26.08.2010 · Vor 100 Jahren wurde Mutter Teresa geboren. Immer noch irritiert ihr Lebenswerk, denn es hat auch problematische Aspekte. Ihre Anhänger sehen sie als „Engel der Slums“ - für ihre Kritiker wurde sie nur zur Ikone, weil sie sentimentale Klischees bediente.
Von Martin Kämpchen, KalkuttaZu Mutter Teresas 100. Geburtstag an diesem Donnerstag veranstaltet die katholische Diözese von Kalkutta ein Filmfestival, das Dokumentar- und Spielfilme ausschließlich über die berühmte Nonne zeigt. 14 Filme stehen auf dem Programm – 14 moderne Heiligenlegenden. Aber diese Heilige ist nicht unangefochten – in mancherlei Hinsicht. Mutter Teresa und die Arbeit ihres Schwesternordens, der Missionaries of Charity (Missionarinnen der Barmherzigkeit), sind auch 13 Jahre nach ihrem Tod umstritten.
Die indischen Zeitungen sind dieser Tage voll mit Artikeln über Mutter Teresa. Darunter sind solche, die sich dem britischen Journalisten Christopher Hitchens anschließen, der mit seinem Buch „The Missionary Position“ (Die missionarische Position, 1995) und dem gleichnamigen Film eine wahre Hasskampagne gegen Mutter Teresa und ihren Orden auslöste. Man wirft ihr Veruntreuung von Spendengeldern vor, mangelhafte Betreuung der Kranken in ihren Ordensniederlassungen, das Paktieren mit den Reichen und Mächtigen der Welt, eine doppelte Moral, wenn es um ihre ärztliche Behandlung geht, und manches mehr.
Sie engagierte sich ohne Wirkung und Folgen abzumessen
Ein Teil der Presse in Kalkutta behauptet, Mutter Teresa sei schuld daran, dass die Stadt in der Welt einen schlechten Namen habe. Die Gegenseite stilisiert die Nonne zum „Engel der Slums“. Diese Verehrung mag viele Menschen zu Nächstenliebe und Großzügigkeit gegenüber den Armen herausfordern, und sie mehrt wohl auch das Spendenaufkommen, doch sie verdeckt die Grenzen und die problematischen Aspekte des Lebenswerks von Mutter Teresa.
Entgegen einer weitverbreiteten Darstellung war Mutter Teresa nicht geschickt darin, ihr guten Taten darzustellen. Sie wird von vielen als Medienstar angesehen, doch in Wirklichkeit blieb sie im Umgang mit der großen Öffentlichkeit naiv – und unwillig, deren Tücken zu verstehen. So wurden daraus, dass Mutter Teresa die Bezeichnung „Sozialarbeiter“ für sich abgelehnt hat, Zweifel an ihren Motiven abgeleitet: Wollte sie nur „Seelen retten“, gar sich selbst retten? War ihr das Leid der Armen im Grunde gleichgültig? Die Ablehnung des Begriffs hatte indes andere Gründe: Er schien ihr inadäquat für die Zuwendung zu den Armen in ihrem gesamten Menschsein, als Geschöpfen Gottes.
Doch der Schutz, den eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit bieten kann, entsprach nicht ihrem Ideal des bedürfnislosen Lebens. Sie engagierte sich spontan, ohne die Wirkung und die Folgen abzumessen. Ihre Haltung war antimodern, weil sie das moderne Leben mit Reichtum und Materialismus gleichsetzte und nicht verstand, dass zum Beispiel Computer, Fernsehen und Mobiltelefone den Menschen auch Erleichterung von monotoner und unwürdiger Arbeit verschaffen oder dabei helfen können, Armut zu bekämpfen. Bis heute wird ihr Orden weitgehend ohne technische Hilfsmittel geleitet – in meist vorbildlicher Einfachheit, doch nicht unbedingt mit Effizienz.
„Der liebe Gott wird uns schon helfen“
Die Kritiker haben zu Recht festgestellt, Mutter Teresa sei zu einer Ikone geworden, weil sie als weiße Frau, die unter armen indischen Slumbewohnern wirkte, sentimentale Klischees bediente. Auch stimmt es, dass zahlreiche Missionare und Aktivisten mit demselben Engagement wie sie die Armut bekämpfen. Doch war das Aussehen dieser Frau so einprägsam, dass sie zur Ikone prädestiniert war. Dazu hat sie nicht bewusst beigetragen, weil sie eben in allem unreflektiert direkt handelte, doch gerade diese Ursprünglichkeit hatte einen überzeugenden Charme. Und sie hatte das enorme Organisationstalent und die große Energie, die nötig waren, um mit geradezu primitiven Mitteln einen weltweit verbreiteten Orden aufzubauen und zu verwalten.
Der indische Autor Aroup Chatterjee zweifelt sogar, dass Mutter Teresas Orden in Kalkutta überhaupt wohltätig gewirkt habe. Doch wer behauptet, der Orden habe in der Stadt nichts Entscheidendes für die Armen geleistet, hat sich noch nie zu Fuß durch ihre Straßen und Gassen bewegt; denn dort tauchen allenthalben die weißen, blaugebordeten Saris der Schwestern auf. Die Missionarinnen der Barmherzigkeit sind zusammen mit dem kleineren männlichen Zweig des Ordens und der angeschlossenen Priesterkongregation vermutlich doppelt so zahlreich wie der bedeutendste moderne Hindu-Mönchsorden, die Ramakrishna-Mission. Auch sie hat in Kalkutta ihr Stammhaus und steht oft mit den Schwestern im heiligen Wettstreit, wenn es gilt, die Not bei Fluten und Erdbeben und anderen Katastrophen zu lindern.
Wie viele Mitglieder der Orden Mutter Teresas hat, ist indes nicht genau zu erfahren. Er entgegnet die Anfeindungen selten, denen er noch immer ausgesetzt ist, und veröffentlicht keine Statistiken. „Der liebe Gott wird uns schon helfen“, lassen die Schwestern lapidar verlauten, was man als Gottvertrauen, aber ebenso als Hochmut auslegen kann.
Kein Ansatz zur „Entwicklung“ der Gesellschaft
Die Welt reibt sich an dem Phänomen Mutter Teresa, weil ihre Haltung zwiespältig ist: Einerseits erweckte sie den Anschein, eine christliche Fundamentalistin zu sein – etwa wenn sie sich gegen jede Art von Familienplanung stellte, sich unfähig zu einer kritischen Haltung gegenüber der eigenen Kirche zeigte oder eine Leidenstheologie entwarf, von der sich die meisten Christen gerade verabschieden wollten. Dann wieder handelte sie als visionäre Progressive, die zu einer Zeit begann, Aids-Kranke zu betreuen, als ihre Krankheit noch ein Stigma war. Mutter Teresa nahm sie auf, ebenso Prostituierte, von den Familien verstoßene Mädchen, Waisenkinder und ausgesetzte Babys, geistig und körperlich Behinderte. Sie gab ihnen ein Dach über dem Kopf und nahrhaftes Essen.
Mutter Teresa hat Ende der vierziger Jahre eine Not erkannt, die damals weder der neue indische Staat noch private Organisationen oder die bestehenden christlichen Orden ernsthaft beheben wollten: Was geschieht mit den Armen und Kranken auf den Straßen, den ausgesetzten Kindern, den Ausgestoßenen? Ihr ging es darum, diesen Menschen die nächste Mahlzeit zu verschaffen. Ihre Gegner wendeten ein, dass dies kein Ansatz zur „Entwicklung“ der Gesellschaft sei, sondern im Gegenteil die Armen abhängig mache und so die Armut zementiere.
Revolutionäre Nächstenliebe
Ein weiterer Kritikpunkt ist die – oft mit einer Unterstellung verbundene – Frage, ob die kranken und benachteiligten Menschen von den Schwestern der Barmherzigkeit immer eine professionelle medizinische Versorgung bekommen. Es gibt in der Tat viele Hinweise darauf, dass die Schwestern, die durchweg aus einfachen Verhältnissen stammen und keine hohe Schulbildung besitzen, mit den Ansprüchen einer professionellen Versorgung überfordert sind. Ihnen reicht es, dass sie die Grundbedürfnisse dieser Menschen befriedigen und ihnen menschliche Zuwendung schenken. Auf dem Gebiet der Lepra-Behandlung führen die Schwestern und Brüder Heime, denen es an Professionalität nicht mangelt.
Die praktische Nächstenliebe der Schwestern ist in Indien revolutionär, weil sie sämtliche Grenzen, auf die der Hinduismus die Gesellschaft verpflichtet, überschreitet: Sie beachtet weder feudale Strukturen noch Kastendenken noch religiös-rituelle Vorschriften. Das ist ein wesentlicher Grund sowohl für die Irritation, die in Indien von Mutter Teresa noch immer ausgeht, wie für ihre Bedeutung für das Land. Zahlreiche Inder, auch jene, die nicht spirituellen Lebensmustern folgen, haben dies erkannt und verehren Mutter Teresa gerade deswegen.
Es gibt Dutzende Biographien von Mutter Teresa – verherrlichende wie verdammende. Doch fehlt bisher ein Buch, das auf wissenschaftlicher Basis das Psychogramm dieser Frau zeichnet und ihre verschiedenen Seiten, die progressiv-visionäre und die konservative, zu einem komplexen Bild zusammenfügt. Mit Mutter Teresas Briefen an ihre geistlichen Ratgeber und Beichtväter, die der Orden zehn Jahre nach ihrem Tod gegen ihren Willen veröffentlicht hat („Komm, sei mein Licht“, 2007), wurde die Öffentlichkeit mit einer weiteren Seite Mutter Teresas konfrontiert. Die Nonne klagte über eine Jahrzehnte währende geistliche Trostlosigkeit und Gottesferne. Mutter Teresa und Gottesferne? fragte sich ein sensationsfreudiges Publikum. Die Briefe dienten ihren Gegnern als Anlass für weitere Angriffe – und ihren Verehrern nach dem ersten Schrecken als weiterer Beleg dafür, dass sie eine wahre Heilige ist.
Selig, aber noch nicht heilig
Mutter Teresa ist schon zu Lebzeiten von Millionen Menschen wie eine Heilige verehrt worden. Zu ihren Bewunderern zählte auch Papst Johannes Paul II., der sich 1999, nur zwei Jahre nach ihrem Tod, über die Norm hinwegsetzte, dass das Verfahren zu Seligsprechung eines Menschen frühestens fünf Jahre nach dessen Tod beginnen darf. Schon 2003, nach einem außergewöhnlich kurzen Verfahren, sprach er Mutter Teresa selig. Das Verfahren zur Heiligsprechung dagegen scheint derzeit nicht von der Stelle zu kommen. Papst Benedikt XVI. gehört zwar ebenfalls zu den Bewunderern der Ordensfrau, die 1910 in einer albanischen Familie in Skopje geboren wurde, doch hat er nach den zahlreichen Heiligsprechungen unter seinem Vorgänger angeordnet, dass bei Kanonisierungen mehr auf Strenge und Sachlichkeit geachtet werden müsse. Das soll auch für die Prüfung der Wunder gelten, die für eine Heiligsprechung nachgewiesen werden müssen. Der Fall eines indischen Priesters, der 2007 behauptet, nach Gebeten an die Selige Mutter Teresa gesundet zu sein, wird noch geprüft. Die 2007 veröffentlichten Briefe, in denen