16.10.2006 · In einem offenem Brief an Papst Benedikt XVI. haben 38 muslimische Religionsführer dem Vatikan das Gespräch angeboten. Es gelte, einige „Irrtümer“ des Papstes über den Islam zu klären. Die Klarstellung des Pontifex seine Regensburger Rede betreffend akzeptierten sie.
38 muslimische Religionsführer und Theologen von herausragender politischer Stellung und intellektuellem Prestige aus aller Welt haben in einem offenen Brief an Papst Benedikt XVI. dessen Einladung zum Dialog aufgenommen und sachliche Vorschläge für Gespräche zwischen der katholischen Kirche und der Welt des Islams unterbreitet. Die Religionsführer weisen auf die besondere Verantwortung von Christen und Muslimen für den Weltfrieden hin. Die Auseinandersetzung müsse vom "Zorn der Straßen" zu einem offenen und ernsthaften Dialog der Herzen und des Geistes finden. Dabei gehe es um gegenseitiges Verständnis und Respekt der beiden religiösen Traditionen.
Mit dem im Internet zugänglichen Brief der 38 muslimischen Führer, sowohl Sunniten als auch Schiiten, der am Sonntag in dem in Los Angeles erscheinenden "Islamica Magazine" veröffentlicht wurde, bahnt sich zum ersten Mal in der Geschichte zwischen dem Islam und der katholischen Kirche ein ernsthafter Dialog auf höchster Ebene an. Dafür spricht der Rang der Unterzeichner des sieben Seiten umfassenden Dokuments. Es sind unter anderen die Großmuftis von Ägypten, Bosnien, Kroatien, Istanbul, dem Kosovo, Oman, Rußland, Slowenien, Usbekistan, dazu religiöse Autoritäten aus Saudi-Arabien, den Arabischen Emiraten, Indien, Indonesien, Iran, dem Irak, Kuweit, Malaysia, Marokko und Pakistan. Das sei, so wurde in Rom kommentiert, nicht die ganze islamische Welt, die weder eine höchste Autorität noch ein verbindliches Lehramt kennt, jedoch ein bemerkenswerter Teil, der Einfluß im Islam habe. (Der offene Brief der muslimischen Religionsführer in englischer Sprache)
Die Unterzeichner anerkennen das Eintreten des Papstes in seiner Regensburger Vorlesung gegen den in der westlichen Welt vorherrschenden Relativismus, weisen jedoch - ohne die aus der islamischen Welt bisher gewohnte Erregung - mit dem gebotenen Respekt auf einige "Irrtümer" hin, denen Benedikt offenbar anhänge. Sie nehmen mit Befriedigung zur Kenntnis, daß Benedikt mehrfach sein Bedauern über Mißverständnisse ausgedrückt habe. Vor allem, so heißt es in dem Brief, werde geschätzt, daß das Zitat des byzantinischen Kaisers über Mohammed nicht die Meinung des Papstes wiedergebe und er sich davon "mit vollem und tiefen Respekt für die muslimischen Gläubigen" distanziert habe.
Notwendig für den Frieden in der Welt
Mit besonderer Aufmerksamkeit wurde im Vatikan vermerkt, daß die religiösen Führer auf Sachfragen eingegangen seien und darüber klärende Gespräche für geboten hielten. Das betrifft vor allem die Hauptfragen: ob die Bestimmung des Korans "kein Zwang in Glaubenssachen" auch für den Islam an der Macht gelte.
Es geht auch um die Frage, wie die auch vom Islam vertretene Transzendenz Gottes sich zur Vernunft, zur Gewalt als Vernunftwidrigkeit verhalte; ob Zwangsbekehrungen dem Koran entsprächen; und schließlich, ob Mohammed etwas Neues darin gebracht habe, was die Glaubensüberzeugung eines anderen betreffe. Damit nehmen die Unterzeichner des Briefes genau die Anfragen des „Regensburger Manifests“ über das Verhältnis von Glauben und Vernunft, Religion und Gewalt in den Weltreligionen auf. Zudem erinnert der Brief daran, daß Christen und Muslime 55 Prozent der Weltbevölkerung bildeten und daß deshalb ihr Dialog in gegenseitigem Respekt und Verstehen notwendig für den Frieden in der Welt sei.
Annäherung der russisch-orthodoxen Kirchenführung
Im Verhältnis zwischen der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirchenführung mehrten sich in letzter Zeit die Zeichen wachsenden Verständnisses und des Wunsches nach Annäherung, auch dank der Bemühungen des zuständigen Präsidenten im vatikanischen Rat zur Förderung der Einheit der Christen, des deutschen Kardinals Kasper. Auch schienen durch Briefe des Papstes und des Patriarchen Alexii II. an die Konferenz der katholischen europäischen Bischöfe (CCEE) zu größerem Engagement für die Einheit der Christen Mißverständnisse der Vergangenheit gemindert.
Zugleich zeichnete sich in Rom am Wochenende - sechs Wochen vor dem Besuch Benedikts in der Türkei, bei dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel in Istanbul - eine Verständigung zwischen dem Vatikan und der Russischen Orthodoxen Kirche ab, die schon im nächsten Jahr in einen Besuch des Papstes in Moskau bei dem Patriarchen Alexii II. münden könnte. Eine solche Visite war von Johannes Paul II., dem polnischen Vorgänger des deutschen Papstes auf dem Stuhl Petri, stets gewünscht, ihm jedoch immer versagt worden.