09.03.2010 · Trotz Ausgangssperre hatten in Zentral-Nigeria mehrere hundert Angehörige der muslimischen Ethnie Fulani ungehindert die Dörfer der christlichen Berom überfallen können. Präsident Goodluck Jonathan reagierte mit der Entlassung seines Sicherheitsberaters.
Von Thomas Scheen, JohannesburgNach den blutigen Zusammenstößen in der zentralnigerianischen Stadt Jos, bei der am vergangenen Sonntag mutmaßlich mehr als 500 Menschen ermordet wurden, hat der amtierende nigerianische Präsident Goodluck Jonathan seinen Sicherheitsberater Sarki Mukhtar entlassen. Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton rief nach dem Massaker zur Ruhe auf und forderte die nigerianische Regierung auf, die Schuldigen umgehend zu bestrafen.
Nach Angaben der Polizei wurden rund 90 Personen festgenommen. Angesichts des Ausmaßes dieses neuen Massakers appellierte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch an die nigerianische Führung, den „Kreislauf der Straflosigkeit“ endlich zu durchbrechen und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Keines der vielen Massaker in Nigeria in den vergangenen zehn Jahren wurde jemals juristisch aufgearbeitet.
Sicherheitskräfte sind überrascht worden
Mit der Entlassung seines Sicherheitsberaters reagierte Jonathan, der die Amtsgeschäfte für den erkrankten Präsidenten Umaru Yaradua führt, auf die Kritik an den Sicherheitskräften, die von dem Überfall auf drei von Christen bewohnte Ortschaften außerhalb von Jos völlig unvorbereitet überrascht worden waren. Unter anderem muss sich seither die Armee fragen lassen, wie es möglich ist, dass mehrere hundert Bewaffnete trotz einer gültigen nächtlichen Ausgangssperre bis in die Ortschaften Zot, Dogo-Nahawa und Ratsat vordringen konnten. Die Ausgangssperre war nach Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen in Jos im Januar verhängt worden, bei denen rund 200 Muslime ums Leben gekommen waren. Trotzdem hatten am frühen Sonntagmorgen mehrere hundert Angehörige der muslimischen Ethnie Fulani ungehindert die Dörfer der christlichen Berom überfallen können.
Nach Aussagen von Überlebenden soll das Massaker drei Stunden gedauert haben. Polizei und Armee seien erst gegen Mittag in den Ortschaften eingetroffen. Seither werden zwar die Zufahrts- und Hauptstraßen kontrolliert. In den abseits davon gelegenen Ortsteilen aber habe noch kein Bewohner einen Soldaten gesehen.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
Jüngste Beiträge