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Nach Israels Militäraktion Eine Untersuchung ohne Selbstgeißelung

 ·  Auch in Israel herrscht Entsetzen über das blutige Geschehen vom Montag. Aber dass es richtig war, die „Solidaritätsflotte“ zu stoppen, ist noch immer Konsens. Eine Untersuchung soll auch dabei helfen, künftig besser gewappnet zu sein.

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Selbst diejenigen, die in Israel sonst die Regierung verteidigen, nahmen kein Blatt vor den Mund. Von einem „Flotten-Fiasko“ und einem internationalen „PR-Desaster“, das kaum wieder gut zu machen sei, war am Tag nach der blutigen Erstürmung der „Solidaritätsflotte“ in der israelischen Presse die Rede. Über die Parteigrenzen hinweg waren sich führende Politiker darüber einig, dass unverzüglich untersucht werden müsse, weshalb die Militäraktion im Morgengrauen vor der israelischen Küste mit dem Tod von mindestens neun Aktivisten endete.

Aber noch in einem weiteren Punkt waren sich viele Israelis einer Meinung: „Wir brauchen eine Untersuchung, aber keine Selbstgeißelung“, sagte etwa Finanzminister Juval Steinitz, ein Vertrauter von Ministerpräsident Netanjahu. In Israel hält es offenbar eine deutliche Mehrheit für richtig und nötig, dass die Armee versuchte, die Flotte zu stoppen, bevor sie den Gazastreifen erreichen konnte – auch wenn man über das Blutbad entsetzt ist und in den Zeitungen schon der Rücktritt von Verteidigungsminister Barak verlangt wird.

Von Friedensaktivisten habe man nicht mit so viel Gewalt gerechnet

Minister Yossi Peled sprang seinem Kabinettskollegen bei und sagte im Rundfunk: „Das bringt doch überhaupt nichts. Was schief ging war, dass wir einfach nicht vorhergesehen haben, auf wie viel Gewalt unsere Soldaten stoßen.“ In ähnlichen Worten schilderte es am Dienstag auch ein ungenannter Kommandeur der Eliteeinheit, die das türkische Schiff „Mavi Marmara“ gestürmt hatte. Von Friedensaktivisten habe man mit etwas Widerstand gerechnet, aber nicht mit so viel Gewalt. Das war die Kernbotschaft, die auf allen möglichen offiziellen israelischen Kanälen verbreitet wurde.

Nach einem zögerlichen Start am Montag läuft mittlerweile die offizielle Öffentlichkeitsarbeit auf Hochtouren: Die israelische Armee verbreitete fast stündlich neue Videofilme und Fotos von den Geschehnissen der „Mavi Marmara“. Militärsprecher, die die Aktion auf einem Begleitschiff beobachtet hatten, riefen von sich aus Korrespondenten an, um über ihre Eindrücke zu berichten. Israelische Diplomaten verschickten per E-Mail Zeitungsartikel, deren Lektüre sie besonders empfehlen.

Nach Armeeangaben gab es neun Tote; Aktivisten sprechen von doppelt so vielen

Die Organisatoren der Flotte hatten es schwer, dem etwas dagegenzusetzen. Nur die ersten Rückkehrer, unter ihnen auch fünf Deutsche, konnten zuhause erzählen, was sie in der Nacht zum Montag erlebt hatten. Manche sprachen von israelischen „Kriegsverbrechen“. Nur etwa fünfzig der nach offiziellen israelischen Angaben insgesamt 682 Aktivisten haben Israel bisher verlassen. 49 von ihnen werden noch in Krankenhäusern behandelt, wie ein Sprecher des Außenministeriums am Nachmittag mitteilte. Nach Armeeangaben gab es neun Tote; Aktivisten sprechen dagegen von doppelt so vielen. Das Außenministerium in Ankara bestätigte mittlerweile, dass vier der Toten Türken sind. Wahrscheinlich seien auch die anderen Getöteten türkische Staatsbürger. Die türkische Hilfsorganisation IHH ließ am Dienstag wissen, dass etwa die Hälfte aller Aktivisten aus der Türkei gekommen sei.

Im Ella-Gefängnis bei Beerscheba, wo sich am Dienstag insgesamt mehr als 500 Menschen aus den Schiffen befanden, waren auch Briten, Griechen und Schweden – nach Agenturberichten auch der schwedische Schriftsteller Henning Mankell dort. Insgesamt sprach das israelische Außenministerium von elf Deutschen, von denen bisher fünf zurückgekehrt seien. „Wer sich weigert, sich zu identifizieren, wird erst einmal in Gewahrsam genommen. Sobald die Personalien festgestellt sind, werden sie sofort ausgewiesen“, erläuterte am Dienstag ein Sprecher des israelischen Außenministeriums die Vorgehensweise. Eine Gruppe von Aktivisten, die die Soldaten angegriffen haben soll, werde vernommen. Noch sei nicht entschieden, was mit ihnen geschehen werde.

Außer Schlagstöcken und Messern wohl keine Waffen an Bord

Obwohl sich die israelische Armee und die Geheimdienste seit Wochen auf die Ankunft der Flotte vor Gaza vorbereitet hatten, hatten sie offenbar nicht damit gerechnet, dass so viele gewaltbereite Männer an Bord waren. Auf den von der Armee verbreiteten Videofilmen ist zu sehen, wie sie mit Metallstangen, Schlagstöcken auf die ersten Soldaten einschlugen, die sich von einem Hubschrauber abseilten. Treffen Berichte israelischer Militärkorrespondenten zu, drohte die Aktion schon in den ersten Minuten zu entgleisen: Den Aktivisten gelang es demnach ein Seil an einer Antenne zu befestigen, nachdem sich vier Soldaten abgeseilt hatten.

Der Pilot musste es aus Angst um den Hubschrauber kappen und sich zunächst zurückziehen. Währenddessen überwältigten die Angreifer offenbar die Soldaten und entrissen nach Armeedarstellung zwei von ihnen im Handgemenge ihre Waffen – eigene Waffen hatten sie außer Schlagstöcken und Messern nach dem bisherigen Ermittlungsstand nicht an Bord. Ein Soldat wurde auf ein tieferes Deck gestürzt, andere retteten sich durch einen Sprung ins Wasser. Erst danach sei den Soldaten, die kurz darauf aus der Luft Verstärkung erhielten, erlaubt worden, von ihren Pistolen Gebrauch zu machen, hieß es aus der Armee. Schwieriger als geplant gestalteten sich auch die Anlegemanöver kleinerer Marineboote, wie etwa die Zeitung „Jediot Ahronot“ berichtete. Aktivisten an Bord sei es gelungen, sie zunächst abzuwehren.

Mehr Fragen als Antworten

In Israel gab es daher am Dienstag mehr Fragen als Antworten – zum Beispiel, weshalb nicht Beamte der Grenzpolizei zum Einsatz gekommen seien, die mehr Erfahrung mit gewalttätigen Demonstranten haben als Marinesoldaten. Offenbar hatte die Marine bisher vor allem die Erstürmung von Frachtschiffen trainiert. Ein Passagierschiff mit mehreren Hundert Menschen an Bord stellte für sie daher eine neue Herausforderung dar. Ein früherer Marineoffizier bezweifelte gegenüber der Zeitung „Jerusalem Post“, ob wirklich alle anderen Möglichkeiten ausreichend geprüft worden seien. Man hätte etwa versuchen können, die Schiffe mit Schleppern abzudrängen oder die Schiffschrauben zu beschädigen. Kritik wurde auch an den Geheimdiensten laut, die offenbar nicht im Bilde waren, wer mit welchen Absichten an Bord war.

Zumindest das, was in den Laderäumen der Schiffe war, wussten die israelischen Sicherheitskräfte am Dienstag ganz genau. Die Hilfsgüter wurden in Aschdod entladen und überprüft. Mit der Hilfe des Büros des Armee-Koordinators für die besetzten Gebiete gelangte ein erster Teil schon nach Gaza, wie die Regierung mitteilte. Der Rest werde bald folgen. Nachschub könnte dann schon nächste Woche eintreffen, denn die nächsten Schiffe sind möglicherweise schon bald auf dem Weg. Die Organisatoren der gestoppten Flotte kündigten am Dienstag an, dass zwei weitere Schiffe mit Hilfsgütern bald in Gaza ankommen würden. Sie hatten wegen technischer Schwierigkeiten zurückbleiben müssen. Und aus der Türkei gab es schon zuvor Drohungen, dass mindestens einmal im Monat eine Flotte vor dem abgeriegelten Gazastreifen aufkreuzen werde. Auch aus diesem Grund forderten am Dienstag viele Israelis, die blutige Militäraktion vom Dienstag schnell zu untersuchen, um aus den Fehlern zu lernen und für die Zukunft besser gerüstet zu sein.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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