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Nach den Anschlägen Fetzen in Tunneln

08.07.2005 ·  Es wird Tage, voraussichtlich sogar Wochen dauern, bis Scotland Yard und die Terrorexperten Londons ein klares Bild haben, was bei den Anschlägen wirklich geschah. Gewiß ist: Im Untergrund müssen sich Szenen des Grauens abgespielt haben.

Von Bettina Schulz, London
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Noch immer ist das Bild des von einer Bombe zerrissenen Busses am Tavistock Square das Symbol des Londoner Anschlages. Aber was tief unten in den Tunneln des U-Bahn Systems geschah, war noch verheerender.

Bei einem der Züge ist die Detonation der Bombe so mächtig gewesen, daß die Rettungsmannschaften selbst 24 Stunden nach dem Anschlag aus Sicherheitsgründen nicht in der Lage waren, die zerfetzten Waggons in dem Tunnel der Piccadilly Line zu erreichen. Nur soviel halten die Behörden für sicher: An diesem Ort sind keine Überlebenden mehr anzutreffen; zehn Leichname liegen jedoch noch in dem Tunnel und können noch nicht geborgen werden.

Bomben mit Zeitzündern?

Es wird Tage, voraussichtlich sogar Wochen dauern, bis Scotland Yard und die Spezialeinheit für Terrorismusbekämpfung Londons eine klares Bild haben, was bei den Anschlägen wirklich geschah. Sollten die Attacken tatsächlich ähnlich wie der Terroranschlag in Madrid organisiert gewesen sein, könnte es sein, daß Terroristen Plastiksprengstoff benutzt haben, von dem bereits geringe Mengen hochexplosive Wirkung haben.

Dieser Sprengstoff kann mit einem einfachen Zeitzünder detoniert werden, der wiederum über ein Mobiltelefon aktiviert werden kann. Die Polizei ist davon überzeugt, daß die Bomben jeweils auf dem Boden der Waggons beziehungsweise des oberen Busdecks plaziert waren.

Mehr als vier Kilogramm Sprengstoff

Offiziell konnte Scotland Yard auch am Freitag noch nicht mitteilen, ob es sich bei den Anschlägen um die Tat von Selbstmord-Attentätern handelte. Aber der Chef der Londoner Polizei, Ian Blair, sagte am Freitag, wahrscheinlicher sei, daß Bomben mit Zeitzündern in den Zügen hinterlassen worden seien.

Andy Hayman, ein Mitarbeiter einer Spezialeinheit der Londoner Polizei, äußerte öffentlich, daß die Bomben etwa 4,5 Kilogramm Sprengstoff enthalten hätten. Solche Mengen könnten zum Beispiel leicht in einem Rucksack versteckt werden.

Orientierung verloren?

Das größte Rätsel gibt weiterhin die Explosion auf dem Oberdeck des Londoner Doppeldeckerbusses auf. Diese Explosion geschah nach den Bombenanschlägen in den Untergrundbahnen, und es ist nicht klar, welche Strategie mit der Busexplosion verbunden war.

Der Bus wurde im Chaos der Rettungsoperationen und Straßensperren umgeleitet; so verlor der Fahrer seine Orientierung. Am Tavistock Square lenkte der Fahrer den Bus, in dem zu dem Zeitpunkt etwa 40 Passagiere saßen, an die Seite, stieg aus und bat beistehende Parkwächter, die in London ähnlich wie Polizisten gekleidet sind, um Hilfe.

In dem Moment explodierte der Bus, das Dach wurde zehn Meter durch die Luft geschleudert. Zwei Menschen starben sofort, inzwischen bestätigte der Londoner Polizeichef Ian Blair 13 Tote in dem Bus, zahlreiche andere wurden schwerstverletzt.

Es wird noch gerätselt, ob der Terrorist in dem Bus vielleicht auf dem Weg zu einer Untergrundbahn unterwegs war, sich von dem Gespräch des Fahrers mit den Parkwächtern ertappt fühlte und deshalb den Bus in die Luft jagte. Eine andere Möglichkeit ist, daß die Terroristen einplanten, daß die Untergrundbahn nach den Bombenanschlägen geschlossen werden würde, die Menschen auf die Busse ausweichen würden und die Panik um so größer würde, wenn plötzlich auch ein Bus explodiert.

Suche nach Sprengstoffresten

Derzeit bleibt der Unglücksort am Tavistock Square abgeriegelt, und Scotland-Yard-Beamte nehmen mit Spezialisten anderer Behörden den zerstörten Bus und die umliegenden Fetzen unter die Lupe. Vor allem suchen sie nach Sprengstoffresten oder einem Zeitzünder.

Die Chancen sind relativ groß, weil die Unglücksstelle viel zugänglicher ist als die tiefen Tunnel der U-Bahn. Dort wird es wegen der größeren Zerstörung und der Druckwelle in den Tunneln schwerer sein, die Anschläge zu rekonstruieren. Im Gegensatz zum 11. September 2001, als sich das noch drastischere Grauen vor den Kameras abspielte, blieben der Terror und die Verzweiflung in London verborgen in den schwarzen Tunneln des Untergrundbahnnetzes.

Die erste Bombe war am Donnerstag um 8.51 Uhr in einem Waggon der Circle Line explodiert, kurz nachdem der Zug in den Tunnel gefahren war. Die Detonation tötete sieben Passagiere und verletzte viele andere Pendler, die sich teilweise schwerverletzt den Weg durch die Verbindungstüren des Zuges in die anderen Waggons bahnten.

Schwerverletzt eingesperrt im Untergrund

Verzweifelt versuchten die Passagiere, die Zugtüren von innen zu öffnen, was ihnen zunächst nicht gelang - ebensowenig wie dem Zugführer, der dies von außen versuchte. Nach einer halben Stunde setzten die Rettungsaktionen der Feuerwehr vom Ende des Zuges her ein. Und erst als die Passagiere im Dunkeln mit Taschenlampen an dem zerrissenen zweiten Waggon vorbei in Sicherheit geführt wurden, erkannten viele das Ausmaß der Katastrophe. Die Explosion hatte das Abteil zerfetzt, Sitze herausgerissen. Augenzeugen berichteten von Toten und Schwerstverletzten, die immer noch in dem zerstörten Abteil eingesperrt waren, ohne daß man ihnen sofort helfen konnte.

Noch katastrophalere Auswirkungen hatte die zweite Bombe, die nur fünf Minuten später auf einem Zug der Piccadilly Line explodierte, als er von dem Großbahnhof King's Cross aus in den Tunnel Richtung Russel Square fuhr. Da der Zug offenbar bereits tief in den Tunnel hineingefahren war, vielleicht auch, weil die Bombe möglicherweise größer war, richtete die Explosion weit größeren Schaden an und zerfetzte offenbar einen Waggon vollständig und zwei andere Waggons zum Teil.

Panik unter den Passagieren

Auch hier konnten weder die Passagiere noch die 40 Minuten später eintreffenden Rettungstrupps die Türen des Zuges öffnen. In Panik versuchten die Verletzten, mit ihren bloßen Händen die Fenster einzuschlagen, vor allem aus Angst, der Rauch der Explosion könnte ein Giftgas-Angriff sein.

Auch hier zerschmetterten die Rettungstrupps letztlich die Fenster, öffneten die Türen und führten die Passagiere aus dem 30 Meter tief gelegenen Tunnel wieder aus dem U-Bahn System hoch auf die Straße. Dies ist der Tunnel, von dem es am Freitag nachmittag hieß, es lägen noch zehn Tote in ihm, die derzeit nicht zu bergen seien. Der Tunnel liegt mehr als 30 Meter unter der Erde, denn die Piccadilly Line ist eine der Bahnlinien, die extrem tief verlegt ist.

Rückschlüsse auf die Täter

Die dritte Bombe ging am Donnerstag zwanzig Minuten nach dem ersten Anschlag in einem Zug der Circle Line im Nordwesten der Stadt hoch, wenige Sekunden nachdem der Zug den Bahnhof Edgware Road Richtung Kensington High Street verlassen hatte. Ein entgegenkommender Zug fuhr in das Wrack des explodierten Waggons hinein. An dieser Unglücksstelle starben auf der Stelle sieben Passagiere; fast 40 Personen wurden verletzt.

Aus der Art und Stoßrichtung der Explosionen versuchen Sprengstoffachleute nun herauszulesen, welcher Sprengstoff und welche Art Bombe verwendet wurde. Dies würde wiederum Rückschlüsse auf die Täter zulassen. Es bedeutet allerdings, daß die Unglücksorte der Anschläge für längere Zeit abgeriegelt bleiben müssen, was den Londoner Nahverkehr auf Tage, wenn nicht Wochen beeinträchtigen dürfte.

Auswertung der Viedeoaufnahmen

Gleichzeitig müssen die Fahnder die Filme der Sicherheitskameras in den Bahnhöfen auswerten. Insgesamt sind in der Londoner Untergrundbahn 1400 sogenannte Kameras installiert, sowohl in den Bahnhöfen als auch in den Zügen selbst. Eine sorgfältige Auswertung könnte Aufschluß darüber geben, ob Personen mit Gepäck das Netz der Untergrundbahnen betreten, die U-Bahn aber ohne Gepäck wieder verlassen haben.

Die Auswertung wird mehr als schwierig sein, denn die Londoner Untergrundbahn wird täglich von drei Millionen Passagieren benutzt. Jeder Zug kann bis zu 900 Menschen transportieren; in der sogenannten Rush-hour drängen sich Tausende von Pendlern in hastiger Eile durch die engen Gänge. Es wäre unmöglich, diese Menschen so genau zu kontrollieren, wie man es mit Flugpassagieren an den Flughäfen tut.

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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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