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Veröffentlicht: 15.06.2017, 11:06 Uhr

Nach Haft in Nordkorea Der Fall Otto Warmbier

Monatelang saß der amerikanische Student Otto Warmbier in nordkoreanischer Haft – offenbar schon lange im Koma. Warum hat ihn das Regime in Pjöngjang gerade jetzt freigelassen?

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© dpa Otto Warmbier kommt am Flughafen in Cincinnati an.

Der Amerikaner Otto Warmbier, der in Nordkorea im vergangenen Jahr zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden war, ist mittlerweile in seiner Heimat Cincinnati (Ohio) angekommen. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer amerikanischer Medien erwarteten ihn seine Eltern am Flughafen und begleiteten den 22 Jahre alten Studenten direkt ins Universitätsklinikum der Stadt. Fred und Cindy Warmbier bestätigten, dass ihr Sohn im Koma liege – nach nordkoreanischen Angaben bereits seit März 2016.

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Laut „Washington Post“ hatte sich Warmbier nach seinem Schauprozess in Pjöngjang im März 2016 eine Lebensmittelvergiftung zugezogen. Die nordkoreanischen Bewacher sollen ihm daraufhin aus nicht näher erläuterten Gründen eine Schlaftablette verabreicht haben, nach deren Einnahme er ins  Koma gefallen sei. Überprüfen lassen sich die Behauptungen nicht.

Warmbier war zum Zeitpunkt seiner Verhaftung mit der Reisegruppe „Young Pioneer Tours“ unterwegs, die Touren in das abgeschottete Land sowie an andere ungewöhnliche Reiseziele vor allem für junge Reisende organisiert. Der Gründer und Chef der Reiseagentur, Gareth Johnson, wollte sich auf Anfrage von FAZ.NET nicht zu dem Fall äußern. Der Fall Warmbier ist  gefährlich für Johnsons Reiseagentur, deren Lizenz für Nordkorea-Reisen jederzeit vom Regime in Pjöngjang entzogen werden kann.

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Die Vorwürfe an den Veranstalter könnten lauten, die Reisegruppe nicht genügend unter Kontrolle gehabt zu haben: Warmbier wurde beschuldigt, ein Propagandaplakat im Pjöngjanger Touristenhotel „Yanggakdo“, wo er mit rund 100 anderen westlichen Touristen untergebracht war, gestohlen zu haben. Als „Beweis“ veröffentlichte die KCNA, die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur, ein verwackeltes Video, auf dem Warmbier allerdings nicht eindeutig zu identifizieren ist.

Isoliertes Touristen-Hotel

Das „Yanggakdo“-Hotel liegt auf einer Flussinsel in Pjöngjang. Im Hotel selbst dürfen sich die Touristen weitgehend frei bewegen: Im Erdgeschoss gibt es eine Bar sowie ein Andenkengeschäft, in den Katakomben des Hotels eine  Karaoke-Bar und einen Friseur. Zu Beginn solcher „Abenteuer“-Pauschalreisen nach Nordkorea werden die Teilnehmer der Gruppen in der Regel darüber aufgeklärt, dass Fotografieren in dem Land nur an besonderen Orten erlaubt ist (innerhalb Pjöngjangs allerdings sind die Regeln weniger streng), und dass keinesfalls politische oder sonstige Banner entfernt werden dürfen.

46984973 © AP Vergrößern Otto Warmbier bei seinem Schauprozess in Pjöngjang im März 2016

Bei seiner geplanten Ausreise – am 2. Januar 2016 – war Warmbier am Flughafen in der nordkoreanischen Hauptstadt festgenommen worden. In dem darauffolgenden Schauprozess „gestand“ Warmbier. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur behauptete, er habe sich schuldig bekannt, das Banner als „Trophäe“ mit nach Hause zu nehmen.

Offenbar ist Warmbier als amerikanischer Staatsbürger in die Mühle des Dauerstreits zwischen dem nordkoreanischen Regime und seinem ideologischen Hauptgegner, Amerika, geraten. 

Sein Verbleib und Gesundheitszustand waren bis vor wenigen Tagen völlig unklar, selbst die Eltern hatten keine Nachricht von ihm. Die Freilassung ist nun möglicherweise ein diplomatischer Erfolg der amerikanischen Regierung und von Außenminister Rex Tillerson. In einer Erklärung am Dienstag ging er nicht darauf ein, wie die Freilassung zustande gekommen wäre.

Ob es tatsächlich ein diplomatischer Erfolg ist, sei allerdings dahingestellt: Denkbar wäre auch, dass sich das Regime in Pjöngjang gezwungen sah, Warmbier freizulassen, bevor sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtere. Das hätte man nicht nur in den Reihen der amerikanischen Regierung den Haftbedingungen zugeschrieben, was zu einer ernsthaften diplomatischen Konfrontation hätte ausarten können. In der derzeitigen ohnehin schwierigen Lage wollten das die Nordkoreaner offenbar nicht riskieren.

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