03.05.2006 · Die beiden Leipziger Techniker René Bräunlich und Thomas Nitzschke werden nach dem Ende ihrer 15 Wochen langen Geiselhaft im Irak an diesem Mittwoch wieder nach Deutschland zurückkehren. Vermutlich hatte ihre Entführung keinen politischen, sondern einen kriminellen Hintergrund. FAZ.NET-Spezial.
Nach 15 Wochen zwischen Angst und Hoffnung hat das Geiseldrama um die beiden im Irak entführten Deutschen ein glückliches Ende gefunden. Das Auswärtige Amt hat inzwischen Spekulationen über Lösegeldzahlungen für die Freilassung kritisiert.
Staatsminister Gernot Erler sagte am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk: „Jeder Hinweis in diese Richtung könnte dazu führen, daß es Nachahmungstäter gibt.“ Die Bundesregierung hatte, wie in früheren Fällen, keine Aussagen über die Hintergründe der Entführung der beiden Leipziger Thomas Nitzschke (32) und Rene Bräunlich (28) gemacht. Erler sagte aber, wahrscheinlicher als ein politischer sei ein krimineller Hintergrund.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte schon Berichte über Lösegeldzahlungen für die entführte Archäologin Susanne Osthoff kritisiert. Erler sagte mit Blick auf den aktuellen Fall: „Leider gibt es diese Spekulationen in der Öffentlichkeit. Sie helfen für den Schutz in künftigen Fällen leider nicht.“
„Restrisiko bleibt da immer“
Nitzschke und Bräunlich waren am 24. Januar auf dem Weg zu einer Fabrik in der Industriestadt Baidschi nördlich von Bagdad mit Waffengewalt entführt worden. Seit Dienstag ware sie wieder in Freiheit und in Obhut der deutschen Botschaft in Bagdad. Körperlich unversehrt, soll es ihnen den Umständen entsprechend gut gehen. Schon an diesem Mittwoch sollen sie zu ihren Familien zurückkehren.
Erler und weitere Außenpolitiker warnten abermals eindringlich vor Reisen in den Irak. Man hätte sich viel Kummer und Ärger sparen können, wenn die Warnungen ernst genommen worden wären, sagte er im Deutschlandradio Kultur. Bei allen Möglichkeiten für Firmen, im Irak mit Einheimischen zu arbeiten oder die Mitarbeiter vor Ort zu schützen, gelte: „Ein Restrisiko bleibt da immer.“ Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz, setzt auf die abschreckende Wirkung der Entführung der beiden Techniker. Selbst wenn die beiden von den Geiselnehmern den Umständen entsprechend gut behandelt worden seien, werde sicher niemand mit ihnen tauschen wollen, sagte er im Deutschlandfunk.
Freude und Erleichterung
Mit großer Freude und Erleichterung hatten Bundespräsident Horst Köhler, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) reagiert, nachdem Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) die Freilassung während seiner Südamerikareise in Santiago de Chile mitgeteilt hatte. Köhler sagte: „Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Sie das Leid, das Sie erfahren haben, rasch überwinden.“ Er freue sich nach Wochen des Bangens „mit allen Menschen in Deutschland“ über den Ausgang der Entführung. Steinmeier sagte, nach mehr als drei Monaten unter menschenunwürdigen Bedingungen befänden sich die beiden Männer „jetzt in sicherer deutscher Obhut im Irak“. Sie würden schon an diesem Mittwoch nach Deutschland zurückkehren. Die beiden Männer befanden sich zu diesem Zeitpunkt in der deutschen Botschaft in der irakischen Hauptstadt.
Merkel sagte am Abend am Rande einer CDU-Konferenz in Bad Fallingbostel (Niedersachsen): „Ich bin sehr erleichtert und erfreut, daß die beiden Geiseln frei sind und daß die Familienangehörigen sich freuen können. Ich habe gehört, daß es ihnen den Umständen entsprechend gut geht und daß jetzt alles getan wird, was notwendig ist, um sie auch heil nach Deutschland zu bringen.“ Den beiden Leipziger Technikern gehe es den Umständen entsprechend gut, teilte Steinmeier mit. Er habe mit den Freigelassenen telefoniert. Nach ersten Informationen sind beide Männer unversehrt und befinden sich in einem vergleichsweise stabilen Zustand. „Wir haben die Angehörigen der beiden Männer über den glücklichen Ausgang der Geiselnahme unterrichtet.“
Dank an den Krisenstab
Steinmeier bedankte sich bei allen Stellen, die zur Freilassung der beiden Leipziger beigetragen hätten, hauptsächlich beim Krisenstab des Auswärtigen Amtes sowie „bei unseren amerikanischen, europäischen und regionalen Partnern“. In seinen Dank schloß er auch die deutschen Nachrichtendienste sowie die Botschaft in Bagdad ein. Steinmeier forderte gleichzeitig die Freilassung weiterer westlicher Geiseln im Irak.
„Bei aller Erleichterung über die Freilassung von René Bräunlich und Thomas Nitzschke sind wir in diesen Stunden mit unseren Gedanken auch bei jenen, die im Irak noch immer in Geiselhaft sind.“ Noch mindestens fünf Bürger westlicher Länder oder Verbündeter werden in irakischer Geiselhaft vermutet.
„Ungeheures Gefühl der Erleichterung“
Das letzte Lebenszeichen der beiden Männer datierte vom 10. April. Damals war das vierte Video während ihrer Geiselhaft aufgetaucht. In Leipzig fanden mehr 27 Mahnwachen statt. Das letzte Filmmaterial war auf einer islamistischen Internetseite verbreitet worden. Damals hatte Nitzschke in einer etwa zehn Sekunden dauernden Botschaft dramtisch gefleht: „Wir sind am Ende unserer Nerven. Bitte helfen Sie uns. Wir halten es nicht mehr länger aus. Bitte helfen Sie uns.“
Auf der in dem Videoausschnitt im Hintergrund gezeigten schwarzen Schrifttafel stand in arabischer Schrift: „Im Namen Gottes des Barmherzigen Bataillon der Unterstützer des Tawhid und der Sunna.“ Bräunlich und Nitzschke trugen auf dem Video Bärte.
Der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer, sprach nach der Freilassung von einem „ungeheuren Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit“. Als Zeichen der Freude wolle er die Glocken der Kirche in Leipzigs Innenstadt läuten lassen. (Siehe auch: Video: Erleichterung in Leipzig)
Riesengroß war auch die Freude beim Arbeitgeber der beiden Techniker, Cryotec im sächsischen Bennewitz.