Home
http://www.faz.net/-gq5-7gimz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Nach Mursis Sturz Ägyptens Polizei will Protestlager räumen

Seit Wochen protestieren die Anhänger des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mursi. Jetzt will die Polizei ihre Zeltstädte auflösen. Weiteres Blutvergießen will sie vermeiden - und stattdessen keine Lebensmittel mehr durchlassen.

© dpa Vergrößern Unterstützer des gestürzten Präsidenten Mursi bereiten sich auf Polizeieinsätze vor.

Die ägyptische Polizei wird voraussichtlich an diesem Montag beginnen, die großen Protestlager der Islamisten in Kairo zu räumen. Der Einsatz wurde am Sonntag im Innenministerium der Übergangsregierung beschlossen. Die Islamisten verstärkten derweil ihre Barrikaden rund um ihr Zeltlager an der Rabaa-al-Adawiya-Moschee.

Die Strategie der Militärführung sieht dabei wohl so aus: Die Sicherheitskräfte bereiten sich darauf vor, die Protestcamps zu blockieren und die Kampierenden so quasi auszuhungern, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira in der Nacht zum Montag. Unter Berufung auf die Sicherheitskräfte hieß es, die Polizei würde am frühen Montag beginnen, gegen die Anhänger des Anfang Juli weggeputschten Präsidenten Mohammed Mursi vorzugehen. Allerdings ist es angeblich auch Ziel der Polizei, die Dauerproteste ohne (weiteres) Blutvergießen zu beenden. Das berichtete die arabische Zeitung „Al-Sharq Al-Awsat“ bereits am Samstag unter Berufung auf einen Verantwortlichen. Der Informant sagte, die Umsetzung des Plans könne bis zu drei Monate in Anspruch nehmen.

Danach soll in den nächsten Tagen zunächst der Zugang zu dem Protestlager rund um die Rabea-al-Adawija-Moschee blockiert werden. Anschließend werde die Polizei das Zeltlager der Anhänger Mursis mit Tränengas und Wasserwerfern angreifen. Außerdem wolle man den Protestierenden das Wasser abdrehen und dafür sorgen, dass keine Lebensmittel mehr in die Zeltstadt gelangen.

Diplomatische Bemühungen gescheitert

Die Islamisten setzten ihre Proteste derweil fort und errichteten weitere Blockaden rund um ihr Zeltlager vor der Moschee. Als dort am Sonntag vorübergehend der Strom ausfiel, hieß es zuerst, dies könne der Beginn der Polizeioperation sein. Regierungsbeamte versicherten jedoch, es handele sich um einen „ganz normalen Stromausfall“, wie ihn die Bewohner von Kairo häufiger erleben.

Zahlreiche ausländische Diplomaten hatten die Übergangsregierung in den vergangenen Wochen davor gewarnt, gewaltsam gegen die Demonstranten vorzugehen, die in Kairo nicht nur die Straßen rund um die Moschee, sondern auch den Al-Nahdha-Platz besetzt haben. Die Islamisten fordern die Wiedereinsetzung Mursis, der am 3. Juli nach Massenprotesten von der Armee abgesetzt worden war. Sie wollen nach eigener Aussage so lange in ihrer Zeltstadt ausharren, bis diese Forderung erfüllt ist. Die ägyptischen Behörden hoffen allerdings, dass ein Teil der Protestierenden demnächst die Lust daran verlieren könnte, über Wochen auf der Straße zu campieren.

Der von den Militärs eingesetzte Übergangspräsident Adli Mansur hatte zwar vergangene Woche erklärt, die diplomatischen Bemühungen westlicher und arabischer Staaten um eine Beilegung der Krise in Ägypten seien gescheitert. Die Europäische Union will sich aber trotzdem weiterhin engagieren.

Mehr zum Thema

Quelle: DPA

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Naumann-Stiftung in Kairo Frontalangriff gegen Liberale

Nach der Adenauer-Stiftung ist nun die Naumann-Stiftung dran: Weil die Arbeit der liberalen Einrichtung den ägyptischen Behörden gegen den Strich geht, zwingt sie das Regime in Kairo zur Einstellung ihrer Arbeit – auch wenn Statusfragen vorgeschoben werden. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

16.12.2014, 13:56 Uhr | Politik
Nach Protestlager-Räumung Demonstranten in Hongkong geben nicht auf

Die Demonstrationen in Hongkong gehen weiter. Nach der Räumung des zentralen Protestlagers, das eine mehrspurige Straße blockiert hatte, protestieren sie weiter gegen die Regierung in Peking. Die Polizei warnte die Demonstranten vor neuen Straßenblockaden. Dagegen werde sie hart durchgreifen. Mehr

12.12.2014, 09:51 Uhr | Politik
Ägypten Der größte Sündenpfuhl für Gruppenperversion

Unlängst stürmten Polizisten einen Hamam in Kairo. Es ist nur der jüngste Schritt einer Kampagne, die sich gegen die kleine Homosexuellen-Szene des Landes richtet. Die Sisi-Regierung wolle islamischer als die Islamisten erscheinen, meinen Kritiker. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

13.12.2014, 15:04 Uhr | Gesellschaft
Hongkong Polizei räumt Protestlager in Hongkong

Die beiden Studentenführer Joshua Wong und Lester Shum wurden verhaftet. Mehr

26.11.2014, 09:01 Uhr | Politik
Syrien Drusen rufen zum Kampf gegen Assad auf

Der Drusenführer Walid Dschumblat im Libanon hält den Einsatz des Westens gegen den Islamischen Staat für verfehlt. Wenn sich Iran, Saudi-Arabien, die Türkei, Amerika und Russland nicht einigten, werde der Syrien-Krieg noch sehr lange dauern. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

05.12.2014, 16:08 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.08.2013, 07:00 Uhr

Russische Selbsterhaltung

Von Reinhard Veser

Wladimir Putin macht für die russische Krise äußere Faktoren verantwortlich. Merkt er nicht, wie absurd es klingt, wenn der Führer des größten Landes der Erde so etwas sagt? Mehr 32