Bloß den Kopf unten halten! Sonst könnte ein aserbaidschanischer Scharfschütze zuschlagen, und uns, den Karabach-Armeniern, würde dann die Schuld gegeben, wenn es hier draußen einen ausländischen Zivilisten erwischt.“ Das Versprechen, gebückt zum Laufgraben zu rennen und auch danach kein Risiko einzugehen, war die Vorbedingung dafür, in eine der vorgeschobenen Stellungen an der Waffenstillstandslinie mitgenommen zu werden. Diese Linie trennt das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Nagornyj Karabach von Aserbaidschan, zu dem es in sowjetischer Zeit gehörte. Die militärischen Stellungen auf beiden Seiten der Waffenstillstandslinie sind der Ausdruck dafür, dass der Konflikt noch nicht entschärft ist, der Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre zu einem Bürgerkrieg eskalierte, in dem das Mutterland Armenien den schließlich siegreichen Karabach-Armeniern gegen Aserbaidschan beistand. Der Krieg war mit mehreren zehntausend Toten und Hunderttausenden Vertriebenen der blutigste der Konflikte im Südkaukasus.
Auf den ersten Blick ist es hier draußen im Unterstand ruhig. Ein einsamer Soldat mit Stahlhelm steht, die Kalaschnikow über der Schulter, im Beobachtungsposten am Ende des Schützengrabens auf Wache. An Stolperdrähten baumeln verrostete Konservenbüchsen in einer lauen Brise. Wenn einer von der aserbaidschanischen Seite aus nachts versuchen würde, hier einzudringen und an dem Draht hängenbliebe, würde man ihn vielleicht hören - aber sicher scheint das nicht. Und was würde geschehen, wenn Aserbaidschaner in Massen kämen? Aserbaidschan hält sich die Option auf militärische Wiedereroberung von Nagornyj Karabach offen. Vor drei Jahren gaben sich die Präsidenten Armeniens, Sersch Sargsjan, und Aserbaidschans, Ilham Alijew, zwar das Versprechen, auf Gewalt zu verzichten - aber danach hieß es aus der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, das sei kein formaler Gewaltverzicht gewesen.
Ein fast alltäglicher Stellungskrieg
Die Schützengrabenidylle, irgendwo eine gute Autostunde von Karabachs Hauptstadt Stepanakert entfernt, trügt also. Ein Offizier der Karabach-Streitkräfte sagt, es herrsche ein fast alltäglicher Stellungskrieg - nur heute sei es ruhig. Scharfschützen und Vorstöße aserbaidschanischer Spähtrupps machten seinen Leuten überall „an der vordersten Linie“ das Leben schwer. Die Staatengemeinschaft habe zwar beide Seiten zum Abzug der Scharfschützen aufgefordert, aber da Aserbaidschan abgelehnt habe, sei die Gefahr nicht gebannt. Ein anderer Soldat sagt, man solle sich nicht täuschen lassen, wenn beim Besuch im Schützengraben nicht sofort schwere Waffen ins Auge fielen: „Wir haben mehr als nur Kalaschnikows.“ Außerdem müssten die „Herrschaften aus Baku“ erst einmal die Minenfelder vor den vorgeschobenen Posten überwinden. Und die Verteidigungslinien der Karabach-Streitkräfte im Hinterland sehen nicht einmal aus der Ferne harmlos aus.
Aserbaidschan hat die Einnahmen aus seinen reichen Ölvorkommen in den vergangenen Jahren dazu genutzt hochzurüsten und Armenien versucht, mit modernen Waffen gleichzuziehen. Beide Seiten haben nach Einschätzung internationaler Beobachter inzwischen ein Arsenal angehäuft, das es ihnen ermöglicht, mit weit tragenden Waffensystemen über die Schützengräben an der Waffenstillstandslinie hinweg empfindliche Punkte im gegnerischen Hinterland zu treffen und zu zerstören. Unter Umstände könnten deshalb Funken an der Waffenstillstandslinie die ganze Region in Flammen setzen. Russland, die Schutzmacht Armeniens, sowie die Türkei, der Bundesgenosse Aserbaidschans, könnten hineingezogen werden. Auch Amerika, das zumindest unter Präsident George W. Bush sehr enge politische Kontakte zu Baku pflegte, wäre dann womöglich involviert.
Rhetorik, Indoktrination, Drohungen, Finten
Optimisten glauben dagegen, dass genau diese Gefahr dafür sorge, dass die Großmächte eine Eskalation auf diesem postsowjetischen Minenfeld nicht zuließen. Als Beleg dafür kann vielleicht gelten, dass die drei Kovorsitzenden der von der OSZE als Vermittlungsinstanz für die Lösung des Konflikts beauftragten „Minsk-Gruppe“ - Amerika, Frankreich und Russland - im Frühjahr 2008 gegen eine Resolution der Vollversammlung der Vereinten Nationen stimmten, in der die territoriale Integrität Aserbajdschans unter Einschluss von Nagornyj Karabach unterstrichen und der bedingungslose und sofortige Abzug der armenischen Streitkräfte aus den seit 1994 besetzten sieben aserbaidschanischen Gebieten gefordert wurde, die um die abtrünnige Provinz gelegen sind und etwa 14 Prozent der Staatsfläche Aserbaidschans in den alten sowjetischen Grenzen ausmachen.
In gewisser Weise respektierten die Kovorsitzenden der Minsk-Gruppe damit die armenischen Befürchtungen, dass die Sicherheit Nagornyj Karabachs nicht mehr gewährleistet sei, wenn sich die Streitkräfte Eriwans aus diesen Gebieten zurückzögen, bevor alle anderen Streitpunkte geklärt seien. Aber gegen die Eskalationsgefahr an der Waffenstillstandslinie hat niemand ein wirksames Mittel. Im vergangenen Jahr hatte sich die Zahl der bewaffneten Zwischenfälle gefährlich gehäuft. Beide Seiten wiesen sich die Schuld daran zu.
Auch kriegerische Rhetorik, Indoktrination in den Schulbüchern, Drohungen und politische Finten spielen eine Rolle im Konflikt der verfeindeten Nachbarn. Aus armenischer Sicht tragen ausschließlich die Aserbaidschaner, insbesondere der autoritär regierende Präsident Alijew, Schuld an den Spannungen. Als Beispiel nennen sie die Drohung aus Aserbaidschan, das erste zivile Flugzeug abzuschießen, das vom neugebauten Flughafen in Stepanakert abhebe, ganz gleich, wer die Passagiere seien. Der De-facto-Präsident des international nicht anerkannten Nagornyj Karabach, Bako Saakjan und der armenische Staatschef Sargsjan, wollten unter den Passagieren sein, was sie so laut gesagt hatten, dass es auch in Baku vernommen werden musste.
Saakjan sieht im Gespräch mit dieser Zeitung in einer Flugverbindung nach Eriwan bloß ein Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit verwirklicht, das seinen Karabach-Armeniern zustehe, weil sie im Süden und Osten von geschlossenen Grenzen umgeben sind. Die Drohung aus Baku, die ohne Billigung von ganz oben niemals ausgesprochen worden wäre, sei in einer Sprache erfolgt, wie sie sonst nur terroristische Organisationen benutzten. Saakjans Gesichtsausdruck sagt: „So sind die Aserbaidschaner!“ Dass viele Karabach-Armenier Pässe des Mutterlandes besitzen und damit ohnehin reisen können, wohin sie wollen, sagt er nicht - auch nicht, dass mit dem Flughafen auch ein politisches Ziel verfolgt werden könnte: Internationale Flüge würden Karabach ein wenig De-facto-Anerkennung einbringen.
Flucht oder Tod
Von alledem wissen die Kräutersammler auf den grünen Almwiesen unterhalb der Pässe im hochgebirgigen Karabach wahrscheinlich nichts. Wie die meisten Karabach-Armenier dürften sie sich im Konflikt mit Aserbaidschan ausschließlich im Recht fühlen. Sie konzentrieren sich darauf, in große Säcke wilden Estragon zu sammeln, weil ja nicht jeder in der Goldmine von Drombon arbeiten kann, die vor allem produziert, um den Staatshaushalt ihrer bitterarmen Heimat zu finanzieren.
Derweil kommen Gespräche, zu denen es früher Ansätze gab, um die Vergangenheit aufzuarbeiten, etwa das elende Schicksal der Flüchtlinge, nicht wieder in Gang. Gesprächsbereite Armenier in Karabach und Eriwan sagen, Aserbaidschan habe die Möglichkeiten für Treffen unter Nichtregierungsorganisationen unterbunden, die es bis zur Jahrtausendwende gab. Wie schwierig solche Gespräche werden können, kann man daran sehen, dass es eine halbe Nacht kostet, den sympatischen und weltoffenen De-factho Außenminister Karabachs, Georgij Petrosjan dazu zu bewegen, auch den vorerst letzten Akt in der schrecklichen Geschichte der Stadt Schuschi zu erzählen, die nur wenige Kilometer von Stepanakert entfernt auf einem Berg liegt: Von dort aus hatten zunächst die Aserbaidschaner Stepanakert unter mörderisches Feuer genommen, doch dann kamen 1992 die armenischen Truppen von drei Seiten. Den aserbaidschanischen Zivilisten wurde nur die Wahl gelassen, zu sterben oder die Stadt zu verlassen. Sie verloren ihre Heimat ebenso wie zuvor die armenischen Bewohner der Stadt. Darüber muss geredet werden, wenn die Feindschaft überwunden werden soll, die den Nährboden für neue Kämpfe liefern kann.
Hier glimmt ein weiterer Konfliktherd in Europa,
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 27.05.2011, 22:50 Uhr
Guter Artikel!
Peer Sylverstatt (Asgard35)
- 28.05.2011, 06:09 Uhr
Totschweigen militärischer Expansionspolitik hilft nichts!
murat tensioglu (Cagatay)
- 28.05.2011, 13:22 Uhr
wo ist der kritische journalismus geblieben.
Tuncer Safak (tsafak)
- 28.05.2011, 14:02 Uhr
