12.05.2009 · Der aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland abgeschobene mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk ist im Münchner Untersuchungsgefängnis Stadelheim eingetroffen. Dort soll ihm der Haftbefehl verkündet werden.
Der aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland abgeschobene mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk ist im Münchner Untersuchungsgefängnis Stadelheim eingetroffen. An zahlreichen Journalisten vorbei fuhr der Krankenwagen mit dem 89 Jahre alten Mann am Dienstagvormittag auf das Gelände des Gefängnisses.
Nach Angaben des stellvertretenden Leiters Jochen Menzel soll Demjanjuk in einem Gemeinschaftshaftraum in der Pflegeabteilung zusammen mit einem Rollstuhlfahrer untergebracht werden. Sein Gesundheitszustand sei stabil, sagte Menzel. Derzeit werde Demjanjuk von Ärzten der Justizvollzugsanstalt untersucht. Der frühere KZ-Wächter John Demjanjuk war am Dienstagvormittag in in einem Flugzeug aus dem amerikanischen Cleveland in München gelandet.
Ende juristischen Ringens
Nach monatelangem zähen juristischen Ringen war der frühere KZ-Wächter John Demjanjuk aus den Vereinigten Staaten an Deutschland abgeschoben worden. Ein Flugzeug mit dem 89 Jahre alten Mann an Bord war am Montagabend um 19.13 Uhr Ortszeit in Cleveland im Bundesstaat Ohio gestartet.
Beamte hatten Demjanjuk am Montag zunächst aus seinem Haus in Seven Hills mit einer Trage abgeholt. Im Krankenwagen wurde er zunächst in ein Regierungsgebäude gebracht, um dort die Formalitäten zu erledigen. Montagfrüh hatten zwei Geistliche Demjanjuks Haus in Seven Hills betreten, eine Reihe von Angehörigen traf ebenfalls ein, um sich zu verabschieden.
„Ein Rachefeldzug“
Demjanjuks Familie kündigte vor dem Abflug an, sie wolle sich zunächst nicht weiter äußern. Demjanjuks Sohn John Demjanjuk junior hatte aber am Montag in einer E-Mail sein Frustration wegen der bevorstehenden Auslieferung geäußert. Er bezeichnete sie als „unmenschlich, auch wenn die Gerichte gesagt haben, es sei gesetzesgemäß“.
„Das hier ist keine Gerechtigkeit, das hier ist ein Rachefeldzug im verfälschten Namen der Justiz in der Hoffnung, dass Deutschland irgendwie seine Vergangenheit wiedergutmachen kann“, erklärte Demjanjuk junior.
Demjanjuks Angehörige hatten immer wieder versucht, die Abschiebung gerichtlich zu stoppen. Sie hatten dabei vor allem darauf verwiesen, dass Demjanjuk zu krank und zu schwach für die Abschiebung sei. Ärzte hatten Demjanjuk allerdings attestiert, er sei sehr wohl reisefähig, wenn er medizinisch betreut werde. Zuletzt hatte ein Richter des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten am Donnerstag einen Eilantrag abgelehnt.
Letzter Prozess gegen Nazi-Kriegsverbrecher?
Auch vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg mussten Demjanjuk und seine Angehörigen eine Niederlage hinnehmen. Wie das Gericht am Montag mitteilte, wurde der Antrag Demjanjuks gegen eine Abschiebung auch hier zurückgewiesen. Konkret lehnte das Gericht demnach ab, die Bundesrepublik dazu zu verpflichten, den staatenlosen Demjanjuk nicht in Deutschland aufzunehmen.
Dem gebürtigen Ukrainer Demjanjuk soll in München der Prozess gemacht werden. Ihm wird vorgeworfen, im Jahr 1943 für ein halbes Jahr zu den Wachmannschaften des NS-Vernichtungslagers Sobibor im damals von Deutschland besetzten Polen gehört zu haben. In dieser Zeit wurden dort etwa 29.000 Juden umgebracht, weshalb Demjanjuk Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen vorgeworfen wird.
Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, sagte, der „lange Arm“ der amerikanischen Justiz sei im Fall des „schrecklichen Nazi-Verfolgers“ erfolgreich gewesen. Die jüdische Gemeinde in den Vereinigten Staaten und vor allem die Überlebenden des Holocaust begrüßten es, dass „dieses gemeine Individuum“ nicht mehr in ihrer Mitte sei. Auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum reagierte erfreut. Der Prozess gegen Demjanjuk werde „wahrscheinlich der letzte Prozess gegen einen Nazi-Kriegsverbrecher“ sein, sagte der Gründer des Zentrums, Rabbi Marvin Hier.