01.09.2009 · Vor vierzig Jahren putschte sich Muammar al Gaddafi an die Macht. Panarabismus, Islam und eine ganze eigene Spielart des Sozialismus wurden zu seinen Markenzeichen - ebenso wie Libyens Verflechtung mit dem Terrorismus.
Von Wolfgang Günter LerchAm Morgen des 2. September 1969 sah Libyen, jenes riesige Wüstenland zwischen Tripolitanien, dem Fezzan und der Cyrenaika, von dem man seit den Schlachten um Bengazi und Tobruk nicht mehr allzu viel gehört hatte, ganz anders aus als noch am Vortag.
Eine Gruppe junger Offiziere hatte die Macht ergriffen und gab das über Rundfunk der an Zahl geringen Bevölkerung und dem Rest der Welt bekannt. Westliche Beobachter - allen voran die britischen und die amerikanischen Zeitungen - fühlten sich an die Ereignisse des Jahres 1952 in Ägypten erinnert - nicht zu Unrecht, wie sich bald immer deutlicher zeigen sollte.
Nicht nur unfreundliche Reaktionen
Damals hatten sogenannte Freie Offiziere den auch für sein Wohlleben bekannten, prowestlichen König Faruk gestürzt und ins Exil getrieben - unter der Führung von Mohammed Naguib und Dschamal Abdal Nasir (Nasser). Nun war dasselbe in Libyen geschehen - unter der Führung eines 27 Jahre alten Freien Offiziers und seiner Kameraden, deren Idol ebenjener Nasser war: Muammar al Gaddafi, der Anführer der Putschisten, war ein glühender Anhänger des Ägypters. Ebenso seine Offiziersfreunde.
Die Reaktionen des Westens auf den Staatsstreich vom 1. September in Libyen waren nicht durchgängig unfreundlich. Seitdem 1959 in Libyen ergiebige Erdölvorräte entdeckt worden waren, deren Erschließung sich Briten und Amerikaner widmeten, hatte König Idriss I., den die Briten selbst inthronisiert hatten, wachsende Unabhängigkeitsbestrebungen erkennen lassen, ja, hier und da war die Befürchtung aufgekommen, Libyen werde sein Erdöl gar für die Sowjetunion bereitstellen.
Niemand ahnte damals, dass man mit dem neuen Machthaber Gaddafi und seiner Entourage, die ihren König als reaktionären „Knecht des Westens“ einschätzten und abqualifizierten, über Jahrzehnte hinweg ungleich größere Schwierigkeiten haben würde als mit dem schon greisen Monarchen, der in die Türkei ins Exil ging und dort starb. Nur einen Herrscher hatte die einflussreiche Senussi-Bruderschaft im seit 1951 unabhängigen Libyen hervorgebracht, die während des Zweiten Weltkriegs an der Seite der Briten (zuvor aber auch auf schillernde Weise den Deutschen zugeneigt) gekämpft hatte und dafür belohnt worden war.
Panarabismus, Islam und Sozialismus
Der Offizier Gaddafi, 1942 in das halbnomadische Milieu des Gaddafa-Stammes in dem Ort Yuhannam bei Sirte hineingeboren, hatte schon seit seiner Jugend auf den Augenblick der Machtübernahme hingearbeitet. Bereits auf der Schule in Sebha hatten die Halbwüchsigen sich für Nasser und seine panarabischen Ideen begeistert. Sie kursierten damals zwischen Casablanca und Bagdad und brachten die arabischen Massen auf die Straße. Zu Gaddafis Kameraden gehörte damals auch schon ein gewisser Abdal Salam Dschallud, der zweiter Mann hinter dem Revolutionsführer werden sollte. Den künftigen Verschwörern war klar, dass nur eine Laufbahn in der Armee sie ihrem Ziel, der „Revolution“, näher bringen werde. Die militärische Karriere vervollständigte Gaddafi, wie so viele Potentaten des Orients, in Großbritannien.
Nach seinem Sieg krempelte Gaddafi Libyen gründlich um. Panarabismus, Islam und jene spezielle Spielart des Sozialismus, die sich in Arabien herausgebildet hatte (ohne Materialismus und Klassenkampf), wurden die leitenden Ideen, wobei Gaddafi ganz eigene Wege ging. Zunächst ging es, wie in Ägypten, um die Beseitigung des fremden Einflusses mit einer Politik der Nationalisierung und Arabisierung. Bis 1979 amtierte er offiziell als Staatsoberhaupt, um sich dann, wie es hieß, zurückzuziehen. Dies freilich bedeutete nur, dass er um so strikter - mittels der sogenannten Volkskongresse - seinen Einfluss geltend macht; in der „Volksdschamahirija“, dem angeblich basisdemokratischen Staat der Volksmassen, wird dies alles nur gespielt. Aus den Botschaften des Landes wurden „Verbindungsbüros“. In Gaddafis Grünem Buch wurden die Prinzipien eines „dritten Weges“ niedergelegt, wie der libysche Staatschef ihn versteht. Mit Hilfe der Öleinnahmen hat Gaddafi den Libyern einige soziale Wohltaten beschert. Zuverlässig ergoss sich der libysche Ölstrom nach Europa. Deutschland ist ein guter Kunde. Den Islam lässt er nicht fundamentalistisch auslegen; dem widerspräche schon seine weibliche Garde, mit der er Aufsehen erregt.
Nach Nassers frühem Tod 1970 verstand sich Gaddafi als der Hüter von dessen Ideen. Er tut es bis heute, ist das letzte Relikt des arabischen Nationalismus. Seinen Nachbarn im Osten, Süden und Westen ging er bisweilen auf die Nerven mit seinen panarabischen Zusammenschluss-Ideen und Interventionen, die alle scheiterten und von den Anrainern als schlichte Einmischung in ihre Angelegenheiten betrachtet wurden. Bis heute sitzt die libysche Opposition teilweise in Kairo - chancenlos, wie es aussieht. Man hat lange nichts mehr von ihr gehört.
Verflochten mit dem internationalen Terrorismus
Gaddafis „antiimperialistischer“ Kampf führte mehr und mehr zu einer Verflechtung mit der Welt des Terrorismus, den er - da war und ist er nicht der Einzige - lange als Freiheitskampf ansah. Wahrscheinlich tut er es auch heute noch. Überall mischte er mit, ob bei den Palästinensern oder im libanesischen Bürgerkrieg. Alle, die gegen den „Imperialismus“, besonders den „US-Imperialismus“, waren, konnten mit seinem aktiven Wohlwollen rechnen, auch in Europa oder Amerika, wo zum Beispiel die Indianer eine Zeitlang sein wohlwollendes Interesse fanden. Den Staat Israel wollte er vernichtet sehen.
Nach einem Anschlag auf die Berliner Diskothek „La Belle“ schlug der amerikanische Präsident Ronald Reagan gegen den „Paten des Terrors“ zurück: Die Amerikaner bombardierten am 15. April 1986 Ziele in Bengazi und Tripolis; dabei wurde Gaddafis Adoptivtochter Hana im Alter von 15 Monaten getötet. Die Reaktionen auf diesen Angriff waren gemischt: Während man im Westen den Angriff überwiegend kritisierte, hörte man im Orient - obzwar hinter vorgehaltener Hand -, der Libyer habe es nicht anders verdient. Doch Gaddafi machte weiter, sein Regime wurde durch die Angriffe nicht erschüttert: Vor zehn Jahren gestand er mehr oder weniger direkt ein, dass Libyen hinter dem Anschlag auf ein amerikanisches Passagierflugzeug über dem schottischen Lockerbie am 21. Dezember 1988 gestanden habe, und lieferte den Attentäter al Meghrahi aus. 270 Menschen waren ermordet worden. Vor kurzem wurde al Meghrahi aus schottischer Haft entlassen und durfte, offiziell aus Gesundheitsgründen, nach Hause zurückkehren. Manche sehen darin einen Erfolg der Politik Gaddafis, die einerseits auf Zugeständnisse setzt, andererseits aber auch mit Pressionen arbeitet.
Andererseits ist er seit diesen Zugeständnissen mehr und mehr bemüht, den Ruch des Terrorismus-Förderers allmählich loszuwerden. Seit einigen Jahren ist sein Bestreben erkennbar, seine Isolation zu durchbrechen. Die Beziehungen zu Amerika haben sich merklich gebessert. Auch die Sowjetunion hatte sich - trotz zeitweiliger ideologischer Nähe - immer schwergetan mit dem schillernden Oberst und „politischen Derwisch“. Seine indigene, bisweilen phantasievolle Kleidung, in der er Staatsbesuche oder Empfänge absolviert - oft auch im Beduinenzelt -, wird von der internationalen Öffentlichkeit mit Neugier, manchmal auch Erstaunen aufgenommen. Seinem Volk möchte Gaddafi mit dem Großen Grünen Fluss ein riesiges Bewässerungsprojekt hinterlassen, das die Wüste zum Leben erwecken soll. Seit einigen Jahren ist er auch ganz Afrikaner und versucht, wenn auch vergeblich, den Kontinent zu einen. Denn zusammenschließen muss Gaddafi immer irgendetwas.
Am 1. September stürzten Freie Offiziere in Libyen den greisen König Idriss I. al Senussi.