11.04.2010 · Kerze fügt sich an Kerze, Lichterteppiche überziehen die Gehsteige: Nach der nationalen Tragödie trauert Polen um Lech Kaczynski und die weiteren Opfer. Die Präsidentenwahl, die für den Herbst geplant war, muss nun vorgezogen werden. Konrad Schuller hat ein erschüttertes Land erlebt.
Von Konrad Schuller, WarschauDie Stadt wartet und schweigt. Das Flugzeug mit dem Sarg des Präsidenten ist in Smolensk mit militärischen Ehren verabschiedet worden, Ministerpräsident Putin selbst hat Lech Kaczynski das Geleit gegeben zu dem Flugzeug, das seinen Leichnam zurückbringt nach Polen. Am Nachmittag, gegen drei soll es auf dem militärischen Teil des Warschauer Flughafens landen.
In der Hauptstadt hatte sich schon am Samstag ein schweigendes Warten wie auf eine kollektive Verabredung ausgebreitet. Bis tief in die Nacht waren die Menschen zum Zentrum geströmt, zum prachtvoll klassizistischen Präsidentenpalast auf dem „Königstrakt“, wo zu Zeiten der polnischen Teilungen der russische Gouverneur seine Residenz hatte. Es herrschte eine eigentümliche, auf traurige Weise vertraute Atmosphäre an diesem Abend vor den steinernen Löwen und Reiterstandbildern. Die Polen haben ein intimes Verhältnis zu ihren Toten. Die Nacht des 1. November, die Nacht auf Allerseelen, an dem man die Toten besucht und oft Hunderte von Kilometern zurücklegt, um bei den Gräbern zu sein, ist der heimliche Nationalfeiertag dieses Volkes. So ist dieser Abend zu Ehren der Toten von Smolensk – des Präsidentenpaares und seiner 94 Begleiter – mit einer gewissen feierlichen Routine verlaufen.
Still und geordnet, so, wie sie zu Allerseelen die Friedhöfe besuchen, sind die Leute vor den Präsidentenpalast geströmt, und so, wie sie auf den großen Warschauer Friedhöfen den Großen ihres Volkes, seinen Geistlichen, Politikern, Künstlern und Freiheitskämpfern eine Kerze entzünden, so entzündeten sie an diesem Abend ihre Lichter für Lech Kaczynski und seine toten Begleiter.
Kerze fügte sich an Kerze, Lichterteppiche überzogen die Gehsteige und die Sockel der Denkmäler. Als vor dem Präsidentenpalast nicht mehr genug Platz für Kerzen war, begannen vor den umliegenden Standbildern die Lichterseen zu wachsen: Am Denkmal des Nationaldichters Mickiewicz vor der barocken Fassade der Karmeliterkirche, am Denkmal des legendären Kardinals Wyszynski vor Sankt Jozef. Marschall Pilsudski, der Gründer des modernen Polen, bekam Lichter hingestellt, und an der Stelle am „Sächsischen Garten“, an der Papst Johannes Paul II. mit seiner Predigt im Jahr 1979 den Anstoß zum Aufbruch gegen die Diktatur gegeben hatte, bedeckten Kerzen das in den Boden eingelassene Papstwort „Dein Geist steige herab und erneuere das Antlitz der Erde – dieser Erde“.
Eine lange Lichterkette reichte bis hinüber zur Ruine des von Deutschen zerstörten „Sächsischen Palastes“, in der heute das Grab des Unbekannten Soldaten liegt. Die Luft ist voll von Kerzendunst und Stille. Das sehr private Verhältnis dieser Nation zu ihren Toten verlangt keine Fahnen, also haben die Menschen allenfalls Blumen dabei. Ab und zu wird gesungen, aber der Gesang greift nicht über, auch „Barka“ erklingt, das wehmütige Lieblingslied Johannes Pauls II., das jeder hier kennt. Die Dominanz eines großen Chores würde nicht passen zu der Innerlichkeit dieser Minuten.
Tusk ringt um Fassung
Auch an den Politikern spürt man, wie nahe den Polen diese Katastrophe geht, in der nicht nur das Präsidentenpaar ums Leben gekommen ist, sondern ein großer Teil der nationalen Elite – Abgeordnete, Bischöfe, Generäle, einfache Männer und Frauen. Schon am Samstag hatte Außenminister Sikorski mitgeteilt, Ministerpräsident Tusk, an sich ein bitterer politischer Gegner des toten Präsidenten, habe geweint, als er die Nachricht vom Unglück erhielt. Als Tusk später vor die Kameras tritt, stockt seine Stimme, und er ringt sichtlich um Fassung. Am selben Abend fliegt er nach Smolensk, kniet vor der Unglücksstelle, verbirgt das Gesicht. Wladimir Putin steht neben ihm und legt sacht die Hand auf seine Schulter. Auch Kaczynskis Bruder Jaroslaw, sein unzertrennlicher politischer Partner und Mitstreiter, ist noch am Samstag nach Smolensk geflogen. Jetzt kniet er mit steinernem Gesicht vor der Unglücksstelle. Es war seine Aufgabe, seinen toten Bruder und die verstorbene Schwägerin zweifelsfrei zu identifizieren.
Während das Land noch in Trauer innehält, stellt die Politik die ersten Weichen. Donald Tusk hat beschlossen, am Montag nicht zum Abrüstungsgipfel nach Washington zu reisen. Die Führung der Streitkräfte hat die verunglückten Generäle und Admirale unverzüglich durch ihre Stellvertreter ersetzt. Die größte politische Lücke, die im Präsidentenpalast, füllt der Verfassung nach der Vorsitzende des Unterhauses, Sejmmarschall Bronislaw Komorowski, der wie so viele andere einen Verwandten beim Unglück verloren hat, den stellvertretenden Verteidigungsminister Stanislaw Komorowski. So klingt es glaubwürdig, wenn er in seiner ersten Ansprache an die Nation das an sich Selbstverständliche sagt: „Heute, im Angesicht unseres nationalen Dramas, stehen wir alle zusammen.“
Komorowskis Aufgabe wird es jetzt sein, die Nachfolge zu regeln. Die Verfassung hat hier Vorsorge getroffen. Innerhalb von 14 Tagen muss er das Datum für vorgezogene Präsidentenwahlen festsetzen, und dieses Datum darf dann nicht weiter als 60 Tage in der Zukunft liegen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Polen den Nachfolger Lech Kaczysnkis deshalb im Juni wählen. Komorowski wird als Vertreter des toten Präsidenten dabei eine delikate Balance zu halten haben. Seine Partei, Tusks liberalkonservative „Bürgerplattform“ hat ihn im März, als Kaczynski noch lebte, zu ihrem Kandidaten gekürt. Jetzt ist er durch den Tod des Gegners einstweilen in dessen Position gerückt und muss sich davor hüten, den Eindruck zu erwecken, als nutze er diese Lage zu Lasten von Kaczynskis Partei „Recht und Gerechtigkeit“ zu seinem Vorteil.
Taxen, Busse, Trambahnen, Fußgänger hielten inne
Auch für die anderen politischen Kräfte wird die vorgezogene Wahl zur heiklen Aufgabe. In Kaczynskis Partei ist völlig offen, wer anstelle des Präsidenten, der bei der regulären Wahl im Herbst wohl wieder angetreten wäre, ins Rennen gehen wird. Die Vorbereitungen für seinen Wahlkampf waren schon im Gang, sogar die Wahlkampfhymne, das Lied vom „kleinen Ritter“ in Anlehnung an das polnische Nationalepos, die „Trilogie“ des Nobelpreisträgers Sienkiewicz war schon ausgewählt. Jetzt muss die Partei Ersatz finden – ob der Bruder des Toten, Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski, antreten wird oder jemand anderes, ist noch nicht absehbar. Auch die Linke hat ihren Kandidaten in dem Unglück verloren, den stellvertretenden Sejmmarschall Szmajdzinski. Auch hier ist noch nicht klar, wer an seine Stelle treten wird.
Jetzt erwartet die Stadt Warschau den Toten. Um zwölf Uhr mittags wurde eine Schweigeminute abgehalten. Wer um diese Zeit auf den Straßen war, etwa am verkehrsreichen Plac Konstytucji, genannt nach der ersten modernen republikanischen Verfassung Europas, der kurzzeitigen polnischen Konstitution vom 3. Mai 1791, konnte sehen, wie buchstäblich alles Leben unter dem Ton der Sirenen erstarrte. Taxen, Busse, Trambahnen, Fußgänger hielten inne. Die Ampeln der überfüllten Straßen schalteten von Rot auf Grün und wieder auf Grün, und nichts bewegte sich. Erst als das Sirenensignal verstummte, kehrte der Alltag wieder.
Jaroslaw Kaczynski küsste den Sarg
Gegen 16 Uhr nachmittags ist das Militärflugzeug mit dem Leichnam des Präsidenten gelandet. Alle standen bereit: die Tochter des Präsidenten, Marta, sein Zwillingsbruder Jaroslaw, dazu eine polnische Regierungselite, die noch 20 Jahre nach der Wende von 1989 aus der Führung der seinerzeitigen „Solidarno“ besteht. Nicht nur der tote Präsident und sein Bruder waren nämlich damals im Untergrund – auch die drei folgenden Männer auf der protokollarischen Rangliste Polens gehörten zum antikommunistischen Widerstand: die Marschälle von Sejm und Senat, Komorowski und Borusewicz, sowie Ministerpräsident Tusk.
Jaroslaw Kaczynski hat am Rollfeld des Flughafens bei seinem Bruder gekniet. Er hat den Sarg geküsst, er hat ihn mit der Stirn berührt, er hat gebetet. Einer nach dem anderen hat es ihm gleichgetan, dann hat sich die Kolonne mit dem Toten auf den Weg gemacht, in die Stadt, zum Königstrakt, zum Palast des Präsidenten. Die breite Jerusalemallee, die vom Flughafen ins Zentrum führt, war gesäumt von Menschen: still, gefasst, traurig. Wenige hatten Fahnen in den Händen, viele trugen Blumen.
Ab jetzt geht es für immer aufwärts
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 11.04.2010, 21:52 Uhr
stille Kondolenzen
Leylo Saraqi (kistigris)
- 12.04.2010, 06:13 Uhr
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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