Osten „Desaster am Strand von Gaza“

12.06.2006 ·  In Israel wächst die Kritik an der Armee. Das Blutvergießen durch einen Artillerieangriff am vergangenen Freitag am Strand von Gaza sei eine goldene Brücke für die Hamas und ein „Querschläger“ für Präsident Abbas. Droht eine neue Spirale der Gewalt?

Von Jörg Bremer, Jerusalem
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Jetzt heißt es in den israelischen Zeitungen, die Armee habe jederzeit mit einem „Desaster“ rechnen müssen, wie dem Tod von sieben Mitgliedern einer palästinensischen Familie. Sie hatte am Freitag nachmittag am Strand vor Beit Lahia im Norden des Gazastreifens gepicknickt. Bei einem israelischen Artillerieangriff waren vor etwa einem Jahr schon Verwandte dieser Familie getötet worden. 1996 waren 120 Menschen durch eine fehlgeleitete Rakete bei Kana im Südlibanon umgekommen, die in einem UN-Gebäude Schutz gesucht hatten. In zwei israelischen Kliniken liegen ein drei Jahre altes Mädchen mit gelähmten Beinen und ihr querschnittsgelähmter Onkel. Sie wurden kurzem bei einer gezielten Tötung von Dschihad-Terroristen getroffen.

Lange schon nimmt die israelische Öffentlichkeit das Leiden der palästinensischen Bevölkerung nicht mehr wahr. Die Opfer scheinen weit weg zu leben. Viele Israelis haben schon deshalb wenig Mitleid, weil 1996 im Südlibanon mit israelischen Granaten auf Raketenangriffe der Hizbullah reagiert wurde. Jetzt greifen militante Islamisten Städte im Negev mit Kassem-Raketen an; die israelische Armee versucht, das zu unterbinden. Seitdem die Hamas am Freitag ihre Waffenruhe beendet hat, beteiligen sich ihre Kämpfer auch wieder an den Attacken. Mehr als zwanzig Kassem-Raketen waren es am Wochenende; viele gingen freilich schon auf palästinensischem Gebiet zu Boden. So könnte es auch sein, daß die palästinensische Familie beim Picknick durch „eigene“ Geschosse umkam.

Sechs Granaten

Nach israelischen Angaben wurden sechs Granaten von der Marine abgefeuert. Die Einschläge von fünf wurden ermittelt. Viele Vorwürfe richten sich nun gegen die israelische Armee: Insgesamt, so schreibt die Zeitung „Jediot Ahronot“, sei stets die Zahl der unschuldigen Opfer bei den Vergeltungsangriffen gegen Katjuschua- oder Kassem-Raketen größer als die Zahl der tödlich getroffenen Terroristen. Die Zeitung „Haaretz“ spricht von einer stumpfen und ziellosen Waffe, und „Maariv“ wundert sich, daß dieses „grauenvolle Desaster“ erst jetzt geschah, „obwohl die israelische Armee schon viele tausend Granaten auf den am dichtesten bevölkerten Ort der Welt schießt“.

„Desaster am Strand von Gaza“

Die Kritik reicht aber weiter. Da Israel ohne einen ernstzunehmenden Feind sei, könne sich die Truppe fast jede Nachlässigkeit leisten. Offiziere erinnern an den April 2002 im Flüchtlingslager von Dschenin: Dort kam es nicht zu einem „Massaker“ unter Palästinensern, wie im Ausland behauptet worden war. 23 israelische Soldaten seien innerhalb kurzer Zeit getötet worden, weil sie die Armeeführung ohne ausreichenden Schutz und Ortskenntnis in die verwinkelten Gassen schickte. Andere Offiziere erwähnen die ersten beiden Tage im Straßenkampf von Bethlehem im selben Jahr, wo die Soldaten lange in der Kälte ohne Nachschub blieben. Soldaten erinnern auch an den teilweise zerstörten Kontrollpunkt „Termit“ zwischen Gazastreifen und Ägypten. Dort durften Soldaten bis zum Abzug das Erdgeschoß und das erste Stockwerk wegen Zerstörungen durch eine Bombe unter dem Haus nicht nutzen, mußten aber vom Dachgeschoß aus Rafah im Blick behalten.

Nachlässig mit dem Gegner

So nachlässig wie Israels Armeeführung mit den eigenen Soldaten umgehe, heißt es bitter, geschehe es erst recht mit dem Gegner. Am Wochenende wird zudem kritisiert, daß die Generale offenbar keinen Blick für die politische Situation hätten. Das Blutvergießen am Freitag sei eine goldene Brücke für die Hamas und ein „Querschläger“ für Präsident Abbas. Die Islamisten hätten nun einen Vorwand, ihren einseitig erklärten Waffenstillstand offen zu brechen, den sie stillschweigend schon längst nicht mehr einhielten. Zudem könnten sie Abbas vorwerfen, er trete seiner blutenden Nation in den Rücken, indem er für den 26. Juli ein Referendum über die stillschweigende Anerkennung Israel ausrufe und die Zwei-Staaten-Lösung verfolge, während „doch Israel bis heute nicht die palästinensische Nation anerkannt hat“.

In dieser Situation will ein General laut „Maariv“ Terroranschläge der Hamas wieder mit der gezielten Tötung von Hamas-Politikern beantworten. In den vergangenen elf Monaten habe Hamas nicht einen einzigen Selbstmordanschlag ausgeführt, aber wenn das nun wieder geschehe, wird der Offizier zitiert, sei Israel in der Lage, die Minister der Hamas-Regierung zu töten, die genauso wenig „immun“ sei wie einst die Hamas-Führer Scheich Jassin und Aziz Rantisi. Das deutet auf eine neue Spirale der Gewalt hin. Anders scheint Verteidigungsminister Peretz zu denken, der nach einer Meldung in „Yediot Ahronot“ das Artilleriefeuer auf Gaza fürs erste „bis auf Sonderfälle komplett“ einstellen will. In den israelischen Zeitungen wird gefordert, endlich die militärischen Mittel mit den politischen Absichten in Einklang zu bringen. Oder, so fragte am Sonntag ein bissiger Rundfunkkommentator: Will Ministerpräsident Olmert den Sieg der Hamas und keinen Dialog mit Abbas, sondern dessen Ende?

Quelle: F.A.Z., 12.06.2006, Nr. 134 / Seite 2
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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