12.07.2009 · Bei den Unruhen in Xinjiang sind nach offiziellen Angaben deutlich mehr Han-Chinesen als Uiguren getötet worden. In Urumtschi glauben viele dieser Darstellung nicht. Sichere Informationen sind aber kaum zu erhalten.
Von Till Fähnders, UrumtschiEine Woche nach den blutigen Unruhen in der Hauptstadt der chinesischen Autonomen Region Xinjiang ist es immer noch schwierig, sich ein genaues Bild über die Vorgänge in Urumtschi zu machen. So gibt es erhebliche Zweifel an den offiziellen Angaben über die Zahl der Opfer und deren Aufteilung in Han-Chinesen, Uiguren und Angehörige einer anderen der insgesamt 55 nationalen Minderheiten Chinas. Lange hatte die Regierung darüber geschwiegen, zu welcher der Nationalitäten, die sich während der Unruhen feindlich gegenüber standen, die Toten zählten. Da es sich um einen ethnischen Konflikt handelte, in dem die Fronten vor allem zwischen Han-Chinesen und Uiguren verliefen, ist diese Unterscheidung aber wichtig.
Am vergangenen Freitag haben die Behörden nun gemeinsam mit der Veröffentlichung der auf 184 Tote erhöhten offiziellen Opferzahl zum ersten Mal auch Aussagen darüber gemacht, zu welcher ethnischen Gruppe die Toten gehörten. Die überwiegende Mehrheit der Opfer waren demnach Han-Chinesen, die in China mehr als 90 Prozent der Bevölkerung stellen. Außerdem fanden offiziell 46 muslimische Uiguren den Tod. Der Uigurische Weltkongress (WUC) vermutet aber erheblich mehr uigurische Opfer. Die WUC-Vorsitzende Rebiya Kadeer sprach zuletzt von mehr als 1000, möglicherweise bis zu 3000 Toten.
Fast nur Berichte über Angriffe auf Han-Chinesen
Aus Sicht der Exil-Uiguren hat die chinesische Regierung ein Interesse daran, die offizielle Zahl der getöteten Uiguren niedrig zu halten. Der WUC vermutet, dass die chinesischen Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen die protestierenden Uiguren vorgegangen sind. Er wirft ihnen vor, mit ihrer harten Reaktion auf friedliche Proteste die Unruhen provoziert zu haben. Allerdings würden die uigurischen Exilorganisationen von einer hohen Opferzahl unter den Uiguren politisch profitieren. Denn mit dieser Zahl wächst auch die internationale Aufmerksamkeit und Sympathie. Da beide Seiten eine eigene Agenda verfolgen, sind ihre jeweiligen Angaben über Opferzahlen also mit Vorsicht zu bewerten.
In Urumtschi werden ebenfalls Zweifel an der offiziellen Darstellung der Ereignisse laut. So berichten Einwohner Urumtschis, dass am vorigen Sonntag auch Schüsse gefallen seien und es Gewalt gegen Uiguren gegeben habe. In der staatlichen chinesischen Presse gibt es aber fast ausschließlich Berichte über Angriffe auf Han-Chinesen. Dabei gingen die Angreifer laut diesen Berichten zwar äußerst brutal vor, aber offenbar ohne Schusswaffen zu gebrauchen. Wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch feststellt, geben die auf han-chinesische Opfer konzentrierten Berichte keine Hinweise darauf, wie die 46 Uiguren zu Tode kamen.
Auch Hui-Angehörige berichten von Opfern
Nach einem Artikel der „South China Morning Post“ halten viele Einwohner Urumtschis die offiziellen Zahlen für zu niedrig. Einige Anwohner sagten der Hongkonger Zeitung, sie hätten von mehr als hundert getöteten Uiguren erfahren. Die Zeitung stellt außerdem die Angabe der Behörden in Frage, wonach es nur einen Toten gab, der zu der in Urumtschi ebenfalls ansässigen Minderheit der Hui gehörte. Angehörige hätten den Reportern von mehreren Todesopfern sowie Vermissten berichtet, die zu dieser Bevölkerungsgruppe gehören. Die Hui sind wie die Uiguren Muslime. Wie die Zeitung außerdem berichtet, gibt es Vermisste, die nicht unter den offiziellen Opfern sind. Amtliche Vermisstenzahlen gibt es bisher nicht.
Nahezu völlige Unklarheit herrscht über die Lage in den anderen Gegenden der Autonomen Region Xinjiang. Während sich ausländische Journalisten in Urumtschi weitgehend frei bewegen können, scheinen viele andere Städte und Kreise von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. In der im äußersten Westen Xinjiangs gelegenen Stadt Kaschgar, die das kulturelle Zentrum der Uiguren ist, wurden ausländische Journalisten bei ihren Recherchen behindert. Einige wurden von der Polizei aus der Stadt verwiesen oder zeitweilig in Hotels festgesetzt.
„Massentötungen“ in Kaschgar?
In Kaschgar soll es nach WUC-Angaben „Massentötungen“ gegeben haben. Verifizieren lassen sich die Schilderungen aber nicht. Es dringen so gut wie keine Berichte von dort nach außen. Wie in Urumtschi haben die Behörden offenbar auch in Kaschgar und anderen Gebieten Xinjiangs das Internet und Leitungen für Auslandstelefonate blockiert. Die Uiguren sind außerdem durch eine Verhaftungswelle eingeschüchtert, bei der offiziell schon mehr als 1400 Menschen festgenommen wurden. Viele wagen es nicht, mit Journalisten zu reden.
Am siebten Tag nach den Unruhen haben in Urumtschi am Sonntag einige Han-Chinesen auf traditionelle Art der Opfer der Ausschreitungen gedacht, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Die Polizei verbot jedoch ausdrücklich nicht genehmigte öffentliche Versammlungen, Demonstrationen und Märsche. Die Polizei befürchtet wohl, dass das Gedenken in neue Gewalt münden könnte. Teilweise hatte sich die Lage in Urumtschi am Wochenende aber weiter normalisiert. An immer mehr Geschäfte waren die Rollläden wieder hochgezogen.
Auch in den Vierteln der Uiguren waren einige Märkte wieder belebt. Gleichzeitig bewachten weiter Tausende Sicherheitskräfte die Straßen. Viele Moscheen blieben aus Sicherheitsgründen geschlossen. Am Sonntag war außerhalb der Stadt in einer Chemiefabrik ein Öltank explodiert, wie Xinhua berichtete. Der Vorfall hatte dem Vernehmen nach aber nichts mit der angespannten Sicherheitslage zu tun.