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Nachruf auf Anna Politkowskaja Ein Dolchstoß ins Herz

 ·  Sie war die konsequenteste Sprecherin der Zivilbevölkerung. Sie war die härteste journalistische Kritikerin der Kremlpolitik. Sie wurde bewundert und gehaßt. Dann wurde sie ermordet. Ein Nachruf auf Anna Politkowskaja.

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Sie war die härteste journalistische Kritikerin der Kremlpolitik und zugleich die verletzlichste. Anna Politkowskaja, die am hellichten Samstag nachmittag im Aufzug ihres Wohnhauses durch vier Pistolenschüsse getötet wurde, schrieb über die Bestialitäten, die in Tschetschenien sowohl von russischen Sicherheitskräften wie von tschetschenischen Einheiten verübt wurden. Damit machte sie sich dem inneren Kreis im Kreml wie dem von Moskau protegierten Regime in Grosnyj verhaßt.

Anna Politkowskaja, eine zierliche Frau mit Brille und grauem Haar, war die konsequenteste und exponierteste Sprecherin der nichtkämpfenden, bei Konflikten am meisten leidenden Zivilbevölkerung. In unermüdlichen Reportagen und Analysen schrieb sie in der kleinen oppositionellen Zeitung „Novaja gazeta“ die Chronik der Unmenschlichkeiten, für die sich ihre russischen Kollegen immer weniger zu interessieren wagen. Sie veröffentlichte mehrere Bücher, das bekannteste „Tschetschenien - die Wahrheit über den Krieg“.

Leibwächter trotz Morddrohungen abgelehnt

Für ihren Mut und ihr journalistisches Engagement, das immer auch ein moralisches und emotionales war, wurde Anna Politkowskaja im Westen, aber auch daheim mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Viele Bewunderer hatten geglaubt und gehofft, daß ihr internationales Profil Anna Politkowskaja, die immer wieder Morddrohungen erhielt, Leibwächter aber ablehnte, schützen würde. Als sie vor zwei Jahren zum Geiseldrama in der Schule im nordossetischen Beslan reisen wollte, wurde sie vergiftet, überlebte aber.

Mit Anna Politkowskajas Tod erhielt der weitgehend geknebelte, seiner menschlichen Stimme beraubte russische Journalismus, wie sich der Sekretär des Journalistenverbandes, Igor Jakowenko ausdrückte, einen Dolchstoß ins Herz. Die verbliebenen oppositionellen Journalisten, etwa Julia Latynina, die ebenfalls die Kaukasus-Politik des Kreml angreift, äußern sich mehr kommentierend, statt die Ernte riskanter Recherchen auszubreiten.

Hochgewachsener, dunkelhaariger junger Mörder

Der mutmaßliche Mörder, den eine Überwachungskamera aufnahm, war, Polizeiangaben zufolge, ein hochgewachsener, schlanker, dunkelhaariger junger Mann. Das Gesicht war unter einer Schirmmütze kaum zu erkennen. Nach Mafiaart hatte der Täter die Mordwaffe, eine Makarow, neben sein Opfer gelegt. Der Verdacht, das Verbrechen bestellt zu haben, fällt insbesondere auf die Machthaber in Grosnyj. Anna Politkowskaja arbeitete zuletzt an einem Aufsatz über Folterungen in Tschetschenien, der an diesem Montag in der „Novaja gazeta“ erscheinen sollte. Zuletzt druckte das Blatt ihren Artikel über die Personenauswahl und die Kampfmethoden jener Tschetschenen, die das moskautreue Regime verteidigen.

Bürgerrechtler halten auch einen Auftraggeber aus Kreml-Kreisen für wahrscheinlich. Dabei denkt man an Igor Setschin, Präsident Putins mächtigen Vertrauten aus Geheimdiensttagen, der lange dessen Vizestabschef war und heute den Aufsichtsrat des staatlichen Ölkonzerns „Rosneft“ leitet. Kürzlich soll Anna Politkowskaja gegenüber dem vom Exiloligarchen Gussinski betriebenen Oppositionsfernsehen RTVI berichtet haben, Setschin äußere sich im privaten Kreis schlecht über Putin. Interesse an der Beseitigung der Reporterin hatten auch die Armee und die Sicherheitsorgane insgesamt. Frau Politkowskaja schrieb oft über Korruption in den Ministerien, was zu Klagen gegen einige Offiziere führte.

Präsident Putin schweigt bislang zum Mordfall

Die tschetschenische Spur ist aber die deutlichste. Am 5. Oktober hatte Frau Politkowskaja, die für RTVI regelmäßig über Tschetschenien berichtet, in einer Sendung erklärt, Ramsan Kadyrow, derzeit tschetschenischer Premierminister und starker Mann in der Kaukasus-Republik, sei des Präsidentenamtes unwürdig. Anlaß war, daß der Sohn des ermordeten früheren Präsidenten an jenem Datum seinen dreißigsten Geburtstag feierte und damit für das Amt wählbar wurde.

Am Tag, da Anna Politkowskaja starb, beging der von der Journalistin oft geschmähte Präsident Putin, Sternzeichen Waage wie der tschetschenische Premier, in Petersburg mit Gästen seinen 54. Geburtstag. Die Bluttat wirkt, als bringe ein Vasall seinem Herrn den Kopf von dessen Erzfeind als Geschenk dar. Erst kürzlich entbot sich Kadyrow, zur Befriedung der ethnischen Unruhen im nordrussischen Kondopoga seine Einsatztruppen zu schicken. Putin hat zu dem Mordfall bisher geschwiegen.

Tausende Menschen gedenken Anna Politkowskaja

Am Sonntag mittag sammelten sich auf dem Moskauer Puschkinplatz um die tausend Menschen, um Anna Politkowskajas zu gedenken. Zu der als Sympathiekundgebung mit dem von Rußland blockierten Georgien geplanten Veranstaltung kamen die Journalisten Jelena Tregubowa, Ljudmila Alexejewa, Mascha Slonim, der Bürgerrechtler Ponomarjow, der Schriftsteller Limonow. Da laute Kundgebungen untersagt waren, beschränkten sich die Redeführer einer russischen Zivilgesellschaft auf den privaten Meinungs- und Informationsaustausch.

Den ganzen Morgen hatten in der nahe gelegenen Cosmas-und-Damian-Kirche an der Twerskaja-Straße, dem Gotteshaus der aufgeklärten Intelligenz, die Glocken geläutet. Der liberale Priester Georgi Tschistjakow feierte eine Totenmesse. Anna Politkowskaja hinterläßt zwei Kinder.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Oktober 2006
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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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