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Naher Osten Abbas, Qadumi und die Islamisten

11.11.2004 ·  Fatah-Chef „Abu Lutuf“ Qadumi ist aus seinem Exil in Tunis zurückgekehrt. Nun fordert er sein Erbe und vor allem die Fortsetzung des Krieges. Damit stellt er sich offen gegen Abbas und Qurei.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
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In Paris war plötzlich wieder Faruk Qadumi (“Abu Lutuf“) dabei. Der bisherige Chef der politischen Abteilung der PLO, 1931 bei Kalkilja geboren und in Haifa aufgewachsen, hatte wegen seiner Ablehnung der Oslo-Verträge das Exil von Tunis nie verlassen und darum auch kaum Anteil an der Entwicklung in Ramallah. Nun aber fordert Qadumi sein Erbe ein.

Bisher war er Generalsekretär der stärksten Fraktion in der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, der Fatah, die mit ihren konservativ geschätzten 11.000 Mitgliedern den größten Teilverband der PLO darstellt. Am Donnerstag rückte er zum Präsidenten des Fatah-Zentralkomitees vor; und dies Amt steht ihm nach seinem Rang auch zu. Böse Zungen sagen sogar, Arafats Witwe habe von ihrem Mann noch ein Testament erhalten, das Qadumi als Nachfolger einsetzt. Immerhin ist Qadumi ein Gründungsmitglied der Fatah und stieß schon 1969 zum PLO-Exekutivrat, als dort Arafat zum Vorsitzenden gewählt wurde.

Fortsetzung des Krieges

Als Fatah-Chef in Tunis hat Qadumi freilich nicht viel zu sagen. Er betreute bisher die PLO-Außenpolitik und rieb sich ständig mit dem Außenminister der Autonomiebehörde, Nabil Schaath, der aus den PLO-Vertretern Botschafter des werdenden Staates Palästina machen wollte. Qadumi fordert die Fortsetzung des Kriegs: Arafat sei von Israel ermordet worden.

Er sei zwar nicht gegen Friedensgespräche, aber man müsse „zum Kampf bereit sein“. Qadumi meint weiter: „Wer denkt, ich hätte abgedankt, ist falsch beraten und sollte nochmals nachdenken.“ Um seine Politik durchzusetzen, verlangt er, daß die „Treffen zur Planung der Zukunft außerhalb der (besetzten) Territorien stattfinden und alle palästinensischen Fraktionen zusammenführen, die die Besetzung ablehnen, auch wenn sie nicht zur PLO gehören“.

Keine neue Rivalität

Wer so ein Treffen im Exil fordert, will weiter gegen Israel mit Terror und Gewalt vorgehen. Nur im Exil können sich diese Kräfte offen begegnen, um ihre Politik zu formulieren. Damit setzt sich Qadumi von den beiden anderen zentralen Politikern, dem neuen PLO-Chef Abbas und Ministerpräsident Qurei, sowie dessen Kabinett ab. Das ist freilich keine neue Rivalität. Jetzt aber hat Qadumi die Chance, die durch Arafats Personalunion gewährleistete Einheit von PLO und Fatah zu zerstören. Zugleich könnte er einen Keil in die Fatah treiben zwischen jenen, die den Frieden mit Israel suchen, wie Abbas und Qurei, und deren Gegnern, womöglich unter den jungen Kadern, die an die Macht wollen.

Qadumi hat freilich weniger Einfluß in den palästinensischen Gebieten als in den Lagern im Exil, wo er darüber hinaus auf seinen guten Kontakten zur syrischen und iranischen Führung aufbauen kann. Würde es Qadumi gelingen, die gesamte Fatah auf seinen militanten Weg zu führen, dann wäre Abbas ohne Fußvolk; denn neben der Fatah, der stärksten PLO-Gruppe, gehören vor allem Gegner des Oslo-Kurses zum Dachverband: so die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) mit ihren wohl 3000 Mitgliedern unter Achmed Sadat, der in Jericho im Gefängnis sitzt; die Volksfront-Generalkommando (PFLP-GC) mit wohl 300 Mitgliedern unter Achmed Dschibril in Damaskus und die Demokratische Befreiungsfront (DFLP), die Najef Hawathmeh in Damaskus leitet.

Mögliches Aktionsbündnis gegen Abbas

Mit diesen revisionistischen Gruppen in der PLO könnte Qadumi ein Aktionsbündnis gegen Abbas und Qurei schmieden und womöglich dazu noch die islamistischen Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad einbinden, die nicht zur PLO gehören. PLO-Chef Abbas könnte dann nur auf die Demokratische Union (Fida) unter Minister Abed Rabbo setzen, die sich 1996 allerdings vor allem als Wahlbündnis fand, oder auf die Nationale Demokratische Koalition, die einst vom Verhandlungsführer und Rot-Kreuz-Arzt Abdel Schafi in Gaza gegründet wurde.

Kein leichtes Unterfangen für Abbas. Doch ist die Fatah nach den Umfragen mehrheitlich für eine Politik, wie sie Abbas vertritt, und verspricht sich nichts von der Fortsetzung der „Intifada“, die Qadumi propagiert. Vor allem aber: In den letzten Monaten konnten sich zwar die alten Kader auf ihre Funktionen in PLO und Fatah berufen und so ihre Macht in der Autonomiebehörde begründen; doch das wird sich in dem Maße ändern, wie die staatlichen Autonomiestrukturen die Exilgruppen ersetzen. Das wichtigste Mittel dazu sind Neuwahlen, wie sie das palästinensische Grundgesetz in einigen Wochen verlangt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2004, Nr. 265 / Seite 2
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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