11.11.2004 · Kalkül statt Sympathie: Die arabischen Autokraten haben sich bis zum Ende hinter Arafat und die palästinensische Sache gestellt. Doch die Loyalität war kaum mehr als ein Lippenbekenntnis.
Von Rainer Hermann, IstanbulDie arabischen Führer haben Arafat nie geliebt, sie haben ihn aber benutzt und mit ihm gespielt. Gerade die „Frontstaaten“ haben sich hinter Arafat und die palästinensische Sache gestellt. Weniger aber aus Sympathie als aus einem Kalkül - nämlich von den Mißständen in ihren Ländern abzulenken. Solange der Palästina-Konflikt nicht gelöst sei, könne man nicht das Risiko eingehen, die arabischen Gesellschaften und Volkswirtschaften zu liberalisieren, hieß es immer wieder.
Denn bereits der ägyptische Präsident Nasser hatte ja 1956 dazu aufgerufen, alle arabischen Staaten in einer radikalen Transformation in sozialistische Staaten zu überführen, um in der Konfrontation mit Israel zu bestehen. Noch heute ist die Bereitschaft zu Reformen in der arabischen Welt nicht gerade ausgeprägt. Daher hielten die arabischen Staaten auch an Arafat fest. Denn bis zuletzt war er eine Gewähr dafür, daß der Konflikt mit Israel nicht gelöst wird. Die Loyalität zu Arafat war aber immer nur ein Lippenbekenntnis. Den schönen Worten folgten selten Taten, und so fand Arafat unter arabischen Autokraten auch nie einen wirklichen Freund.
Opfer des übermächtigen Westens
Für die arabische Straße ist Arafat in den vergangenen Jahren aber immer mehr ein Held geworden, vor allem seit arabische Nachrichtensender den Alltag in den besetzten Gebieten direkt in die Wohnzimmer von Casablanca bis Bagdad übertragen. Mit dem Leiden der arabischen Brüder Palästinas wurde Arafat zum Symbol vieler, die sich als Opfer des übermächtigen Westens, als dessen Brückenkopf im Nahen Osten noch immer viele Araber Israel wahrnehmen, sehen. Im Zeitalter des Satellitenfernsehens neigen daher die Araber dazu, die Palästina-Frage noch immer mit großer Selbstverständlichkeit als das Zentrum arabischer Politik zu bezeichnen.
Arafats Position war nicht einfach. Den meisten arabischen Führern hat der Status quo gefallen. Einen Krieg mit dem militärisch überlegenen Israel wollte seit 1973 keiner mehr führen, der Palästinenser wegen schon gar nicht. Ohne arabische Unterstützung konnte Arafat die Sache der Palästinenser aber nicht am Leben halten. Die arabische Welt ist zudem notorisch gespalten. Daher war Arafat gezwungen, zwischen den unterschiedlichen Interessen zu lavieren. Meist ging das gut. Einmal, als nach der irakischen Besetzung Kuweits die Interessen zu weit auseinandergingen, gelang ihm das nicht. Er setzte auf Saddam Hussein, und die Palästinenser zahlten einen hohen Preis. Sie verloren die finanzielle Unterstützung der reichen Golfstaaten.
Wechselhafte arabische Politik
Die Beziehung zur arabischen Regionalmacht Ägypten war von Beginn an gespannt. Präsident Nasser sah in der Palästinensischen Befreiungsorganisation in den sechziger Jahren ein Mittel, um die Palästinenser zu steuern. Arafats Fatah stand zu dieser Zeit noch außerhalb der PLO und durchaus in Konkurrenz zum Dachverband. Nassers Pläne scheiterten, Arafats Popularität unter den Palästinensern führte dazu, daß die Fatah der PLO nicht nur beitrat, sondern diese quasi übernahm. Die Politik der arabischen Staaten gegenüber der PLO war stets wechselhaft. Einmal haben sie die PLO als Vertreterin der Palästinenser anerkannt und dann wieder nicht, sie haben die Palästinenser in und aus ihren Ländern agieren lassen und ihnen dann die Unterstützung wieder entzogen.
Bis in die achtziger Jahre hat etwa Syriens Präsident Hafez al Assad die PLO gefördert. 1985 ließ er aber zu, daß Arafat feindlich gegenüberstehende Palästinensergruppen in Damaskus eine „Nationale Rettungsfront“ gründeten. Anfang der neunziger Jahre vollzog er einen abermaligen Schwenk, als er die Büros der islamistischen Hamas und des Islamischen Dschihad nach Damaskus holte. Andererseits hatte Arafat auch Möglichkeiten, in die Innenpolitik der arabischen Länder einzugreifen. Denn die großen Palästinenserlager, die auf den Chef der PLO hörten, waren vor allem in Syrien, Jordanien und im Libanon immer eine Gefahr für die innere Stabilität der Länder. Und als die Araber 1967 gegen Israel eine verheerende Niederlage einsteckten, nutzte Arafat das entstandene politische Vakuum im Nahen Osten geschickt für sich aus.
Araber fühlen sich überdrüssig
Immer mehr Araber sind heute aber des Palästina-Konflikts überdrüssig. Mit den neuen Freiheiten der Medien haben auch sie erfahren, wie korrupt Arafat war. Das trieb den islamistischen Gruppen der Palästinenser Sympathien zu. Arafat, der letzte Führer, der sich bis zuletzt in Uniform und mit Revolver in der Öffentlichkeit bewegt hat, stand für die alte Zeit.
Immer mehr setzt sich in der arabischen Welt die Erkenntnis durch, daß nicht Israel der größte Feind ist, sondern der Terrorismus. Nach dem Ende der Trauerzeit für Arafat werden daher in den arabischen Hauptstädten einige aufatmen und ihre Hoffnungen auf eine jüngere Generation der Palästinenser setzen, deren Vertreter mehr als der verstorbene „Rais“ (Führer) bereit sind, die Realitäten anzuerkennen und Kompromisse einzugehen.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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