07.09.2004 · Der russische Präsident Putin will die Geschehnisse in Beslan nur intern, aber nicht öffentlich untersuchen lassen. Wegen des Geiseldramas hat er einen Besuch in Deutschland abgesagt. Bei den Kundgebungen in Moskau werden auch Rücktrittsforderungen laut.
In Rußland haben sich am Montag Hunderttausende Menschen in vielen Städten zu Kundgebungen versammelt, um gemeinsam ein Zeichen gegen den Terrorismus zu setzen. Viele brachten ihre Trauer und Wut über die Hunderten Toten des Geiseldramas in der Schule in Beslan und der Terroranschläge in Moskau und bei zwei Flugzeugabstürzen zum Ausdruck.
In Moskau versammelten sich am Abend mehrere zehntausend Menschen in der Nähe des Kremls zu einer Großdemonstration unter dem Motto "Rußland gegen den Terror". Sie wurde von den Gewerkschaften veranstaltet. "Gegen Kinder kämpfen nur Schufte und Feiglinge" oder "Mit Terroristen kann man nur mit Kugeln verhandeln" war auf Spruchbändern zu lesen.
„Morgen jagen wir die Teufel aus ihren Ämtern“
Der Moskauer Bürgermeister Luschkow rief der Menge zu: "Rußland kann man nicht besiegen. Daß ist den Faschisten nicht gelungen, und es wird dem Terror nicht gelingen". Luschkow kritisierte auch die Sicherheitskräfte. Die Terroristen in Beslan hätten die modernsten russischen Waffen besessen. "Man muß fragen, woher sie die haben", spielte er auf die Korruption in den Streitkräften und Sicherheitsdiensten an, ein Thema, das auch Präsident Putin am Wochenende in seiner Ansprache an die Bevölkerung erwähnt hatte.
Nur die ersten Minuten der Kundgebung, als offizielle Redner sprachen, wurden im Fernsehen übertragen. In Wladikawkas, der Hauptstadt von Nordossetien, wo die Geiselnahme stattgefunden hatte, forderten bei einer Protestaktion mehrere hundert Menschen den Rücktritt der Regierung der Teilrepublik, die bei dem Geiseldrama versagt habe. "Korruption ist eine Quelle des Terrors", stand auf einem Plakat. "Heute beerdigen wir unsere Kinder, und morgen kommen wir und jagen diese Teufel aus ihren Ämtern, vom untersten Abteilungsleiter über den Minister bis zum Präsidenten", sagte ein Redner.
Putin sagt Besuch in Deutschland vorerst ab
In Moskau forderten Oppositionspolitiker den Rücktritt des Geheimdienstchefs oder der gesamten Regierung. Doch haben diese Forderungen keine Aussicht auf Erfolg. Putin lehnte eine parlamentarische Untersuchung des Geiseldramas ab. Sie habe wenig Sinn, man werde eine interne Untersuchung beginnen und die Schuldigen bestrafen.
Der Kreml gab am Abend bekannt, daß Präsident Putin wegen des Geiseldramas nicht, wie geplant, am Freitag und Samstag zu den deutsch-russischen Regierungskonsultationen nach Hamburg kommen werde. Das Treffen mit Bundeskanzler Schröder (SPD) und mehreren Ministern seines Kabinetts werde in beiderseitigem Einvernehmen verschoben, teilte man mit. Putin hatte zuvor Verhandlungen mit den tschetschenischen Separatisten abgelehnt; niemand habe das Recht zu fordern, man müsse mit "Kindermördern" reden, sagte er.
Frankreich verlangt Aufklärung
Frankreich verlangte unterdessen von Rußland mehr Informationen zu dem Geiseldrama von Beslan, bei dem nach offiziellen Angaben 335 Menschen, vor allem Kinder, umkamen und mehr als 700 verletzt wurden. Man bringe seine Solidarität mit Rußland zum Ausdruck, sagte Ministerpräsident Raffarin. "Aber wir wollen auch alle notwendigen Informationen und wir erinnern Rußland bei jedem Treffen an die Notwendigkeit, die Menschenrechte zu respektieren."
Unterdessen wurde bekannt, daß die russischen Behörden zwei georgische Journalisten, Nana Leschawa und Lewan Tetwadse, in Haft genommen haben, die in Beslan für den Fernsehsender Rustawi-2 berichteten. Offiziell wurde dies damit begründet, daß sie keine Visa für Rußland hätten. Doch stammen beide aus Kasbegi im russisch-georgischen Grenzgebiet und brauchen deshalb keine Visa. Mitarbeiter der georgischen Botschaft und ein Anwalt durften die Journalisten nicht sehen. In Tiflis vermutet man, daß die Berichterstattung der Journalisten der Grund für ihre Festnahme ist. Der georgische Präsident Saakaschwili hat in einem Schreiben an Präsident Putin die Freilassung der Journalisten gefordert.