http://www.faz.net/-gpf-w0sj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2008, 10:41 Uhr

Nach den Wahlen Dutzende Tote bei Unruhen in Kenia

Einen Tag nach der Bekanntgabe des umstrittenen Wahlsieges von Präsident Kibaki versinkt Kenia zunehmend in Gewalt, Dutzende Leichen wurden aufgefunden. Oppositionskandidat Odinga bezeichnete Kibaki als Militärherrscher. Polizisten sagen, sie hätten einen Schießbefehl mit Tötungsabsicht.

© dpa Polizisten lösen eine Barrikade auf

Einen Tag nach der Bekanntgabe des umstrittenen Wahlsieges von Präsident Mwai Kibaki versinkt Kenia zunehmend in Gewalt. In Nairobi und anderen Landesteilen lieferten sich Demonstranten heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Nach Angaben des Roten Kreuzes kamen seit den Wahlen am Donnerstag mindestens 54 Menschen ums Leben, mindestens 315 wurden verletzt. Die Zahl der Opfer könnte tatsächlich noch weitaus höher liegen; andere Quellen nennen mehr als hundert Tote. Ein Mitarbeiter der Leichenhalle in der westlichen Stadt Kisumu sagte der Nachrichtenagentur AFP, allein dort hätten Polizisten in der Nacht 46 Leichen abgegeben. Die Körper hätten Schusswunden aufgewiesen.

Der in der Präsidentenwahl unterlegene Oppositionskandidat Raila Odinga bezeichnete Kibaki am Montag als einen Militärherrscher, der nur noch mit der Gewalt der Gewehre regiere. Für Donnerstag rief er zu einer Großdemonstration in Nairobi auf, zu der alle Teilnehmer mit einem schwarzen Armband erscheinen sollen. Odinga verglich die Situation mit der Lage der Elfenbeinküste im Jahr 2002. Das bis dahin exemplarisch stabile Land wurde damals durch einen Militärputsch in einen Bürgerkrieg gerissen.

Mehr zum Thema

Auswärtiges Amt warnt Kenia-Reisende

Schwerpunkte der Unruhen in Kenia sind die Elendssiedlungen der Hauptstadt Nairobi, die 300 Kilometer nordwestlich gelegene Stadt Kisumi und die Küstenstadt Mombasa, wo sich zahlreiche Touristenhotels befinden. Das Auswärtige Amt in Berlin hat Kenia-Reisenden empfohlen, sich von Menschenansammlungen und politischen Kundgebungen fernzuhalten.

Dutzende Tote bei Unruhen in Kenia Polizisten lösen eine Barrikade auf © dpa Bilderstrecke 

Die Wahlkommission hatte Kibaki am Sonntagabend, drei Tage nach den Wahlen, zum Sieger erklärt. Etliche Ungereimtheiten bei der Auszählung konnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgeklärt werden. Odinga, der nach Angaben der Wahlkommission nur um 231.728 Stimmen hinter Kibaki lag, zweifelte das Wahlergebnis an. Seine Orange Demokratiebewegung ODM wollte ihn am Montag als „Präsidenten des Volkes“ in einem Park von Nairobi feiern. Schwer bewaffnete Polizisten verhinderten den Vormarsch von Demonstranten ins Zentrum der Hauptstadt, es kam zu blutigen Zusammenstößen.

Schießbefehl mit Tötungsabsicht?

In Nairobi schossen Bereitschaftspolizisten mit Tränengas in Häuser und Geschäfte. Bewohner klagten darüber, dass keine Nahrungsmittel mehr aufzutreiben seien. Die meisten Geschäfte sind seit dem Wahltag geschlossen. In Mombasa plünderten Aufständische Geschäfte mit dem Ruf „Kein Raila, kein Frieden!“.

Mehrere hohe Polizeioffiziere teilten unabhängig voneinander in Nairobi der Nachrichtenagentur AP mit, sie hätten den Befehl bekommen, tödliche Schüsse abzugeben. Das führte offenbar zu Spannungen innerhalb der Polizei, da viele Beamte mit der Opposition sympathisieren. Ein Regierungssprecher dementierte, dass es einen solchen Schießbefehl mit Tötungsabsicht gebe.

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
London Über 400 Festnahmen beim Karneval von Notting Hill

Jedes Jahr mischen sich beim Karneval im Londoner Stadtteil Notting Hill Kriminelle unter die ausgelassen Feiernden. Die Polizei nahm bereits hunderte Personen fest. Vier Menschen wurden durch Stichwaffen verletzt. Mehr

30.08.2016, 14:35 Uhr | Gesellschaft
F.A.Z.-Wahlbarometer So wollen die Deutschen wählen

Welche Parteien liegen im Rennen um die Gunst der Bürger vorne? FAZ.NET präsentiert ab sofort jüngste Umfragen und Wahlergebnisse in Bund und Ländern. Zusammen mit exklusiven Studienergebnissen des Allensbach-Instituts. Mehr

30.08.2016, 15:01 Uhr | Politik
Ergolding in Bayern Mann attackiert Polizisten mit Motorsäge

Mit laufender Motorsäge greift ein Mann mehrere Polizisten an. Auch ein Warnschuss hält ihn nicht auf. Erst ein gezielter Schuss auf sein Bein stoppt den Angreifer. Mehr

30.08.2016, 13:13 Uhr | Gesellschaft
Jemen Über 50 Tote bei Selbstmordanschlag

Bei einem Selbstmordanschlag auf einen Milizenstützpunkt sind in der südjemenitischen Hafenstadt Aden am Montag mehr als 50 Menschen getötet worden. Die Islamistenmiliz IS bekannte sich über ihre Propagandaagentur Amak zu der Tat - einem der schwersten Anschläge überhaupt in Aden. Mehr

30.08.2016, 14:53 Uhr | Politik
Identitäre Bewegung Nach Besetzung von Brandenburger Tor wird Sicherheit überprüft

Die Besetzung des Brandenburger Tors durch rechtsradikale Aktivisten wirft die Frage der Sicherheit auf. Der Berliner Senat will nun für einen besseren Schutz des Wahrzeichens der Hauptstadt sorgen. Mehr

28.08.2016, 13:54 Uhr | Politik

Gefahren kennen keine Altersgrenze

Von Reinhard Müller

Schon Minderjährige können im Namen des IS andere Menschen attackieren. Das zeigt der Fall einer 16 Jahre alten Deutsch-Marokkanerin. Der Verfassungsschutz muss sie beobachten dürfen. Mehr 6 56