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Naher Osten Beton und Eisen auf dem Weg nach Bethlehem

24.12.2005 ·  Israelische Sicherheitsvorkehrungen beschweren das Leben der palästinensischen Christen. Zumindest von Heiligabend an erlaubt Israel allen palästinensischen Christen, ihre Verwandten in Israel und Jerusalem zu besuchen.

Von Jörg Bremer, Bethlehem
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Maria und Josef würden heute wahrscheinlich Bethlehem nicht erreichen. Die Geburtsstadt Jesu wird von drei Seiten mit Mauer und Zaun eingeschlossen. Der bisherige Grenzübergang zwischen der einstmaligen Partnerstadt Jerusalem und Bethlehem wurde aufgegeben. Auch um der palästinensischen Bevölkerung noch mehr Land zu nehmen, liegt er nun tiefer in arabischem Gebiet. Die Olivenbäume der Familien Nassar oder Giacaman tragen jetzt auf der israelischen Seite der Mauer ihre Früchte.

Westlich der Partnergemeinde Beit Dschala entsteht eine zweite Mauer und schneidet wohl bald der deutschen Schule Talitha Kumi den Atem ab. Dabei geht es Israel um den Schutz der Siedlungen in Gush Etzion weiter südlich. Nach Osten schlängelt sich der Zaun von Bethlehem zu den „Feldern der Hirten“ nach Beit Sahur und ermöglicht den freien Zugang zu Siedlungen beim Herodesgrab Herodion, in denen trotz beschwichtigender Worte Israels an die Welt weiter gebaut wird.

Seit einigen Tagen verliert sich der Reisende von Jerusalem nach Bethlehem in einem neuen Grenzübergang aus Beton und Eisen. Er sieht weder den Eingang des Kontrollpunkts noch sein Ende. Als Fußgänger wird er in einer käfigartigen Passage weitergeleitet - immer in dem Bemühen der Armee, ihn möglichst weit weg von den Soldaten zu halten, die sich von Bomben und Messern bedroht fühlen. Der Besucher im Wagen fährt ein Stück parallel zwischen Mauer und Zaun und wird von Soldaten hinter Panzerglas abgefertigt.

Bethlehem: ein Kernlager der Islamisten?

Einen eigenen Weg an der Mauer entlang nimmt der israelische Bus, der das traditionelle „Grab der Rachel“ ansteuert. Das einst osmanische Grabhäuschen verschwand allmählich hinter einer Betonfestung. Wo früher Jüdin und Muslimin nebeneinander für ihre Fruchtbarkeit beteten, beweisen heute nationalreligiöse Israelis ihr Platzrecht.

Von Heiligabend an werde Israel allen palästinensischen Christen bis zum Ende der armenischen Weihnachtstage erlauben, ihre Verwandten in Israel und Jerusalem zu besuchen, gibt das Militär bekannt. Auch gebe es freie Durchfahrt zwischen Gazastreifen und Westjordanland. Israelische Araber dürften nach Bethlehem - eine seltene Vergünstigung, von der an diesem Vorweihnachtstag nichts zu spüren ist. Oberstleutnant Feigel, der israelische Leiter der Koordinierung mit der Polizei in der Autonomieverwaltung, sagt im Rundfunk, die palästinensische Polizei werde alles dafür tun, um die Lage zu beruhigen. Das paßt nicht recht zum Hinweis anderer Generale, die Bethlehem als ein Kernlager der Islamisten bezeichnen, oder zur Erfahrung vom Wochenanfang, als sich vermummte und bewaffnete Fatah-Kämpfer Zugang zum Rathaus verschafften, um gegen Korruption und für einen eigenen Platz in der Polizei zu demonstrieren.

Der neue Bürgermeister von Bethlehem, Victor Batarseh, ein Katholik, versucht, Pilger in die Stadt zu locken. Doch obwohl sich die Zahl der Israel-Pilger im ausgehenden Jahr verdoppelte, wuchs der Zug der Pilger nach Bethlehem wenig. Batarseh vertritt eine Stadt, in der bei den letzten Kommunalwahlen die extremistischen Gruppierungen Hamas und Islamischer Dschihad sieben der 15 Ratssitze eroberten. Die Zunahme der Islamisten beschwert das Leben der Christen genauso wie das traditionell rebellische Treiben der Clans in der Region, die gern gegen Christen vorgehen - mal durch die Belästigung der Frauen, mal durch windige Rechtshändel um Geschäfte. Nach inoffiziellen Zahlen emigrierten allein zwischen dem Beginn der zweiten Intifada im September 2000 und November 2001 gut 1.600 Christen aus Bethlehem.

„Bethlehem-Paß“ für Geldgeber und Gönnern

In den drei zusammengewachsenen Gemeinden Bethlehem, Beit Sahur und Beit Dschala sollen von derzeit 150.000 Bürgern nur noch etwa 20 Prozent Christen sein. Das erklärt, warum sich im April 2002 die Bevölkerung kaum wehrte, als sich mehrheitlich muslimische Kämpfer in der Geburtsbasilika verbargen und aus der Kirche heraus schossen, während die israelische Armee die Kirche umlagerte und unter Feuer nahm. Die arabischen Christen blieben weitgehend stumm. Bürgermeister Batarseh bedauert, daß so viele frühere Einwohner seiner Stadt nun in der Welt versprengt leben, und ruft sie dazu auf, doch auch in Südamerika oder Australien mehr für ihre Heimat zu tun.

In seiner Weihnachtsbotschaft beklagt Batarseh die Einkreisung der Stadt durch die Sicherheitsmauer. Illegale Siedlungen würden sich auf Kosten des landwirtschaftlichen Raumes ausdehnen. Anfang des Monats stellte Batarseh trotzig das Programm „Offenes Bethlehem“ vor, das großen Geldgebern und Gönnern einen „Bethlehem-Paß“ anbietet. Der Papst erhielt den ersten. Der katholische Patriarch von Jerusalem, Sabah, beklagt, die Umzingelung der Stadt sowie Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit schürten nur noch mehr Gewalt.

In der Stadtmitte nahe der byzantinischen Geburtsbasilika erinnert ein lieblos geschmückter Weihnachtsbaum an das Christfest; hier ein Plastikweihnachtsmann vor einem Geschäft, dort eine saisongerechte Fensterauslage. Der evangelische Pastor Mitri Raheb erwartet immerhin Gäste in seinem Hospiz. Doch die Lage sei eher noch schlechter als vor einem Jahr, wiewohl allenthalben über Hoffnung gesprochen werde. Ein gutes Zeichen sei, daß sich nun der israelische Tourismusverband kritisch über die israelischen Sicherheitsmaßnahmen äußere. „Es muß deutlich werden, daß Israel hier nicht nur den Palästinensern schadet und sie radikalisiert“, sagt Raheb. „Israel schadet vor allem auch sich selbst.“

Quelle: F.A.Z., 24.12.2005, Nr. 300 / Seite 6
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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