14.01.2009 · „Wenn ich schließlich getötet sein werde, ist es die Regierung gewesen, die mich getötet hat“, schrieb der srilankische Journalist Lasantha Wickrematunge. Am vergangenen Donnerstag wurde er ermordet. Die Regierung weist jede Schuld von sich.
Von Jochen Buchsteiner, DelhiNur eine Dreiviertelminute dauerte die Kondolenzadresse, die der deutsche Botschafter Jürgen Weerth auf Wunsch der Angehörigen und des Diplomatischen Corps an die Trauernden richtete. Am nächsten Tag wurde er vom Außenministerium Sri Lankas einbestellt. Dort teilte ihm Staatssekretär Palitha Kohona seinen „Unmut“ mit, wie es in Colombo hieß. Mit den Worten, die Weerth für den ermordeten Journalisten Lasantha Wickrematunge fand, ist die Reaktion der Regierung kaum zu erklären. Allenfalls in Andeutungen hatte der Botschafter seine Position umrissen. „Heute ist ein Tag, an dem wir sprachlos bleiben“, sagte Weerth. „Vielleicht hätten wir zuvor sprechen sollen. Heute ist es zu spät.“
Dass Wickrematunge gefährdet war, war vielen in Colombo seit langem klar. Mindestens dreizehn seiner Kollegen sind in den vergangenen drei Jahren ermordet worden. Dutzende Journalisten wurden belästigt, bedroht und gefoltert. Fast alle drangsalierten Journalisten sind als Regierungskritiker in Erscheinung getreten. Wickrematunge, der Chefredakteur des „Sunday Leader“, zählte zu den prominentsten. Immer wieder klagte er die Regierung in Leitartiklen der Korruption und vor allem ihres kompromisslosen Militärkurses gegen die „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE) an (siehe: Ein getöteter Journalist klagt seine Mörder an).
Die Regierung als Täter?
Aus nachvollziehbaren Gründen lassen sich Journalisten und andere nicht gerne mit ihrem Verdacht zitieren, dass die Einschüchterungsversuche und auch die Morde von staatlichen Stellen gelenkt seien. Und doch wagten sich seit Tagen einige hervor. Die Zeitung „The Island“ schrieb, die Art und Weise des Mordes deute auf die Regierung als Täter hin.
Die Regierung weist alles zurück. Man sei tief betroffen vom Mord an Wickrematunge und werde die Täter zur Rechenschaft ziehen, hieß es. Zugleich insinuiert sie, dass Regierungsgegner hinter dem Attentat stecken könnten, denn wem, fragte ein Kabinettsmitglied, nütze die öffentliche Empörung? Der Opposition. Besonders empörte die Regierung ein Artikel Wickrematunges, den der „Sunday Leader“ postum veröffentlichte. „Wenn ich schließlich getötet sein werde, ist es die Regierung gewesen, die mich getötet hat“, schrieb er. In dem Text, der einem politischen Testament ähnelt, klagt er die Regierung an, Gewalt zu ihrem wichtigsten politischen Instrument gemacht zu haben. Nach den missliebigen Journalisten kämen die Richter an die Reihe, prophezeite Wickrematunge kurz vor seinem Tod.
Militarisierung der Politik
Seit Mahinda Rajapakse im November 2005 ins Präsidentenamt gewählt wurde, erlebt das Land eine Militarisierung der Politik. Schon bald wandte sich Rajapakse von Verhandlungsoptionen und dem Waffenstillstandsabkommen mit den LTTE ab, bevor er es im Januar 2008 kündigte. Obwohl die Armee seither von Erfolg zu Erfolg zu eilen scheint, fürchtet sich die Regierung vor öffentlicher Kritik und drangsaliert Journalisten.
Im Dezember nahmen die Soldaten die „Hauptstadt“ der Rebellen, Killinochchi, ein. Auch der strategisch bedeutsame Elefanten-Pass, Verbindung zur Halbinsel Jaffna, befindet sich wieder in der Gewalt Colombos. Auch wenn niemand weiß, wie viele Opfer die Offensive auf beiden Seiten gefordert hat, zeigen sich doch viele überrascht von der Geschwindigkeit der Geländegewinne. Die verbliebenen Kämpfer der LTTE, die auf knapp 2000 geschätzt werden, haben sich inzwischen in einem etwa 30 mal 30 Kilometer großen Gebiet um die Stadt Mullativu herum verschanzt. Bis zu 300 000 tamilische Flüchtlinge sollen sich ebenfalls dorthin zurückgezogen haben. Über den Verlauf der Kämpfe gibt es kaum Informationen, weil die Regierung unabhängigen Journalisten den Zugang verweigert. Es gilt aber als möglich, dass der Bürgerkrieg im Norden im Laufe der kommenden Wochen mit einem Sieg der Armee enden könnte. Regierungskritiker befürchten aber, dass mit der militärischen Niederlage der LTTE der tamilische Widerstand nicht gebrochen sein wird und alsbald neuer Terror ins Land getragen werden könnte.
„Es ist ironisch, dass im Moment, wo die srilankische Armee ihren größten Sieg erreicht und die lange geschlossene Straße nach Jaffna geöffnet hat, bewaffnete Attentäter in Colombo zuschlagen und die Tür zur Pressefreiheit verschließen“, schrieb Jehan Perera, der Direktor des unabhängigen „Nationalen Friedensrats“, am Montag. Weil der Mord an Wickrematunge „kontraproduktiv“ für die Regierung sei, spreche sie mittlerweile von einer - womöglich sogar internationalen - „Verschwörung“, die dem Ziel diene, sie zu diskreditieren und von ihren militärischen Erfolgen abzulenken. Perera, der sich seine Worte gut überlegen muss, überließ es in seinem Rundbrief Oppositionsführer Ranil Wickremasinghe, von einer anderen Erklärung zu sprechen. Vor dem Parlament hatte Wickremasinghe die Verbrechen der vergangenen Monate mit einer Spezialeinheit des militärischen Geheimdienstes in Verbindung gebracht, die keiner direkten Regierungskontrolle unterliegt.
Kein Aufschrei??
Hendrik Baumann (hendrik68)
- 15.01.2009, 08:51 Uhr
Die Irland-Schottland-Situation...
Harry LeRoy (Cimon)
- 16.01.2009, 14:52 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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