Home
http://www.faz.net/-gq5-74f7i
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Naher Osten Der neue Gaza-Krieg

Noch einmal tausend tote Palästinenser kann sich Israel nicht leisten. Denn in den arabischen Staaten regieren nun gewählte Repräsentanten von Islamisten. Das gilt nicht zuletzt für Ägypten.

© REUTERS Vergrößern Gaza-Stadt: Das von den Israelis in der Nacht zum Samstag zerstörte Regierungsgebäude der Hamas

Das Blut klebe immer noch am Hemd des Ministerpräsidenten, erzählt ein Mitarbeiter Haschim Kandils, als der ägyptische Regierungschef längst wieder nach Kairo zurückgekehrt ist. Im Schifa-Krankenhaus von Gaza-Stadt hatte sich ein Mann am Freitagmorgen mit seinem getöteten Sohn im Arm zu Kandil und dem Ministerpräsidenten des Gazastreifens, Ismail Hanija, durchgeschoben und ihnen den blutverschmierten Kinderleichnam entgegengestreckt.

Markus  Bickel Folgen:    

Eine Szene wie aus einem Propagandafilm: Patienten in Krankenbetten, drängelnde Kameramänner und Fotografen, Familien mit Blumensträußen für den Überraschungsgast aus Ägypten in den Händen. Kandil beugte sich vor und küsste den Kopf des toten Jungen. „Was ich heute in Gaza gesehen habe, im Krankenhaus, mit den Märtyrern, dazu darf man nicht schweigen“, sagte er danach auf einer Pressekonferenz. „Lang lebe Ägypten, frei und arabisch“, jubelte ihm die Menge zu. Auch Ismail Hanija stimmte in den Chor ein.

Seit der Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der Hamas läuft der international isolierte Islamistenführer dem vom Westen unterstützten palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas den Rang ab. Dieser Prozess wird sich wohl durch die israelische Gaza-Politik weiter beschleunigen. Wie kein anderes Ereignis symbolisiert der Besuch des ägyptischen Ministerpräsidenten die veränderten Rahmenbedingungen, unter denen die Operation „Pillar of Defense“ stattfindet. Anders als Ende 2008, als sich das Kriegskabinett des damaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert auf die stillschweigende Unterstützung Husni Mubaraks für die Operation „Cast Lead“ verlassen konnte, hält das postrevolutionäre Kairo angesichts der israelischen Angriffe auf den Gazastreifen nicht mehr still.

Das israelische Militär veröffentlicht Aufnahmen, die die Zerstörung eines Hamas-Regierungsgebäudes zeigen. Unterdessen besucht auch Tunesiens Außenminister den Gaza-Streifen. Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© reuters, Reuters Vergrößern Video: Israelisches Militär setzt Luftangriffe fort

Der arabische Frühling hat die Koordinaten der Region verändert - einen zweiten Gaza-Krieg mit mehr als tausend toten Palästinensern wie im Winter 2008/2009 kann sich Israel kaum leisten. Das Bemühen Kandils um einen Waffenstillstand könnte so bald einer weitaus schärferen Position weichen: Ägyptens Präsident Muhammad Mursi hat bereits deutlich gemacht, dass er auf der Seite der Palästinenser stehe, nicht auf der Israels. Schon am Mittwoch, nur Stunden nach der Tötung des Hamas-Militärführers Ahmed al Dschabari, berief er Ägyptens Botschafter in Tel Aviv nach Kairo zurück.

Friedensvertrag hin oder her: Die Zeit autokratischer Führer in Nordafrika ist vorerst vorbei, zu tun hat es Israel nun mit gewählten Repräsentanten islamistischer Bevölkerungsschichten. Für die mag seit den Revolutionen von 2011 die Sorge um ihre und die Zukunft ihrer Kinder wichtiger sein als der künftige Status Palästinas. Doch die Lage in Gaza, die anhaltende Blockade durch israelische Behörden und die Armee, drängt zwei Jahre nach Beginn der arabischen Aufstände zurück auf die Tagesordnung der arabischen Welt. Nicht nur, aber auch, weil es Führern wie Mursi hilft, von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Feature Angriff auf Gazastreifen © AFP Vergrößern An der Grenze zum Gazastreifen: Der Beschuss des palästinensischen Territoriums geht auch am Samstag weiter

Tag drei des neuen Gaza-Krieges bedeutete aber noch aus einem anderen Grund eine Wende im Dauerkonflikt Israels mit der Hamas, der mit der gezielten Tötung Dschabaris am Mittwoch eskaliert ist. Am Freitag schlugen aus dem Gazastreifen abgeschossene Raketen in der Nähe Tel Avivs und Jerusalems ein - zum ersten Mal seit 1991, als der damalige irakische Präsident Saddam Hussein Israel beschießen ließ. In der Nacht auf Samstag ordnete das Kabinett Ministerpräsident Benjamin Netanjahus und Verteidigungsminister Ehud Baraks die Mobilisierung von 75.000 Reservisten an. Die zweite israelische Bodenoffensive im Gazastreifen innerhalb von vier Jahren wird immer wahrscheinlicher.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gaza Bis zu sieben Milliarden Dollar Schäden

Bei der Geberkonferenz für den Wiederaufbau des Gazastreifens will die internationale Gemeinschaft verhindern, dass die Gelder der Hamas in die Hände fallen. UN-Schätzungen zufolge belaufen sich die Gesamtschäden auf bis zu sieben Milliarden Dollar. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Gaza

09.10.2014, 17:29 Uhr | Politik
Einigung auf unbefristete Waffenruhe

Israel und die Palästinenser haben sich im Gaza-Krieg auf eine neue Waffenruhe geeinigt. Dem Vorschlag Ägyptens stimmten am Dienstag beide Seiten zu. Die neue ägyptische Initiative sieht nach Angaben seitens der Palästinenser weitreichende Vorschläge zu ihren Gunsten vor. Israel und Ägypten betrachten die Hamas ihrerseits als Sicherheitsbedrohung und fordern Garantien dafür, dass keine Waffen in den Gazastreifen gelangen. Mehr

26.08.2014, 23:27 Uhr | Politik
Mehr Geld, als von Abbas erwartet Qatar verspricht Milliarde für Gaza

EU und Amerika versprechen für den Wiederaufbau des Gazastreifens mehr als 600 Millionen Euro. Insgesamt wurden Hilfszusagen in Höhe von 4,3 Milliarden Euro gemacht, Palästinenserpräsident Abbas hatte zunächst drei Milliarden Euro gefordert. Mehr

12.10.2014, 18:34 Uhr | Politik
Hamas und Israel feuern wieder aufeinander

Frustriert von den Verhandlungen in Kairo, beenden Hamas und Islamischer Dschihad die Feuerpause und feuern Raketen nach Israel. Die israelische Luftwaffe schießt zurück. Mehr

08.08.2014, 14:10 Uhr | Politik
Gazastreifen Kaum Hoffnung auf Heilung

An diesem Wochenende soll in Kairo über den Wiederaufbau in Gaza beraten werden. Das wird schwierig: Die seelischen Wunden der Menschen sind schlimmer als die Kriegsschäden. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Gaza-Stadt

11.10.2014, 10:51 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.11.2012, 21:05 Uhr

Keine Rechtfertigung

Von Reinhard Veser

Die Berichte von Menschenrechtlern aus der Ostukraine zeigen, dass die prorussischen Milizen dort ein Schreckensregime errichtet haben. Doch das rechtfertigt nicht die Vergehen der ukrainischen Streitkräfte. Deren Verbrechen müssen verfolgt werden. Mehr 1