10.04.2010 · Nach dem Absturz von Präsident Kaczynski steht Polen unter Schock. Im ganzen Land strömten am Abend tausende Menschen zu Gedenkgottesdiensten, die Regierung verhängte eine einwöchige Staatstrauer. Zum zweiten Mal, so das Gefühl vieler, hat das Land in Katyn seine Elite verloren.
Von Reinhard VeserPolen steht nach dem Absturz des Flugzeugs von Präsident Lech Kaczynski in Russland unter Schock. In zahlreichen Gottesdiensten gedachten die Menschen am Samstagabend im ganzen Land der Opfer der Flugzeugkatastrophe in Westrussland. „Wir beten für unser Vaterland“, sagte der Kardinal Stanislaw Dziwisz bei der Messe in der Kathedrale auf dem Wawel, der ehemaligen Residenz der polnischen Könige in Krakau. Er sprach den Angehörigen der Präsidentenfamilie sein Mitgefühl aus. In Warschau strömten am Abend Tausende zur Militärkirche, um dort der Messe beizuwohnen. Da die Kirche nicht alle Besucher fassen konnte, wurde der Gottesdienst auf Leinwänden übertragen. Zahlreiche Trauernde kamen in die Altstadt von Warschau, wo in der St.-Johannis-Kathedrale eine Messe abgehalten werden sollte.
Schon am Mittag hatten sich vor dem Präsidentenpalast tausende Menschen versammelt, die Blumen niederlegten und beteten, im ganzen Land wurden Gedenkmessen für die Opfer des Flugzeugabsturzes gehalten. Unter den 96 Toten sind außer dem Präsidenten und seiner Ehefrau Maria Kaczynska zahlreiche Parlamentsabgeordnete verschiedener Parteien, darunter die drei stellvertetenden Seim-Marschälle (Parlamentsvorsitzende), der Präsident der Polnischen Nationalbank, der Generalstabschef der polnischen Armee sowie die Stabschefs mehrerer Teilstreitkräfte, der Chef des Nationalen Sicherheitsdienstes, mehrere Geistliche sowie bekannte Personen des öffentlichen Lebens, darunter der 91 Jahre alte letzte Präsident der während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gebildeten polnischen Exilregierung (siehe auch: Polens Präsident Lech Kaczynski getötet).
Sejm-Marschall Bronislaw Komorowski, auf den laut Verfassung die Vollmachten des Präsidenten übergehen, ordnete eine siebentägige Staatstrauer an. Am Sonntag soll im ganzen Land um 12 Uhr mittags zwei Minuten vollkommene Stille herrschen. Komorowski sagte, angesichts dieser Tragödie seien alle Polen eins, es gebe keine Trennlinien und keine Unterschiede mehr. Ministerpräsident Donald Tusk sprach nach einer Sondersitzung der Regierung von einer nie gesehenen Tragödie: „Wir haben unsere Bekannten und Freunde verloren“, sagte Tusk, der mit Kaczynski zwar in politischem Streit lag, den mit dem ums Leben gekommenen Präsidenten aber gemeinsame Jahre im Widerstand gegen das kommunistische Regime verbinden. Tusk und Komorowski versicherten, dass der polnische Staat auch angesichts der Katastrophe funktionsfähig bleibe. „Der polnische Staat muss funktionieren und er wird funktionieren“, sagte Tusk, den die Ereignisse sichtlich getroffen hatten.
Den Ton der meisten Reaktionen auf das Unglück in Smolensk gibt eine Formulierung des früheren Präsidenten und historischen Führers der antikommunistischen Opposition Lech Walesa wieder: In Katyn habe Polen zum zweiten Mal seine Elite verloren. Kazcynski und die ihn begleitende Delegation waren unterwegs nach Katyn, um dort der vor 70 Jahren vom sowjetischen Geheimdienst NKWD ermordeten polnischen Offiziere zu gedenken. In Katyn und mehreren anderen Orten in der Sowjetunion sind im Frühjahr 1940 auf Befehl Stalins etwa 22.000 polnische Offiziere, Beamte, Geistliche und Intellektuelle ermordet worden. Unter kommunistischer Herrschaft konnten die wahren Täter indes nicht genannt werden. Katyn war für die Polen vor 1989 eines der wichtigsten Symbole für die kommunistische Unterdrückung. Die Möglichkeit frei darüber sprechen zu können wurde zum „Gründungsmythos des freien Polen“, wie Ministerpräsident Tusk am Mittwoch in Katyn sagte, nachdem dort erstmals ein russischer Ministerpräsident gemeinsam mit Vertretern Polens des Verbrechens gedacht hatte.
Die polnischen Medien berichten zwar auch über mögliche Gründe für das Unglück, doch treten derartige Fragen im Moment noch hinter den starken Gefühlen zurück, die im ganzen Land herrschen. Wie sehr die Polen das Unglück bewegt, ist auch daran zu sehen, dass die Moderatoren im polnischen Fernsehen, das ohne Unterbrechung über die Katastrophe von Smolensk berichtet, auch Stunden nach den ersten Nachrichten oft noch sichtlich mit den Tränen kämpfen. Allerdings wurde von einigen Politikern vorsichtig die Frage gestellt, wie es geschehen könne, dass so viele wichtige Personen in einem einzigen Flugzeug gewesen seien.