12.01.2009 · Einst flohen viele Spanier vor dem Franco-Regime nach Lateinamerika. Ihre Nachfahren können nun die spanische Staatsbürgerschaft erlangen. In Argentinien und Kuba stehen die Interessenten schon Schlange.
Von Leo Wieland, MadridDie Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero hat den Nachkommen der vor Franco geflüchteten Spanier die Tür geöffnet. Aufgrund eines neuen „Gesetzes über die historische Erinnerung“ können die Kinder und Enkel der Geflohenen, wo auch immer sie sind, die spanische Staatsangehörigkeit beantragen. Seit dem 29. Dezember werden die Formulare ausgefüllt. Die Frist beträgt zwei Jahre.
Vor allem in Lateinamerika stehen die Interessenten vor den spanischen Konsulaten Schlange. Im Argentinien des Ehepaars Kirchner, wo die Berechtigten auf rund dreihunderttausend geschätzt werden, musste das diplomatische Personal mit Zustimmung von Außenminister Miguel Ángel Moratinos schon aufgestockt werden. Im Venezuela des Hugo Chávez, wo mindestens vierzigtausend „Spanier“ die Staatsangehörigkeit beantragen dürfen, ist die Nachfrage rege. In Mexiko, Brasilien, Chile und Uruguay hält sich der Andrang in Grenzen. Die längsten Schlangen haben sich aber im Kuba der Brüder Castro gebildet.
Zusätzliche Belastung für den Sozialstaat
Der neue Einwanderungsschub aus Übersee dürfte nach vorsichtiger Voraussage der Madrider Regierung gut eine halbe Million Neubürger nach Spanien bringen. Im Außenministerium rechnet man sogar mit bis zu einer Million. Das dürfte nicht nur die spanische Demographie, die sich durch einen Ansturm von fast sechs Millionen Immigranten in acht Jahren (2000 bis 2008) schon rapide verändert hat, weiter auffächern. Es wird auch den Arbeitsmarkt in der Wirtschaftskrise und die Kassen des Sozialstaates kräftig zusätzlich belasten.
Und es könnte mittelfristig die politische Landschaft beeinflussen, wenn das Gros der Neuankömmlinge dankbar bei nächster Gelegenheit in Bund und Provinz die Sozialisten wählt. Die oppositionelle Volkspartei, die wegen ihrer Restriktionsforderungen in Sachen Einwanderung bei den Betroffenen ohnehin einen schweren Stand hat, wittert jedenfalls Unheil. Sie sieht, wie ihr Immigrationsfachmann Alfredo Prada es ausdrückte, in der Nationalisierungswelle einen „historischen und politischen Betrug“.
Viele wollen eigentlich nach Miami
Dabei hatte die Regierung von Zapatero-Vorgänger José María Aznar im Jahr 2002, als noch viele Bauarbeiter, Erntehelfer, Altenpfleger und Kellner gebraucht wurden, die Tür immerhin schon einen Spalt geöffnet. Das betraf zwar nur in Spanien geborene Auswanderer und nicht deren Nachkommen. Es verhalf in den vergangenen fünf Jahren aber immerhin allein fünfzigtausend Kubanern zu einem spanischen Pass und einem besseren Leben.
Nun packen auf der maroden „Zuckerinsel“, die einst in kritischen Jahren etwa einer Million Spaniern eine wenigstens vorübergehende Zuflucht geboten hatte, die beiden nächsten Generationen die Koffer. Unter ihnen sind junge Ärzte, die in Havanna nichts zu verschreiben haben, weil die Medikamente fehlen, oder Kleinunternehmer, denen auch Raúl Castro keine Luft zum Arbeiten lässt, oder Intellektuelle, die endlich schreiben, malen oder singen möchten, was sie wollen. Unter ihnen dürften auch Kubaner mit einem spanischen Elternteil sein, die gar nicht nach Málaga oder Murcia, sondern nach Miami wollen und wissen, dass man dort mit einem spanischen Pass sogar ohne Visum einreisen darf.
Die Iberische Halbinsel wird überflutet
Das spanische Gesetz beschränkt den Kreis der Berechtigten auf jene Auswanderer und ihre Nachkommen, die zwischen dem 18. Juli 1936, dem Beginn des Bürgerkriegs, und dem 31. Dezember 1955 das Land verlassen haben. Das Schlussdatum wurde etwas willkürlich gewählt. Man hätte im Zeichen der „transición“ (Übergang zur Demokratie) auch den Todestag des Diktators Franco im November 1975 oder das Inkrafttreten der Verfassung 1978 nehmen können. Aber dann wäre die Zahl der Berechtigten auf mehr als eineinhalb Millionen angeschwollen. Das war unter den gegenwärtigen Umständen auch für Zapatero zu viel.
Zum Jahreswechsel hat das spanische Statistikamt die neuesten Bevölkerungszahlen vorgelegt, und kaum eine Zeitung versagte sich die Schlagzeile: „Nun sind wir schon 46 Millionen“. Das bezog sich auf den 1. Januar 2008 aufgrund der Angaben der Einwohnermeldeämter. Die Zahlen für das vergangene Jahr liegen noch nicht vor. Der im Vergleich zu Deutschland, Frankreich, Italien oder Großbritannien späte Immigrationsschub im ehemaligen Auswanderungsland Spanien begann massiv im Jahr 2000. Unter ökonomisch antizyklisch günstigen Voraussetzungen kamen in den folgenden acht Jahren nahezu sechs Millionen legal und teilweise illegal auf die Iberische Halbinsel.
Rentner auf der Suche nach einem Platz an der Sonne
Während Portugal mit geringerer Anziehungskraft und schwächerer Wirtschaft dennoch auch Hunderttausende Brasilianer, Ukrainer und Angolaner absorbierte, war Spanien das große Ziel Arbeit suchender Lateinamerikaner, Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Asiaten und zuletzt vor allem Mittel- und Osteuropäer. Zwei Millionen Neuankömmlinge stammen aus den Ländern der Europäischen Union, darunter zahlreiche Rentner auf der Suche nach einem Platz an der Sonne. Die übrigen knapp vier Millionen waren indes „Wirtschaftsflüchtlinge“. Lange führten die Marokkaner vor Ecuadorianern und Kolumbianern die nationalen Ranglisten an. Sie wurden indes binnen kurzer Zeit von den Rumänen überholt, die sich auch aus sprachlichen und klimatischen Gründen in Spanien besonders wohl fühlen. Sie und die gleichzeitig eingereisten Bulgaren sind inzwischen schon auf zusammen mehr als eine Dreiviertelmillion angewachsen. Als EU-Mitglieder haben sie seit Anfang dieses Jahres - nach Ablauf eines zweijährigen Moratoriums - auch das Recht, in Spanien Arbeit zu suchen.
Als europäischer Einwanderungsmagnet, der international nur noch von den Vereinigten Staaten übertroffen wird, hat Spanien im Rekordjahr 2007 nahezu eine Million Immigranten aufgenommen. Sie machen inzwischen gut elf Prozent der Bevölkerung aus und haben neben dem ethnischen und sozialen auch das religiöse Leben eines ursprünglich „katholischen Landes“ mit immer mehr protestantischen Kirchen und Moscheen verändert. Eine Million Haushalte bestehen nach Auskunft des Nationalen Statistikamtes ausschließlich aus Ausländern. Zwei Drittel der Immigranten hatten zwar zu Hause eine Arbeit, zogen es aber vor, in Spanien eine besser bezahlte und sicherere Beschäftigung zu finden.
Die Regierung zahlt auch denen, die wieder gehen
Nun sind die goldenen Zeiten vorbei, wie das die Zahlen vor allem nach der Drosselung der Einwanderung durch restriktivere Gesetze der sozialistischen Regierung in der zweiten Hälfte des vorigen Jahres demnächst belegen dürften. Zapateros Amnestie für fast eine Million Illegale im Jahr 2005 - eine Maßnahme, die auch von vielen vorab nicht konsultierten EU-Partnern gerügt wurde - konnte nicht wiederholt werden. Und der nach Ansicht seiner innenpolitischen Kritiker dadurch noch ausgelöste „Lawineneffekt“ musste eingedämmt werden. Das geschah durch eine Verschärfung der Grenzkontrollen und Rückführungen, bilaterale Abkommen mit Ausgangsländern, Einschränkungen bei der Familienzusammenführung (jetzt nur noch Kinder, keine Großeltern mehr) und ein Zurückfahren der versprochenen Immigrationsquoten, vor allem für Afrikaner, auf nahezu null.
Der jüngste Schritt war ein Aktionsprogramm, um legale Einwanderer durch finanzielle Anreize zu einer freiwilligen Heimkehr zu bewegen. Wer sich bereit erklärt, zu gehen, auf seine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung zu verzichten und mindestens drei Jahre nicht wiederzukommen, darf sich alle seine bezahlten Sozialversicherungsbeiträge in zwei Raten ausbezahlen lassen: vierzig Prozent bei der Unterschrift, den Rest durch Überweisung später. Die spanische Regierung zahlt sogar die Heimfahrt und ein Taschengeld von 450 Euro. Im vorigen November, dem ersten Monat seit Inkrafttreten, nahmen aber nicht einmal achthundert Ausländer das Angebot an. Die meisten, die befragt wurden, sagten, sie könnten schon deshalb nicht gehen, weil sie eine Hypothek auf eine neue Wohnung oder ein Haus in Spanien hätten.
Besonders beim Militär sind „Latinos“ willkommen
Als krisenfest erweist sich in der Rezession für Einheimische wie Einwanderer nur eine spanische Institution: die Streitkräfte. Die Berufsarmee, die seit der Aufgabe der allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 2002 längere Zeit unter eklatantem Personalmangel litt, kann sich plötzlich vor Rekruten nicht mehr retten. Seit die Zahl der Arbeitslosen landesweit auf mehr als 13 Prozent angewachsen ist, füllt sogar die Flotte, die wegen der langen Abwesenheit der Matrosen die am wenigsten attraktive Waffengattung war, mühelos ihre Vakanzen. Heer und Luftwaffe, die es wegen der damit verbundenen Berufsausbildungsmöglichkeiten etwas leichter hatten, sehen nun sogar Schlangen in den Bewerbungsämtern.
Die Zahl der Interessenten verdoppelte sich 2008 gegenüber dem Vorjahr auf rund achtzigtausend. So viel Personal umfasst gegenwärtig die gesamte Armee, die damit den Nachwuchs auswählen kann und nicht wie zuvor ständig den verlangten Intelligenzquotienten und die körperliche Mindestgröße senken musste. Zum einen sind die spanischen Streitkräfte in den mageren Jahren eine „Frauenarmee“ geworden (mit 13 Prozent ist der weibliche Anteil im internationalen Vergleich einer der höchsten nach den Vereinigten Staaten). Zum anderen schlossen Einwanderer aus spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas und Afrikas die Lücken.
Ihr erlaubter Höchstanteil wurde mehrfach nach oben korrigiert und liegt jetzt bei neun Prozent. Wo es aber lebensgefährlich werden kann, wie bei den Fallschirmjägern und Legionären, die bei Friedensmissionen in Krisengebieten eingesetzt werden, liegt der Ausländeranteil schon bei einem Drittel. Dort sind „Latinos“ immer noch willkommen. Weil außer einem inzwischen akzeptablen Sold auch die Einbürgerung winkt, hält zum Beispiel mancher Kolumbianer - die größte Gruppe - das Risiko, Spanien zu dienen, für geringer als zu Hause in Uniform gegen die Farc-Guerrilla zu kämpfen.
Alle wollen Spanier werden
Lill-Karin Bryant (kb26919)
- 13.01.2009, 00:05 Uhr
Eine Geste der Gerechtigkeit...
Harry LeRoy (Cimon)
- 16.01.2009, 15:06 Uhr
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
Jüngste Beiträge