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Veröffentlicht: 06.04.2017, 17:40 Uhr

Nach Anschlag in St.Petersburg Proteste, Fahndungserfolge und ein brisanter Fund

Nach dem Anschlag in St.Petersburg gibt es weitere Festnahmen. In einer Wohnung machen Spezialkräfte einen gefährlichen Fund. Die Russen gehen gegen den Terror auf die Straße.

von , Moskau
© Reuters In Moskau gedenken viele Menschen den Opfern des Anschlags in der St. Petersburger U-Bahn.

Alarm in St. Petersburg, Rostow am Don, Astrachan: Drei Tage nach dem Anschlag in Russlands „nördlicher Hauptstadt“ steht der Terror in Russland im Vordergrund. Weiter gilt der 22 Jahre alte, aus Kirgistan stammende russische Staatsbürger Akbarschon Dschalilow als der Mann, der am Montag in einem U-Bahn-Zug sich und 13 weitere Menschen mit einer Bombe in den Tod gerissen und mehr als 50 weitere verletzt hat. Unter den Toten sind viele Studenten Anfang, Mitte 20.

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Russische Medien berichten unter Berufung auf Geheimdienstquellen über mögliche Verbindungen des jungen Mannes zur Terrormiliz „Islamistischer Staat“ (IS), über eine Reise in dessen Herrschaftsgebiet in Syrien und einen gescheiterten Versuch, in diesem Frühjahr aus Kirgistan neuerlich dorthin zu reisen. Womöglich, heißt es, habe sich Dschalilow nicht selbst töten wollen, habe er die zweite Bombe, die dann detonierte, wie die erste, die an der Station „Ploschtschad Wosstanija“ (Platz des Aufstands) entschärft werden konnte, nur ablegen wollen, sei aber von Hintermännern als „lebende Bombe“ benutzt worden, per Mobilfunkzünder. Ein Onkel Dschalilows sagte, sein Neffe sei in die Moschee gegangen, aber nicht durch extremistische Ansichten aufgefallen. Viele Fragen bleiben.

Die Behörden melden derweil Fahndungserfolge. Am Mittwoch wurden laut Ermittlungskomitee in Sankt Petersburg acht Personen festgenommen, die, wie Dschalilow, aus Zentralasien stammten und in Russland für den IS und die (frühere) Nusra-Front geworben hätten. Am Donnerstagmorgen wurde eine Wohnung im Ost der Stadt gestürmt; drei Bewohner, die laut Anwohnern ebenfalls aus Zentralasien stammten, wurden in Handschellen abgeführt. Eine Bombe sei gefunden und entschärft worden. Später hieß es, die Männer seien Komplizen Dschalilows, die „Sprengstoffelemente“ entsprächen solchen, die am Montag verwendet worden seien. Nachdem am Donnerstagmittag in einem anderen Petersburger Wohnhaus Knallgeräusche ertönt waren, wird ein Anschlag inzwischen ausgeschlossen.

© reuters Neue Explosion in St. Petersburg

Anders in Rostow am Don im Südwesten. Ausweislich eines Überwachungsvideos legte dort am Donnerstagmorgen jemand ein Paket vor einer Schule ab. Ein Hausmeister hob es kurz darauf auf, nahm angeblich eine Taschenlampe heraus, in der ein selbstgebauter Sprengsatz explodierte und den Mann an Händen und am Bauch schwer verletzte. In Astrachan an der Wolga wurden in der Nacht auf Donnerstag nach Behördenangaben vier „radikale Islamisten“ erschossen, die 48 Stunden zuvor zwei Polizisten erschossen haben sollen. Dieses Angriffs bezichtigte sich am Donnerstagnachmittag der IS.

Im ganzen Land gibt es Versammlungen gegen Terror

Wie nach dem Geiseldrama in einer Schule in Beslan im September 2004, bei dem mehr als 300 Menschen, vor allem Kinder, getötet wurden, werden nun im ganzen Land Versammlungen gegen Terror organisiert. Auf dem Manegenplatz am Kreml gab es am Donnerstagnachmittag eine Massenkundgebung mit Vertretern der Macht, in anderen Städten kleinere Versammlungen. Russische Medien berichteten, es gehe dem Kreml um eine Demonstration der Einheit und zugleich um Ablenkung von den Protesten gegen Korruption, die Ende März Zehntausende im ganzen Land auf die Straßen gebracht hatten. Die Trauer um die Opfer geht in die Instrumentalisierung des Anschlags über.

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Dessen erster Verdächtiger hat aufgeregte Tage hinter sich. Andrej Nikitin, der sich seit einer Konversion zum Islam Iljas nennt, hat für Russland sein Leben riskiert: Er kämpfte in Tschetschenien. Mittlerweile arbeitet der Hauptmann der Reserve als Lastwagenfahrer. Eine Reihe Medien veröffentlichte nach der Petersburger Explosion Überwachungsbilder, die Nikitin mit seinem dunklen Bart, mit dunkler Kappe und in dunklem Gewand zeigen, und beschrieben ihn als Terrorverdächtigen. Als Nikitin mitbekam, dass nahm ihm gefahndet wurde, ging er zur Polizei und erklärte seine Unschuld. Die glaubte ihm und er konnte einen Flug nach Moskau antreten. Aber die Passagiere eines Flugzeugs, das Nikitin am Dienstag von dort weiter nach Orenburg bringen sollte, sahen ihn als Terroristen, beschwerten sich. Kein Zureden half, das Flugzeug hob ohne ihn ab. Erst am Mittwoch gelang die Reise. Aus seiner Heimat, der Teilrepublik Baschkortostan am Fuße des Uralgebirges, erzählte Nikitin, wie Ermittler nach dem falschen Verdacht „meinem Arbeitgeber nachdrücklich empfohlen, mich zu entlassen“. Das habe der abgelehnt, sagte Nikitin, weil er als „gewissenhafter Arbeiter“ gelte. Er bitte nun darum, einfach in Ruhe gelassen zu werden.

© dpa, reuters Trauer und Angst in St. Petersburg nach U-Bahn-Anschlag

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