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Naher Osten Bleiben wir stark, retten wir die ganze Welt

27.07.2004 ·  Die Kassem-Rakete ist noch heiß. Sie hat ein Gewächshaus im Gaza-Streifen durchflogen und ist aufgeschlagen, ohne zu explodieren. Michael Nizan schmunzelt, als er den Hamas-Aufkleber entdeckt: „Das ist neu.“

Von Hans-Christian Rößler, Gush Katif
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Michael Nizan beugt sich über das grüne Blechrohr mit den kleinen Stummelfügeln, das sich vor ihm in den Sand gebohrt hat. Die Kassem-Rakete ist noch heiß; sie hat ein Gewächshaus durchflogen und ist aufgeschlagen, ohne zu explodieren. Der stellvertretende Sicherheitschef der 21 jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen begutachtet das Geschoß und schmunzelt, als er den Hamas-Aufkleber entdeckt. "Das ist neu", sagt er.

Ein halbes Dutzend solcher Raketen gehen manchmal an einem Tag in Gush Katif nieder - manche mit schlimmeren Folgen als diese. Doch damit kann Michael Nizan leben. Viel stärker beunruhigt ihn der Plan des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon, schon in wenigen Monaten das aufzugeben, was er und seine Leute Tag und Nacht verteidigen: Knapp 8200 Siedler wohnen im Gaza-Streifen in den Dünen nicht weit vom Sandstrand - mitten unter 1,4 Millionen Palästinensern.

Rückzug ohne Bedingungen

"Dieses Mal wird es wohl wirklich ernst", befürchtet Michael Nizan, der sein kleines Fertighäuschen nie ohne das quäkende Funkgerät und seine "Micro-Uzi" verläßt, eine kleine Maschinenpistole, die in eine größere Handtasche paßt; wie er sind viele Einwohner der Siedlung bewaffnet. "Bisher konnten wir uns immer auf die Araber verlassen", spottet er. Dieses Mal sei es aber anders, denn Scharon hat den israelischen Abzug aus Gaza und vier abgelegenen Siedlungen im Norden des Westjordanlandes nicht von Bedingungen an die Palästinenser abhängig gemacht, wie andere Friedensangebote zuvor.

Sollte es vielleicht schon vom November 2004 an wirklich so weit kommen, wäre der 38 Jahre alte Mann mit den schweren Stiefeln als Stellvertreter des Sicherheitschefs einer der letzten, der Gush Katif verlassen würde. Dieser Gedanke fällt Michael Nizan aber noch schwer. Einen Großteil des Jahrzehnts, das er im Nahen Osten lebte, hat er in der Siedlung zugebracht. Zuerst war der ausgebildete Feinmechanik-Ingenieur aus Sonthofen in ein Kibbutz in Nordisrael gezogen und zum Judentum übergetreten. Seinem Deutsch ist der Allgäuer Akzent noch anzuhören. Von Abbruchstimmung ist in Gush Katif nichts zu spüren. Statt dessen bauen Arbeiter neue Gewächshäuser, andere decken Dächer neuer weiß gestrichener Einfamilienhäuser mit roten Kacheln.

Rasantes Wachstum

Die Bevölkerung der Siedlungen ist im vergangenen Jahr schneller gewachsen als in allen anderen Teilen der besetzten Gebiete und in Israel. 338 Menschen sind allein im ersten Halbjahr in den Siedlungsblock von Gush Katif gezogen - die meisten in die religiösen Siedlungen von Netzarim, Kfar Darom und Morag, die als erste geräumt werden sollen. Auch die bebaute Fläche in Gush Katif hat nach Beobachtungen der Organsiation "Frieden Jetzt" noch einmal um 190.000 Quadratmeter zugenommen - Raum ist auf den Dünen noch genug, auch wenn es schon fast alles gibt, was die Einwohner brauchen: allein im Hauptort Neve Dekalim stehen drei große Synagogen. Es gibt Supermärkte und Krabbelstuben genauso wie weiterführende Schulen. Wer mit den drei Stränden nicht zufrieden ist, kann ins Süßwasserfreibad gehen. Und Industriearbeitsplätze bietet die Fabrik des größten israelischen Herstellers für Panzertüren an.

Die Mitarbeiter der Verwaltung von Gush Katif werben aber nicht nur um neue Einwohner. Sie haben auch die Israelis im Blick, die keine Siedler sind oder werden wollen, und haben dabei einigen Erfolg: 200.000 Menschen nahmen nach ihren Angaben an der Menschenkette am Sonntag von Gush Katif bis zur Klagemauer in Jerusalem teil, die sie organisert hatten, um gegen die Rückzugspläne zu demonstrieren. Die Polizei sprach von gut 120.000 Teilnehmern.

Am Unabgängigkeitstag Ende April mobilisierten sie schon etwa 100.000 Israelis, die in den Gaza-Streifen kamen, um ihre Solidarität mit den Siedlern zu bekunden. "Das ist noch lange nicht das Ende", sagt Dina Abramson, die im Pressebüro von Gush Katif arbeitet, über den Beschluß des israelischen Kabinetts, sich aus Gaza zurückzuziehen. "Wenn wir hier stark bleiben, werden wir die ganze Welt retten", sagt sie selbstsicher voraus. Sonst würden sich nur die Terroristen ermutigt fühlen, die nach ihrer Ansicht dabei sind, einen "Dritten Weltkrieg" zu entfachen.

„Gebt Ihnen doch endlich den Gaza-Streifen!“

Wie der alltägliche Terror aussieht, wissen die Einwohner von Gush Katif aus eigener Erfahrung. Knapp 5000 Granaten haben militante Palästinenser schon auf den Siedlungsblock abgefeuert. Mehr als 20 Tote waren seit dem Beginn der zweiten Intifada unter den Einwohnern zu beklagen. Aber um ein Vielfaches höher war die Zahl der Soldaten die ums Leben kam, um die Siedler zu schützen.

Tagsüber gleicht die Umgebung des verbarrikadierten Stützpunkts der Marineeinheit am menschenleeren Sandstrand von Gush Katif eher einem Urlaubsort. Aber auch das tägliche Bad in der tiefblauen Brandung kann den Reservesoldaten Guy nicht mit seinem Einsatzort versöhnen. "Gebt Ihnen doch endlich den Gaza-Streifen! Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen", schimpft der Soldat in der Badehose, der jetzt lieber mit seinen Kindern am Strand von Tel Aviv spielen würde. Kein Soldat wolle hier freiwillig her. "Die Siedler waren ein politischer Fehler."

Jeder Dritte hat keine Arbeit

Dennoch kommen jeden Tag gut 2000 Palästinenser aus Khan Yunis und Rafah nach Gush Katif. Sie arbeiten in den Gewächshäusern und ernähren damit oft ihre ganze Großfamilie. Seit dem Beginn der zweiten Intifada vor fast vier Jahren ist der Gaza-Streifen für praktisch alle Palästinenser von der Außenwelt abgeriegelt. Mindestens jeder dritte Einwohner hat keine Arbeit, zwei Drittel leben unterhalb der Armutsgrenze. Um in Gush Katif arbeiten zu dürfen, müssen Palästinenser mindestens 27 Jahre alt und verheiratet sein und Kinder haben - wer jünger ist, könnte ein Terrorist sein.

Hamdi ist 27 Jahre alt und kommt aus Khan Yunis. Er ist froh um die 40 bis 50 Schekel (knapp zehn Euro), die er in dem Salatgewächshaus jeden Tag verdienen kann. Einem Ende der Siedlungen in Gaza sieht er besorgt entgegen: Wo er arbeiten werde, wenn die Siedler wirklich verschwinden sollten, wisse er nicht, sagt der bärtige Palästinenser.

In seinem Gewächshaus kommen die meisten Arbeiter aus Thailand. Die etwa 2000 Thailänder kosten die Bauern mehr als Palästinenser wie Hamdi. Die Asiaten verdienen mehr, erhalten eine Unterkunft und Geld für ihr Flugticket - darüber hinaus steht ihnen regelmäßig noch ein Sack Reis zu. Obwohl vor wenigen Tagen ein Thailänder in Kfar Darom bei einem palästinensischen Angriff erschossen wurde, wollen die meisten bleiben. Davon konnte sie auch der thailändische Botschafter nicht abbringen, der sie vor kurzem in Gush Katif besuchte. Denn eigentlich sind sie illegal dort: Ihre Visa gelten nur für Israel, aber nicht für die besetzten Gebiete.

„Früher waren Siedler und Palästinenser gute Nachbarn“

Trotz des Terrors sind die Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten in Gush Katif besser als in Israel. Anfangs haben die Bauern in Gush Katif mit biologisch angebautem Gemüse experimentiert, das sie bis heute nach Deutschland exportieren. Jetzt sind ihre wichtigsten Kunden orthodoxe Juden: Auch Salat, Blumenkohl oder Sellerie müssen koscher sein. Die religiösen Vorschriften verlangen, daß sich in den Blättern kein noch so kleines Insekt versteckt. Deshalb sind die Gewächshäuser mehrfach mit Netzen und Türschleusen gesichert. Ein Rabbi kontrolliert zum Teil täglich Anbau und Ernte. Findet er etwas Lebendiges, landen manchmal mehrere tausend Köpfe Salat auf der Müllhalde.

Anita Tucker baut für Orthodoxe in Israel und Europa Sellerie an. Seit 28 Jahren lebt sie in Gush Kativ. Trotz der Hitze im Gewächshaus trägt die 58 Jahre alte Frau, die einst aus Amerika eingewandert ist, eine hellrote Kopfbedeckung, die sie als religiös kennzeichnet. Früher seien die Palästinenser und sie gute Nachbarn gewesen, schwärmt sie - "bis Arafat zurückgekommen ist". Zuvor haben die Palästinenser in Gaza nach ihrer Ansicht sehr von den Israelis profitiert. Sie selbst beschäftigt jedoch seit einiger Zeit keine Palästinenser mehr. "Nach drei Morden in meiner Siedlung kann ich das nicht mehr".

Die stämmige Bäuerin, deren fünf Kinder im Gaza-Streifen aufgewachsen sind, kann sich nicht vorstellen, daß es zum Rückzug kommt. "Ob ich hier wegziehe oder nicht, wird das Problem mit den Palästinensern auch nicht lösen", sagt sie voraus. Eines steht für sie fest: Sie will nicht mehr Flüchtling werden, wie ihre Großeltern, die aus Polen und ihre Eltern, die aus Deutschland vertrieben wurden.

Protest in KZ-Uniformen?

An den Holocaust scheinen sich auch andere Siedler in Gush Katif erinnert zu fühlen. So erhält zum Beispiel Jonathan Basi, der für die Regierung die Räumung der Siedlungen organisieren wird, auch aus Gush Katif E-Mails, die ihn nicht nur als Henker, sondern auch als "Kapo" und "Judenrat" beschimpfen. Bewußt an diese Vergangenheit anknüpfen wollen offenbar einige in Gush Katif, sollte die Regierung sie wirklich zum Abzug zwingen. So ist dort zu hören, daß schon KZ-Uniformen in Auftrag gegeben wurden und in Deutschland nach einem Kübelwagen der Wehrmacht gesucht wird. Vor den israelischen Soldaten, die sie vertreiben sollen, werde dann die Judenvertreibung von damals nachgespielt - zu den Klängen von Wagner-Musik, die die Kapelle von Gush Katif spielen wird. Solche Bilder werde keine israelische Regierung überleben, hoffen die Planer.

Michael Nizan glaubt nicht, daß es zu bewaffnetem Widerstand kommt. Der stellvertretende Sicherheitschef rechnet nur etwa ein Drittel der Einwohner von Gush Katif zum "harten Kern, der sich mit Händen und Füßen wehren wird". Natürlich könnten militante Siedler vor dem Abzug hierher kommen, befürchtet er. "Israel wird nach dem Abzug nicht mehr dasselbe sein", sagt Michael Nizan. Und Gush Katif hat nach seiner Ansicht nichts mit Israel zu tun. "Es ist ein Traum. Null Kriminalität. Die Autos kann man offen lassen und zuletzt hat man vor einem Jahr Jugendliche dabei ertappt, als sie am Strand heimlich Marihuana rauchten" - wenn nur die Palästinenser nicht wären, sagt er und beaufsichtigt eine schwer gepanzerte Planierraupe.

Bewacht von einem Panzer entsteht neben dem breiten Grenzstreifen gegenüber von Khan Yunis eine neue Straße für die Armee. Nicht weit davon entfernt, in Neve Dekalim, stehen einige unscheinbare Fertighäuschen, deren Farbe abblättert. Sie stammen aus Yamit. Dort, auf der Sinai-Halbinsel, hatte Israel 1982 zum ersten Mal Siedlungen geräumt. Einige davon bauten die Siedler in Gush Katif wieder auf. Wohin sie gehen, wenn die Siedlung geräumt ist? Einige sprechen davon, in Südamerika neu anzufangen. Michael Nizan hat schon darüber nachgedacht, für eine Sicherheitsfirma im Irak zu arbeiten - um wenigstens einmal richtig Geld zu verdienen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. Juli 2004
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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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