04.08.2011 · Schneller, höher, weiter: Eine Entwicklung, für die andere Länder hundert und mehr Jahre brauchen, vollzieht China in nur dreißig. Nicht wenige Chinesen fühlen sich davon überfordert.
Von Till FähndersChina braucht eine Pause. Der Zusammenstoß von zwei Hochgeschwindigkeitszügen vor etwas mehr als einer Woche hat das Milliardenvolk in Schrecken versetzt. Er zwingt die Menschen zum Nachdenken: Müssen wir wirklich mehr, schneller, weiter, größer und höher als alle anderen, und das auch noch in viel kürzerer Zeit? Eine Entwicklung, für die andere Länder hundert und mehr Jahre brauchten, vollzieht China in nur dreißig. Vom „kranken Mann Asiens“ wurde China zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt.
Die chinesischen Städte breiten sich weiter aus und haben mehr Einwohner als alle anderen Städte in der Welt. Die chinesischen Hochhäuser wachsen immer höher in den Himmel und die chinesischen U-Boote steigen immer tiefer in die Ozeane hinab. Und die Schnellzüge müssen schneller fahren als die schnellsten Schnellzüge in anderen Ländern.
Es herrschen Gigantismus und Hektik, die nicht nur den China-Besuchern den Atem verschlagen. Nicht wenige Chinesen fühlen sich überfordert. Sie denken mit Nostalgie an die Zeiten zurück, als in China noch die sozialistische Planwirtschaft und nicht der moderne Kapitalismus chinesischer Prägung das Tempo bestimmte. Sie erinnern sich vor allem an die fünfziger Jahre, die sie als eine idyllische Zeit der Ruhe und des Zusammenhalts verklären.
Damals kannte jeder den Nachbarn, und sei es auch nur dank beengter Wohnverhältnisse und eigentlich eher lästiger Treffen der Nachbarschaftskomitees. Besonders ältere Chinesen folgen seit Monaten einer „roten Kulturbewegung“, die das Absingen revolutionärer Klassiker propagiert. Sie blenden die grausamen Verbrechen der „Anti-Rechts-Kampagnen“, des „Großen Sprungs nach vorn“ und der „Großen proletarischen Kulturrevolution“ einfach aus.
Die Geschwindigkeit fordert Opfer
Dabei wird auch unter den Nostalgikern niemand ernsthaft die Errungenschaften der vergangenen drei Jahrzehnte leugnen wollen. In China haben sich mehr als 400 Millionen Menschen aus der Armut befreit. Ohne die rasante Wirtschaftsentwicklung wäre diese Leistung niemals möglich gewesen. Doch die Hochgeschwindigkeit, mit der China seine Stärkung vorantreibt, hat viele Opfer gefordert. Sie haben sich krank gearbeitet, sind in Kohleminen verschüttet worden, haben gepanschte Milch getrunken und verpestete Luft geatmet. Sie sind neben eine Chemiefabrik gezogen und haben Krebs bekommen. Sie haben ihr Blut verkauft und verseuchtes Blut zurückbekommen. Sie haben sich in einen Schnellzug gesetzt, aber das Signal hatte einen Konstruktionsfehler.
Das rabiate Wachstum, das China erlebt, ist nicht nur strapaziös für die Chinesen selbst, sondern auch für den Rest der Welt. Das Militär rüstet mit Hochdruck auf, die neuen Fähigkeiten flößen den Nachbarländern Angst ein. Überall auf der Erde muss die Volksrepublik auf Jagd nach Rohstoffen gehen, sie macht Geschäfte mit Diktatoren und fragt nicht nach den Menschenrechten. Das Land verbraucht heute auch mehr Energie als jedes andere und stößt am meisten Kohlendioxid aus. Und während Deutschland und andere Länder die Atomkraft in Frage stellen, verfolgt China das ehrgeizigste Programm zum Ausbau der Nuklearenergie weltweit. Was ist, wenn auch in einem der vielen neuen Kraftwerke einmal ein Signal nicht richtig funktioniert?
Die Mächtigen werden geschützt
China wolle kein „blutiges BIP“, schrieb nach dem Zugunglück nun selbst die „Volkszeitung“, das Hausblatt der regierenden Kommunistischen Partei. Auch die Führung will es offenbar ruhiger angehen lassen. Sie hat im Frühjahr einen neuen Fünfjahresplan vorgelegt, der China zu einem nachhaltigeren Wachstum führen soll. Sie redet schon seit längerem von einer „harmonischen Gesellschaft“. Doch in Wirklichkeit hat sie Angst davor, dass die Bevölkerung einmal innehalten und zur Besinnung kommen könnte. Sie verbietet der Presse deshalb „negative“ Berichte über das Zugunglück und dessen Ursachen.
Die Journalisten zeigten sich nach dem Unglück erstaunlich renitent. Auch die Bevölkerung scheint angesichts der 40 Toten nicht bereit, einfach so zur Tagesordnung überzugehen. In ihren Blogs prangern die Internetnutzer die Arroganz der Mächtigen und ihre Sucht nach Rekorden an. „Der Zug von Schanghai nach Peking brauchte bisher einen Tag. Jetzt seid ihr in fünf Stunden dort (sofern es kein Gewitter gibt). Warum seid ihr nicht dankbar? Was sollen all die Fragen?“, hieß es in einem ironischen Kommentar, der von den Internetzensoren gelöscht wurde und der dem prominenten Schriftsteller und Rennfahrer Han Han zugeschrieben wird.
Das autoritäre System schützt die Mächtigen. Es leistet der Korruption Vorschub. Es gibt keine Garantie, dass beim nächsten Rekordversuch nicht wieder am falschen Ende gespart wird und sich einige Beteiligte das Geld auf die eigenen Konten überweisen. Es würde schon helfen, wenn China auf den einen oder anderen Superlativ verzichten könnte. Die Führung aus der Kommunistischen Partei aber fürchtet, dass das Land sie dafür gar nicht mehr braucht.
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