13.07.2007 · Der Libanon-Krieg, der vor einem Jahr ausbrach, wurde zur politischen Hypothek von Ministerpräsident Olmert. Offen traten Missstände bei der Armee zutage. Israel hat daraus Konsequenzen gezogen, berichtet Michael Borgstede.
Von Michael Borgstede, Tel AvivDer offizielle Staatsakt zur Erinnerung an den Libanon-Krieg fand schon vor einer guten Woche statt. Der Staat besteht in Israel aus Respekt vor der jüdischen Tradition darauf, Feier- und Gedenktage der jüdischer Zeitrechnung folgend zu begehen.
Am Jahrestag nach dem gregorianischen Kalender am Donnerstag wären dann auch noch fast die Außenminister Ägyptens und Jordaniens im Auftrag der Arabischen Liga in Israel angekommen, um die arabische Friedensinitiative vorzustellen. Doch der Besuch wurde auf den 25. Juli verschoben. Offiziell hieß es, Ministerpräsident Olmert habe keinen Termin frei. Es ist aber kein Geheimnis, dass die Regierung wohl ausgerechnet am 12. Juli keine arabischen Minister empfangen wollte.
Bombardierung gegen Raketen
Am 12. Juli vor einem Jahr drangen Hizbullah-Kämpfer auf israelisches Gebiet vor, töteten drei israelische Soldaten und entführten zwei weitere. Um von dem Angriff abzulenken, hatte die Miliz zuvor Katjuscha-Raketen auf israelische Grenzdörfer abgefeuert. Bei dem Versuch, mit einem Kommandounternehmen auf libanesischem Gebiet die entführten Soldaten zu befreien, kamen fünf weitere Soldaten ums Leben.
Daraufhin begann die Armee die Bombardierung und den Artilleriebeschuss von Stellungen der Hizbullah, die wiederum Katjuscha-Raketen nach Israel feuerte. Am 14. August trat ein von den Vereinten Nationen vorbereiteter Waffenstillstand in Kraft. Etwa 1200 Libanesen waren bei den Kämpfen ums Leben gekommen, Israel hatte 160 Tote zu beklagen.
„Schreckliche Konsequenzen für die Zukunft“
Herrschte zu Beginn der Kämpfe noch eine überwältigende Zustimmung für den Waffengang, wuchsen in Israel bald Zweifel, ob der Krieg wirklich so erfolgreich verlief, wie man das erwartet und erhofft hatte. Soldaten berichteten von der Front von ihrer veralteten Ausrüstung, von chaotischen Truppenbewegungen und sogar der unzureichenden Versorgung mit Lebensmitteln. Reservisten, die seit mehreren Jahren an keiner Übung mehr teilgenommen hatten, sollten plötzlich in den Kampf ziehen.
Zu spät dämmerte es den politischen Führern, dass Armeechef Dan Halutz als ehemaliger Chef der Luftwaffe wohl einen übertriebenen Glauben in die Schlagkraft von Luftangriffen hatte. Als Olmert in den letzten Tagen des Krieges noch eine verlustreiche Bodenoffensive anordnete, obwohl ein baldiger Waffenstillstand absehbar war, schwang die Stimmung endgültig um. Israel habe den Krieg verloren, sagte der ehemalige Verteidigungsminister Mosche Arens und warnte vor „schrecklichen Konsequenzen für die Zukunft“.
„Die Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, war richtig“
Unter starkem Druck blieb Olmert nichts anderes übrig, als eine Untersuchungskommission einzusetzen, die schon in ihrem Zwischenbericht zu vernichtenden Urteilen kam: Entscheidungen seien „hastig“ gefällt worden, es habe „keinen detaillierten militärischen Plan“ und keine klar definierten und erreichbaren militärischen Ziele gegeben. Olmert und der damalige Verteidigungsminister Peretz hätten ihre Entscheidungen „ohne eine systematische Konsultation mit anderen, auch außerhalb der Armee, getroffen“. Und das, obwohl beide doch in militärischen Angelegenheiten unerfahren gewesen seien.
Peretz und Halutz sind mittlerweile nicht mehr im Amt. Für Olmert wurde der Krieg auch nicht verloren: „Die Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, war richtig“, sagte er bei seinem Besuch im Norden des Landes am Donnerstag. Ganz allein steht er mit dieser Meinung nicht.
„Heiliger Sieg“
Immer wieder weisen Armeeführer und Politiker in Israel darauf hin, dass der Krieg zwar auf Probleme aufmerksam gemacht habe, aber nicht grundsätzlich als Fehlschlag abgetan werden könne. Immerhin habe Hizbullah-Chef Nasrallah zugegeben, er hätte den auslösenden Angriff nicht gutgeheißen, wenn er gewusst hätte, wie massiv die israelische Reaktion ausfallen würde.
Trotz aller Schwierigkeiten mit der im Südlibanon stationierten Unifil-Truppe kann sich die israelische Regierung doch zugutehalten, das Augenmerk der internationalen Gemeinschaft auf das Gebiet gelenkt zu haben. Auch wenn Syrien die Hizbullah längst wiederbewaffnet habe, sei die Zeit seit dem Waffenstillstand die längste Ruheperiode an Israels nördlicher Grenze seit 1968, sagt etwa der Militärhistoriker Martin van Creveld. Ein militärischer Sieg sei in asymmetrischen Konflikten eben immer auch Ansichtssache.
Den Siegesmeldungen der Hizbullah, die nicht den in Rechtsstaaten üblichen Institutionen gegenüber Rechenschaft ablegen musste, habe Israel nicht viel entgegenzusetzen gehabt. Nicht nur die Art der Kriegsführung sei asymmetrisch, auch die jeweiligen Kriegsziele seien nicht zu vergleichen. Während Israel sich die Zerstörung einer Guerrilla-Organisation vorgenommen hatte, konnte Nasrallah schon sein persönliches Überleben als „Heiligen Sieg“ verbuchen.
„Routinearbeiten“ der Armee
Die Armee mittlerweile scheint aus ihren Fehlern gelernt zu haben und will für künftige Konflikte besser gerüstet sein. „Die Armee von heute ist eine andere Armee als jene von vor einem Jahr“, versichert der stellvertretende Generalstabschef Moshe Kaplinsky. In wenigen Monaten würden die bisher vernachlässigten Reservisten teilweise über besseres Gerät verfügen als das stehende Heer.
Manöver wurden im Norden des Landes und im Negev abgehalten. Obwohl zurückkehrende Reservesoldaten sich noch immer über veraltetes und störanfälliges Gerät und schlecht bemannte Posten beklagen, berichten sie auch, sie hätten zum ersten Mal seit Jahren wieder richtig trainiert.
Dass einige Übungen ausgerechnet auf den besetzten Golanhöhen stattfanden und eine syrische Offensive simulierten, hat in Damaskus Ängste hervorgerufen, Israel bereite sich auf einen Krieg vor. Die Zeitung „Al Tawra“ glaubt gar, Israel könne jeden Moment angreifen. Mit Sorge beobachtet Damaskus, wie Stützpunkte und Bunker auf den Golanhöhen ausgebaut werden. Es handele sich um „Routinearbeiten“, sagt die Armee, doch auf syrischer Seite glaubt man das nicht. Im Gegenzug sehen die Israelis in jeder syrischen Truppenbewegung unterhalb der Golanhöhen ein Zeichen für einen bevorstehenden Krieg im Sommer.
„Zehnmal schlimmer als der Krieg gegen die Hizbullah“
Armeechef Gabi Ashkenasi warnte vor einer „Eskalation im Norden und im Süden“, die Zeitung „Maariv“ widmete vor einigen Tagen gleich drei Seiten der angeblichen Bedrohung aus Syrien. Die Vermutung liegt nahe, dass auch wirtschaftliche Interessen dahinterstehen, wenn ein namentlich nicht genannter General davor warnt, ein Krieg mit Syrien könne „zehnmal schlimmer sein als der Krieg gegen die Hizbullah“.
Denn in Wahrheit hat die Armeeführung nur einen Teil der Kritik akzeptiert. In dem Trubel über den Bericht der Winograd-Untersuchungskommission und die möglichen Konsequenzen für die politische Führung des Landes ist der Bericht der Brodet-Kommission fast unbeachtet geblieben. Er befasst sich mit dem Zustand der Armee und der sinnvollen Verwendung des Verteidigungsetats und kritisiert die Armee harsch.
„Ausufernde Forderungen“ der Armee
Aus Gründen der Sparsamkeit habe die Armee in den vergangenen Jahren weder ihre Reservesoldaten angemessen trainiert noch veraltetes Gerät erneuert. Dennoch warnt die Kommission aber davor, den „ausufernden Forderungen“ der Armee nach einem deutlich höheren Verteidigungsetat nachzugeben. Nicht nur habe die Armee Daten manipuliert, um mehr Geld zu bekommen, sie gehe mit ihren Finanzen „ineffizient“ um. Durch eine bessere Verwaltung könne sie etwa 30 Milliarden Schekel einsparen.
Das hören die Generäle natürlich nicht gerne – besonders jetzt, wenn die Regierung über Haushaltskürzungen abstimmt und auch der unter dem Eindruck des Krieges großzügig erhöhte Verteidigungsetat um 480 Millionen Schekel schrumpfen soll. Dabei wollen bei nüchterner Betrachtung weder Israel noch Syrien einen Krieg. Mit dem stellvertretenden Stabschef Moshe Kaplinsky fand am Mittwoch erstmals ein hoher Militär deutliche Worte: „Nach unserer Einschätzung – und das ist auch meine persönlich Einschätzung – müssen wir in diesem Sommer keinen Krieg mit Syrien erwarten.“
wen interessiert das in Deutschland ?
gerd posywio (hammer22)
- 13.07.2007, 00:34 Uhr
Geldverschwendung
dieter diehm (johndow)
- 13.07.2007, 10:03 Uhr
Wahrheit über Kriegsgründe?
Günter Busse (guenter.b)
- 13.07.2007, 19:23 Uhr
Israel hat das Krieg nicht verloren!
Tiqvah Bat Shalom (Tiqvah-Bat-Shalom)
- 15.07.2007, 08:45 Uhr