Home
http://www.faz.net/-gq5-rhfp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Naher Osten Bundesregierung: Deutsche sollen den Irak verlassen

20.12.2005 ·  Das Auswärtige Amt fordert nochmals alle Deutschen im Irak auf auszureisen. Dagegen hält der Zentralrat der Muslime die Präsenz von Helfern für notwendig. Susanne Osthoffs Schwester Anja ist enttäuscht über mangelnde Unterstützung.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat an ausländische Helfer appelliert, trotz der Gefahren weiter im Irak tätig zu sein. Humanitäre Helfer müßten gerade in Gefahren- und Krisensituationen tätig werden, sagte der Vorsitzende Nadeem Elyas und warnte davor, den Irak „den Verbrechern zu überlassen“. „Wo kämen wir denn hin, wenn jede Möglichkeit einer Gefahr ein Grund dafür sein soll, daß der menschliche Einsatz unterbunden würde?“

Über die im Irak entführte und nach 25 Tagen Geiselhaft freigelassene Susanne Osthoff sagte Elyas: „Auf jeden Fall sollte sie nicht einfach ihre Lebensaufgabe aufgeben aufgrund eines terroristischen Aktes.“ Die Deutsche habe keinerlei Schuld an ihrer Entführung gehabt, sagte Elyas dem „Kölner Stadtanzeiger“. Für Osthoffs Engagement im Irak, das im Zuge der Entführung kritisiert worden war, forderte Elyas daher mehr Anerkennung.

„Wunder können wir nicht bewirken“

Dagegen forderte das Auswärtige Amt abermals alle Deutschen im Irak auf, das Land zu verlassen. Staatsminister Gernot Erler (SPD) sagte dem NDR am Dienstag, er hoffe, daß die Lehre aus dem Fall Osthoff gezogen werde. Das Risiko, entführt zu werden, sei „sehr hoch“ und nicht immer gehe eine Entführung so glimpflich aus.

Der frühere Staatsminister im Auswärtigen Amt Jürgen Chrobog kritisierte ein „Sozialversicherungsdenken“ mancher Deutscher im Ausland. Wer sich in Gefahr begebe, müsse das Risiko kennen, sagte Chrobog dem Bayerischen Rundfunk. „Man erwartet ja immer eine Rundumversicherung des Staates, aber Wunder können wir nicht bewirken.“

Derzeit leben etwa 100 Deutsche im Irak, die meisten von ihnen wegen familiärer Bindungen. Außerdem halten sich einige deutsche Diplomaten in Bagdad auf. Deutsche Aufbauhelfer oder Mitarbeiter humanitärer Organisationen sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes so gut wie nicht mehr im Irak - und wenn sie einreisen, dann nur für möglichst kurze Zeit.

Osthoffs Schwester enttäuscht über geringe Unterstützung

Anja Osthoff hat sich über mangelnde Unterstützung der Bevölkerung während der Entführung ihrer Schwester Susanne im Irak beklagt. Zur Mahnwache in Berlin etwa hätte sie „schon tausend Leute erwartet, vor allem jüngere“, sagte Anja Osthoff der „Süddeutschen Zeitung“. „Es war gut angekündigt, aber es waren mehr Medien als Bürger da. Das war für mich sehr bedenklich.“

Die deutschen Behörden seien sehr nett und hilfsbereit gewesen. „Anfangs haben mich fast täglich BKA-Beamte besucht.“ Sie selbst habe am vergangenen Sonntag „so um 19 Uhr“ von der Freilassung ihrer Schwester im Irak erfahren. „Das war wie ein Blitz.“ Nun hoffe sie, ihre Schwester bald zu sehen, „sie einfach in den Arm zu nehmen, zu sehen, das passiert wirklich“.

Wieder Ausländer in Bagdad entführt

Das Entführungsopfer Susanne Osthoff bedankte sich telefonisch beim Krisenstab in Berlin für die erfolgreichen Bemühungen um ihre Freilassung. Sie will zunächst fernab Deutschlands einige Tage mit ihrer Tochter verbringen und befand sich nach Angaben des Auswärtigen Amts am Dienstag weiter in deutscher Obhut in Bagdad.

In der irakischen Hauptstadt hat unterdessen eine Gruppe von Bewaffneten am Dienstag einen Jordanier entführt, der als Fahrer für die Botschaft seines Landes arbeitet. Die jordanische Nachrichtenagentur Petra meldete, Mahmud Saidat sei mit seinem Privatwagen auf dem Weg zur Arbeit gewesen, als ihn die Entführer, die mit drei Autos unterwegs waren, zum Aussteigen zwangen und verschleppten.

Sunniten-Partei: Fälschung bei Parlamentswahl

Sunnitische Politiker im Irak haben die Ergebnisse der Parlamentswahl in der Hauptstadt Bagdad als gefälscht bezeichnet. „Sie sollten die Zahlen sofort korrigieren“, sagte Tarik al Haschemi von der Irakischen Islamischen Partei am Dienstag. Ein anderer sunnitischer Politiker, Adnan al Dulaimi, sagte: „Wir fordern eine Wiederholung der Wahl in Bagdad.“

Nach ersten Ergebnissen der Wahlkommission erhielt die regierende Schiiten-Allianz in Bagdad 59 Prozent der Stimmen - und damit mehr als viele Beobachter erwartet hatten. Demnach kam die sunnitische Irakische Front der Übereinstimmung in der Hauptstadt nur auf 19 Prozent; die nicht-religionsgebundene Irakische Nationale Liste des früheren Ministerpräsidenten Ijad Allaui erreichte 14 Prozent. Landesweite Ergebnisse werden frühestens in zwei Wochen erwartet.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Blick in den Abgrund

Von Thomas Gutschker

Die Krise in der Eurozone bringt Klarheit: Jeder weiß jetzt, was auf dem Spiel steht. Auch die Griechen. Sie stimmen in zwei Wochen formell über ihr Parlament, tatsächlich aber über ihren Verbleib in der Eurozone ab. Mehr 1 1