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Naher Osten Aus der Isolation zum gefürchteten Helden

26.11.2004 ·  Der in Israel inhaftierte Palästinenserführer Barguti wird nicht bei der Präsidentenwahl für eine Nachfolge von Jassir Arafat kandidieren. Er unterstütze die Kandidatur des neuen PLO-Chefs Mahmud Abbas.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
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Der in Israel inhaftierte Palästinenserführer Marwan Barguti wird nicht bei der Präsidentenwahl für eine Nachfolge von Jassir Arafat kandidieren. Barguti unterstütze nun die Kandidatur des neuen PLO-Chefs Mahmud Abbas, sagte der palästinensische Minister ohne Geschäftsbereich, Kadura Fares, am Freitag in Ramallah. Er hatte Barguti Stunden zuvor in einem israelischen Gefängnis besucht, um ihn von einer Kampfkandidatur abzubringen, weil dies die Fatah-Bewegung hätte spalten können.

Viele junge Fatah-Führer wollen Marwan Barguti. Schon vor zwei Wochen fühlten sie sich ausgeschlossen, als relativ unvermittelt das Fatah-Zentralkommitee den damals gerade gekürten PLO-Chef Abbas zum Fatah-Kandidaten für das Präsidentenamt für die Wahl am 9. Januar bestimmte: Der 69 Jahre alte Mahmud Abbas gehöre als Vertreter der greisen Tunis-Garde abgelöst, schimpften sie.

Ein Aktionsbündnis aus vermeintlichen Getreuen des verstorbenen PLO-Chefs Arafat um seinen Neffen, den Polizeiobristen Moussa Arafat, und den Fatah-Chef in Gaza, Ahmed Halas, verlieh dieser Forderung lautstark Nachdruck. Sie ließen ihre Kämpfer unvermummt schießen, als Abbas gerade in einem Trauerzelt für Arafat die Kondolenzen entgegennahm. Der Kandidat wurde nicht verletzt. Abbas spielte den halbherzigen Anschlag herunter und steht seither in intensiven Friedensverhandlungen.

Ziehsohn Arafats

Schossen diese Abbas-Gegner aber auch für Barguti? Im Frühjahr war der 45 Jahre alte bisherige Fatah-Generalsekretär in Ramallah wegen der Beihilfe zum Mord an mehreren Israelis zu fünfmal lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Prozeß mag juristisch korrekt gewesen sein; aber das Urteil konnte sich nur auf Indizien stützen. Schon seit der Entführung Bargutis aus seinem Versteck in Ramallah hatte es deshalb geheißen, Israel erhebe nun selbst Barguti zu einem möglichen Arafat-Nachfolger. Zu seinem Ruf hatte Arafat beigetragen. Er behandelte Barguti wie seinen Sohn und möglichen Erben. Das ließ sich jener gefallen, ohne auf den wirklichen oder gespielten Generationskonflikt zu verzichten. Vater und Sohn zankten und vertrugen sich aber wieder.

Gewiß erhielt Barguti Geld von Arafat, mit dem er nach israelischen Angaben den Terror schürte. Bis zum Beginn der zweiten Intifada war er jedoch ein Mann des Kompromisses und des Dialogs mit Israel, der in israelischer Haft gut Neuhebräisch gelernt hatte. Erst der Weiterbau in den Siedlungen auch während der Endstatusverhandlungen bis Anfang 2001, die Abschnürungen der Palästinensergebiete und brutale Militäraktionen hätten Barguti dazu gebracht, auch wieder zur Waffe zu greifen, hieß es.

Kandidiert Barguti

Für viele Palästinenser wurde Barguti zu einem Helden, besonders im Westjordanland. Nach seiner Verhaftung wurde er dann in Umfragen nach Arafat, aber vor prominenten Islamisten zum beliebtesten Führer. Im Gegensatz zu Politikern wie Abbas war er nicht im Exil in Tunis, blieb bescheiden; ihm wurde auch keine Korruption vorgeworfen. Er wurde für viele zum Vertreter der Generation, die in den vergangenen vier Jahren der "Al-Quds-Intifada" die Heimat verteidigt hatte, verfolgt und verurteilt wurde und nun belohnt werden soll. Aber wie sieht Barguti das selbst?

In Einzelhaft sitzt er im Gefängnis von Beerschewa in der Negev-Wüste. Nur sein israelisch-arabischer Anwalt Dschawad Bolous darf bisweilen zu ihm, und von dem hieß es nun, Barguti wolle kandidieren. Schon vor Tagen hatte Bargutis Ehefrau die Unterlagen für seine Kandidatur abgeholt. Aber hat sich jemand mit Barguti ernsthaft darüber unterhalten? Bisher verbot das die Gefängnisverwaltung.

Am Freitag aber genehmigte Ministerpräsident Scharon den Besuch einiger israelischer Abgeordneter, die Barguti aber nur nacheinander sehen dürfen. Zudem wurde am Freitag morgen ein ihm mehr Vertrauter, der palästinensische Minister Kadura Fares, zu Barguti vorgelassen. Er riet Barguti von der Kandidatur ab. Denn nach dem elitären Fatah-Zentralkomitee der "alten Fatah-Prinzen" hatte jetzt auch der größere Revolutionsrat der Fatah Abbas zum Kandidaten gekürt. Fares tat das freilich nicht mit dem Hinweis darauf, daß Israel ihn ohnedies nicht amnestieren werde; denn hierzu ist das letzte Wort nach jüngsten Äußerungen von Präsident Katsav noch nicht gesprochen. Es ist unter anderem von einem Gefangenenaustausch die Rede, der den Israeli Assam in ägyptischer Haft einschließen könnte.

Warten auf die Antwort

Die Besucher Bargutis werden ihn vielmehr dazu bewegen wollen, Abbas zu unterstützen, weil jener als Interimspräsident mit guten Beziehungen nach Israel und ins Ausland besser geeignet sei, die Lage zu beruhigen. Barguti sei jung genug, um das aus dem Gefängnis verfolgen zu können, bevor seine Zeit komme. Fares bestellte Barguti auch Grüße von Abbas.

Von Abbas weiß man, daß er Barguti schätzt und auf seiner Seite wissen möchte. Barguti-Vertraute wie der palästinensische Abgeordnete Abdul Kader versichern darum auch, daß Barguti nicht daran denke, Abbas zu schaden. Fares teilte dem Häftling mit, daß es erstmals seit 17 Jahren bald interne Fatah-Wahlen geben werde, bei denen sich Barguti zunächst bewerben sollte. Dann werde es wohl schon im Juni Wahlen für den Autonomierat, das palästinensische Parlament, und das Amt des Ministerpräsidenten geben. Lange schon war in Israel und im Ausland gefordert worden, daß sich der palästinensische Präsident auf repräsentative Aufgaben konzentrieren und der Ministerpräsident mehr Macht erhalten soll. Das wollte man damals, um Präsident Arafat zu schwächen. Nun ist das ein Gesetzesvorhaben.

Gespannt wartet man nun in Israel und in den palästinensischen Gebieten auf Bargutis Antwort. Eines steht jedoch schon fest: Israel mag versucht haben, den Fatah-Führer zu isolieren und ins Abseits zu drängen. Tatsächlich aber machte Israel Barguti zum Opfer und damit auch zum gefährlichen Helden. Und gab es nicht auch schon in Israel mit Begin und Schamir Ministerpräsidenten, die vom Terror zur Macht aufstiegen?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2004, Nr. 278 / Seite 9
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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