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Nach dem Anschlag Droht dem Irak ein Bürgerkrieg?

23.02.2006 ·  Die zerstörte vergoldete Kuppel der Askarija-Moschee droht zu einem Symbol der irakischen Zwietracht zu werden. Die Täter, so vermutet die Regierung, kommen aus den Reihen sunnitischer Terroristen, die sich mit den neuen Machtverhältnissen im Irak nicht abfinden wollen.

Von Hans-Christian Rößler
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Er hat lange geschwiegen. Am Mittwoch jedoch meldete sich der schiitische Großajatollah Ali al Sistani zu Wort: Hatte er bis zuletzt die Schiiten dazu angehalten, trotz der sunnitischen Gewalt Ruhe zu bewahren, rief auch er zu - friedlichen - Protesten auf. Bei dem Anschlag auf die „Goldene Moschee“ in Samarra kam zwar nur ein Mensch ums Leben, aber für viele Schiiten ist er schlimmer als die meisten verlustreicheren Angriffe zuvor.

Denn die Askarija-Moschee in der Stadt nördlich von Bagdad ist neben Nadschaf, Kerbela und der Bagdader Kadhimija-Moschee eine der vier wichtigsten Wallfahrtsstätten im Irak, in die Schiiten aus aller Welt pilgern. In Samarra liegen der 10. und der 11. Imam, Ali al Hadi und Hasan al Askari, begraben. Nach der schiitischen Vorstellung wurde der zwölfte Imam im Jahr 878 als Vierjähriger von dem Gebäudekomplex aus entrückt. Die Schiiten erwarten seitdem die Rückkehr des „Mahdi“, der dann eine gerechte Welt schaffen soll.

Symbol der Zwietracht?

Die zerstörte vergoldete Kuppel droht jetzt zu einem Symbol dafür zu werden, daß im Irak kein friedliches Zusammenleben zwischen der schiitischen Mehrheit und der sunnitischen Minderheit möglich ist. Die Täter, das vermutet die Regierung, kommen aus den Reihen sunnitischer Terroristen, die sich mit den neuen Machtverhältnissen im Irak nicht abfinden wollen. Denn auch die neue Regierung, die in diesen Tagen gebildet wird, führt der Schiit Ibrahim al Dschaafari an, und im Parlament stellen die Schiiten weiterhin die größte Fraktion.

Schon vor zwei Jahren hatte der jordanische Terroristenführer Abu Mussab al Zarqawi in einem Strategiepapier, das den Amerikanern in die Hände fiel, zu Angriffen auf Schiiten aufgerufen. Sie sollten die Schiiten zu Racheakten bewegen, um einen Bürgerkrieg herbeizuführen, der den Irak unregierbar machen würde. In späteren Botschaften bekräftigte Zarqawi diesen Plan, beschimpfte die irakischen Schiiten als „Augen und Ohren der Amerikaner“ und erklärte ihnen im vergangenen September den „totalen Krieg“. An Taten ließen es seine Anhänger nicht mangeln: Im Januar kamen in Kerbela wenige Meter von der Imam-Hussein-Moschee mehr als 50 Schiiten ums Leben, viele von ihnen waren Pilger. Während des Aschura-Festes 2004 kamen bei Anschlägen in Kerbela und Bagdad 270 Schiiten um, und in Nadschaf wurde 2003 Ajatollah Mohammed Baqr al Hakim getötet worden, der damalige Chef des „Obersten Rates für die Islamische Revolution im Irak“ (Sciri).

Widerstand innerhalb von Al Qaida

Zarqawis Kampf gegen die Schiiten stößt jedoch in letzter Zeit auf Widerstand innerhalb von Al Qaida, deren irakischen Ableger er anführt. Im vergangenen Herbst hatte Usama Bin Ladins Stellvertreter Aiman al Zawahiri den Jordanier kritisiert: Ohne die Unterstützung der muslimischen Massen im Irak könne kein islamischer Staat errichtet werden. Zarqawi solle deshalb auf Angriffe auf Schiiten verzichten. Auch andere extremistische Geistliche schlossen sich dem Appell an. Daß sich Zarqawi davon offenbar nicht beeindrucken ließ, warf Fragen auf, wie es überhaupt noch um die Autorität der Al-Qaida-Führung bestellt ist.

Kampflos überließen einige irakische Schiiten den radikalen Sunniten aber nicht das Feld. Vor wenigen Tagen mußte das von einem schiitischen Politiker geführte Innenministerium eingestehen, daß es Todesschwadrone gibt. Sunnitische Politiker werfen früheren Mitgliedern der schiitische Badr-Brigaden vor, sie seien für das Innenministerium im Einsatz und steckten hinter zahlreichen Entführungen und Morden. Mehr als 1500 Sunniten - meist Mitglieder der früheren Führung unter Saddam Hussein - seien schon getötet worden. Das Mißtrauen der Sunniten, die in Bagdad über eine Regierungsbeteiligung verhandeln, ist deshalb groß, und die Gespräche sind entsprechend schwierig.

Mit der Geduld am Ende

Staatspräsident Talabani sagte, der Anschlag in Samarra ziele darauf ab, diese große Koalition aus Schiiten und Sunniten zu verhindern. Damit das nicht geschehe, müßten die Iraker Ruhe bewahren. Doch die Geduld des Sciri-Chefs Abdulaziz al Hakim, dessen Partei der Regierung angehört, und des radikalen Schiitenpredigers Muqtada Sadr scheint schon zu Ende zu sein. „Wenn die irakische Regierung das irakische Volk nicht verteidigt, sind wir bereit, das zu tun“, sagte ein Sprecher Sadrs. Hakim warnte davor, daß die Iraker angesichts dieses „großen Verbrechens“ nicht stillhalten würden.

Quelle: F.A.Z., 23.02.2006, Nr. 46 / Seite 3
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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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