08.01.2009 · Nach dem Angriff auf einen UN-Konvoi mit zwei Toten haben die Vereinten Nationen alle Hilfstransporte in den Gazastreifen ausgesetzt. Auch Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Vor allem kleine Kinder würden traumatische Schäden erleiden, berichten humanitäre Helfer aus dem Gazastreifen gegenüber FAZ.NET.
Von Markus BickelIsraelische Soldaten haben am Donnerstag während der Feuerpause am Nachmittag im nördlichen Gazastreifen einen Konvoi des UN-Hilfswerks UNRWA beschossen und dabei einen Fahrer getötet. Ein weiterer Helfer erlag später seinen Verletzungen. Das Hilfswerk setzte daraufhin mit sofortiger Wirkung sämtliche Aktivitäten im Gazastreifen aus,
bestätigte der UNRWA-Sprecher Adnan Abu Hasna in Gaza.
Der Angriff erfolgte in der Nähe des nach Israel führenden Grenzübergangs Erez. Die Lastwagen seien mit UN-Flaggen gekennzeichnet, die Fahrer mit UN-Westen ausgestattet gewesen, fügte er hinzu. Der Konvoi sei mit dem israelischen Militär abgestimmt gewesen.
Mindestens sechs Gesundheitsarbeiter getötet
Bei den Chauffeuren habe es sich nicht um unmittelbare UNRWA-Mitarbeiter gehandelt, sondern um Vertragspartner, die vom Hilfswerk engagiert wurden.
Bereits am Dienstag war eine von der UN betriebene Schule in Dschabalija bei einem israelischen Raketenangriff getroffen worden. Mehr als dreißig Menschen wurden dabei getötet.
Ein Vertreter der in Jerusalem ansässigen deutschen Hilfsorganisation Medico International kritisierte, dass die Israelis „verhindern, dass Hilfe dort ankommt, wo sie ankommen müsste“. Gegenüber FAZ.NET sagte Tsafrir Cohen außerdem: „Der ständige israelische Beschuss hat dazu geführt, dass in den vergangenen Tagen mindestens sechs Gesundheitsarbeiter ums Leben gekommen sind.“
Unter den Toten sei auch ein Sanitäter der Medico-Partnerorganisation „Health Work Committees“. Seine Ambulanz sei von einem Hubschrauber beschossen worden“
Scharfe Kritik des Roten Kreuzes
Das Rote Kreuz (IKRK) kritisierte Israel in ungewöhnlich scharfer Form für die Behinderung von Rettungskräften. Nach einem Angriff auf Gazas Stadtteil Zeitun habe die Armee tagelang palästinensischen Sanitätern und IKRK-Vertretern den Zugang zu den Verletzten verwehrt. In einem Haus seien dort schließlich vier hungernde Kinder bei ihrer toten Mutter und mindestens elf weitere Leichen gefunden worden.
Die IKRK sprach von einem Verstoß gegen die völkerrechtlichen Pflicht, Verwundeten zu helfen. Die Armee erklärte dazu, sie arbeite bei der Hilfe für Zivilisten mit internationalen Hilfsorganisationen zusammen und greife Zivilpersonen nicht absichtlich an.
Auch die Christoffel-Blindenmission (CBM) beklagte sich am Donnerstag über unverhältnismäßiges israelisches Vorgehen: Das vom CBM betriebene und vom Hessischen Wirtschaftsministerium und der Europäischen Union geförderte Atfaluna-Zentrum für gehörlose Menschen in Gaza-Stadt sei von den Bombardements in Mitleidenschaft gezogen worden, teilte die Organisation am Donnerstag mit.
Traumatische Schäden für Kinder
Die Druckwelle nach einen Bombenangriff auf ein unmittelbar neben dem Komplex liegendes ehemaliges Waisenhaus zerstörte nahezu alle Fenster und den kompletten Vorbau. Menschliche Opfer gab es nicht.
Die Situation vor Ort sei weiterhin dramatisch, sagte der Leiter des
Gehörlosenprojekts, Nabil Elsharif. „Wir erwarten durch die permanenten Bombenangriffe, dass vor allem kleine Kinder traumatische Schäden erleiden, die zu Hörschädigungen führen können“, erklärt Elsharif.
Auch ein Vertreter der britischen Hilfsorganisation „Save the Children“ bezeichnete gegenüber FAZ.NET die Lage für Kinder und Jugendliche als dramatisch. „Hunderttausende leiden unter Traumatisierung und Schocks“, sagte in einem Telefongespräch aus Gaza-Stadt Osama Damo. Zudem seien weder dringend benötigte Milchprodukte noch Windeln ausreichend vorhanden. Das wichtigste Kinderkrankenhaus sei bei einem Raketenbeschuss beschädigt worden.