22.08.2011 · Der libysche Machthaber hat der Welt viel Anlass gegeben, ihn zu fürchten. Er zog sie aber auch immer wieder in seinen Bann. Schon vor Jahren sehnte er sich in einer seiner Kurzgeschichten nach der Hölle.
Von Hans-Christian RößlerBis zum Schluss ist Muammar al Gaddafi seinem Ruf als Irrlicht treu geblieben. Bis zum Abend konnte niemand sagen, wo er das nächste Mal auftauchen würde. Am Sonntag hieß es, er wolle sich nach Algerien absetzen, am Montag vermuteten ihn einige in seiner Residenz in Tripolis. Andere wollten wissen, dass er in Sirt sei.
Wenn es für den Revolutionsführer eine Heimat gibt, dann liegt sie irgendwo in der Wüste südlich von Sirt, in der er 1942 zur Welt kam. Dorthin zog er sich am liebsten zurück. Nicht in der Wohnung auf einem Kasernengelände in der Hauptstadt, sondern in einem Beduinenzelt unter den Angehörigen seines Stammes fühlte er sich zuhause und sicher. Auf seine eigenen Leute konnte er sich immer verlassen.
Tee und Monologe über Welttheorien
In den kargen Weiten der Wüste hielt der mächtigste Sohn des kleinen Gaddafa-Stamms am liebsten Hof. Tagelang mussten seine Gäste oft warten, bis er sie mit Tee und stundenlangen Monologen über seine Welttheorien empfing. Noch im vergangenen Oktober versammelte der Revolutionsführer mehr als 60 Staats- und Regierungschefs aus arabischen und afrikanischen Ländern im Konferenzzentrum von Sirt zum arabisch-afrikanischen Gipfeltreffen.
Auf dem Familienfoto stand er, die Augen hinter einer schwarzen Sonnenbrille versteckt, in der ersten Reihe und stützte sich scherzend auf die Schultern des ägyptischen Präsidenten Mubarak und des Jemeniten Salih. Amüsiert beobachtet daneben der tunesische Staatschef Ben Ali die Szene.
Wie kein anderer inszenierte er seine Auftritte
Gaddafi war aus dieser Riege der dienstälteste der arabischen Potentaten; 1969 hatte er zusammen mit den „Freien Offizieren“ König Idris I. in einem unblutigen Putsch abgesetzt. Wie kein anderer inszenierte und genoss Gaddafi seine Auftritte: Seine wallenden Gewänder waren so exzentrisch wie seine politischen Initiativen. Erst wollte er mit Ägypten, Syrien und Tunesien zusammen einen panarabischen Großstaat gründen, dann alle Afrikaner zu einer Union nach dem Vorbild der EU zusammenschließen. Als es damit auch nicht voranging, forderte er dazu auf, alle AU-Mitgliedstaaten abzuschaffen und die „Vereinigten Staaten von Afrika“ auszurufen; dass er dabei eine Hauptrolle spielen wollte, musste er nicht eigens erwähnen.
In seinem „Grünen Buch“ formulierte er die „Dritte Universale Theorie“, einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, den die „Volksmassen“ beschreiten sollten. Zugunsten des Volkes trat er 1979 formell als Staatschef zurück, ohne je wirklich die Macht abzugeben. Für den Nahostkonflikt schlug er die überraschend gewaltlose Friedensformel „Israel plus Filastin (arabisch für Palästina) gleich Isratin“ vor. Den Bürgerkrieg in der westsudanesischen Krisenprovinz Darfur hielt er dagegen für nicht viel mehr als „den Streit um ein Kamel“. Trotzdem scheiterte auch er mit seinen Vermittlungsbemühungen. Nebenbei erfand er noch einen libyschen „Volkswagen“, das angeblich sicherste Auto der Welt. Auch Pläne für eine Rakete, die Menschenleben nicht zerstören, sondern schützen sollte, stellte er vor.
Das Geld aus der Ölföderung floss an Terrorgruppen
Doch mit den sprudelnden Öleinnahmen unterstützte Gaddafi jahrelang Terrorgruppen auf fast allen Kontinenten: Radikale Palästinenser, die nordirische IRA und die Sandinisten in Nicaragua gehörten dazu. Das war ihm nicht genug. Libysche Attentäter verübten in Berlin 1986 ein Attentat auf die Diskothek „La Belle“. Ein britisches Gericht verurteilte später zwei Libyer wegen des Anschlags auf ein amerikanisches Passagierflugzeug Ende 1988 über dem schottischen Ort Lockerbie mit 270 Toten. Erst nach dem amerikanisch geführten Einmarsch im Irak und dem Sturz Saddam Husseins gab auch der Revolutionsführer Ende 2003 seine Bemühungen auf, in Libyen Massenvernichtungswaffen herzustellen.
Anders als während des jüngsten Aufstands war Gaddafi im vergangenen Jahrzehnt noch in der Lage, die Zeichen der Zeit zu lesen und auf die politischen Umbrüche zu reagieren. Er überstellte die Lockerbie-Attentäter nach Europa und entschädigte die Anschlagsopfer; innenpolitisch war er zu Reformen bereit. Wie schwer es seinem Regime jedoch fiel, libysches Versagen einzugestehen, zeigte der Umgang mit der Aids-Epidemie in der Kinderklinik von Benghasi: Fünf unschuldige bulgarische Krankenschwestern und ein palästinensischer Arzt wurden zunächst zum Tod verurteilt und erst nach acht Jahren Haft freigelassen.
Sein Beduinenzelt stand sogar im Elysée-Palast
Schon vor der Bereinigung dieser letzten Altlasten war Gaddafi mit seinen Ölmilliarden im Westen wieder ein gern gesehener Gast; selbst im Garten des Pariser Elysée-Palasts baute er sein Beduinenzelt auf. Gesandte aus Amerika, dessen früherer Präsident Ronald Reagan den Revolutionsführer einst als „tollwütigen Hund“ mit Kampfflugzeugen angreifen ließ, und europäische Staats- und Regierungschefs standen vor seinem Wüstenzelt buchstäblich Schlange; auch Bundeskanzler Schröder reihte sich ein.
Seit jedoch die Arabellion im Februar auch den „Volksmassenstaat“ erfasste, offenbarte dessen Führer eine Mischung aus Realitätsverlust und zu allem entschlossener Brutalität. Er leugnete lange, dass es überhaupt Proteste gab – und ließ die Demonstrationen da schon von seiner Luftwaffe bombardieren. Das Volk liebe ihn, beteuerte er immer wieder. Seine Gegner beschimpfte er noch am Sonntagabend als „Ratten“. Dabei wurde es immer einsamer um ihn. Immer mehr Kampfgefährten ließen ihn im Stich. Auch seine alten Freunde im Ausland wollen nichts mehr von ihm wissen. Südafrika, dessen früherer Präsident Nelson Mandela Gaddafi lange die Treue hielt, ließ am Montag energisch Gerüchte dementieren, wonach der Diktator dort um Asyl gebeten habe.
Vertonte Rede wurde zum Hit in der arabischen Welt
Am Ende glich der einst gefürchtete Revolutionsführer eher einer gejagten Witzfigur. Seine Wutausbrüche und Auftritte, wie dem mit Ohrenfellmütze unter einem riesigen Regenschirm, machten ihn für kurze Zeit zu einem Internet-Star. Ein israelischer Musiker unterlegte eine Rede, in der Gaddafi gelobte, Libyen „Zentimeter für Zentimeter und Gasse für Gasse“ zu verteidigen, mit Trance-Rhythmen und fügte Bilder einer leicht bekleideten Tänzerin hinzu. „Zenga, Zenga“ wurde nicht nur in der arabischen Welt ein Hit, den es später auch als Klingelton für Mobiltelefone gab.
Doch auf die Dankbarkeit der libyschen Volksmassen scheint Gaddafi nie wirklich gebaut zu haben. Als Autor von Kurzgeschichten mit Titeln wie „Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten“ gewährte er überraschende Einblicke ins Seelenleben des Revolutionsführers. „Lasst mich meine Schafe hüten“, bat er zum Beispiel in einem seiner Texte. In einem anderen Buch flieht der bedrängte Protagonist, bei dem es sich um den Autor handeln dürfte, sogar in die Hölle: Dort sei es besser zu leben als unter den Menschen.
Bis zuletzt war Saif al Islam al Gaddafi das Sprachrohr seines Vaters. Noch am Sonntagmorgen hatte er verkündet, das Regime werde nicht aufgeben - man wisse gar nicht, wie man eine weiße Flagge schwenke. Es dauerte nicht einmal einen Tag, bis Rebellenkämpfer auf dem Grünen Platz in der Hauptstadt Tripolis feierten. Saif wurde nach Angaben der Rebellen zusammen mit seinem Bruder Saadi gefangengenommen. Muhammad al Gaddafi, der älteste Sohn des libyschen Diktators, wurde in der Nacht zum Montag unter Hausarrest gestellt; die Rebellen garantierten für seine Sicherheit, sagte er dem Sender Al Dschazira. Muhammad hatte nur eine kleine Rolle im Machtgeflecht des Gaddafi-Clans gespielt. Der Informatiker war ein Sohn aus der ersten Ehe Muammar al Gaddafis mit der wohlhabenden Offizierstochter Fatiha, die 1969 nach einem halben Jahr geschieden wurde.
Saif, dem der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwirft, schien zuletzt eine zentrale Rolle gespielt zu haben. In der Anfangsphase des Aufstands schwieg er. Doch Ende Februar tauchte er aus der Versenkung auf, als er sich im Staatsfernsehen in einer Rede an seine Landsleute wandte. Da saß er noch lässig zurückgelehnt vor einer grün-weiß gefärbten Weltkarte und belehrte sein Volk in einer oft zusammenhanglosen Rede, die indes eine Botschaft hatte: Entweder gebe es ein Ende des Aufstands und Reformen oder einen blutigen Bürgerkrieg, der die Teilung des Landes und bittere Armut zur Folge haben werde. Die Armee werde bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau, bis zur letzten Patrone kämpfen.
Saif al Islam galt lange als demokratischer Hoffnungsträger, der sich für Kunst interessierte. Saif fiel nicht durch Skandale auf wie sein Bruder Hannibal, der im Zentrum der Kampagne stand, die der Gaddafi-Klan im vergangenen Jahr gegen die Schweiz führte, nachdem Hannibal und seine Gattin festgesetzt worden waren, weil sie Hausangestellte misshandelt haben sollen. Anders als seine Brüder Chamis oder Mutasim machte Saif auch nicht im Sicherheitsapparat Karriere und kontrollierte keine eigenen Militäreinheiten. Er war der Politiker in der Herrscherfamilie.
Es fiel auf, dass er bis Herbst 2010 im Osten Libyens umherreiste und sich mit Stammesvertretern und mit Muslimbrüdern traf - womöglich, um sich eine eigene Machtbasis zu schaffen. Saif bemühte sich, westlich geprägte Technokraten für das Regime zu gewinnen und trat für eine Öffnung ein. Doch die alte Garde hielt dagegen. Daher wandten sich Reformer wie Dschibril, der dem Exekutivrat des Nationalen Übergangsrates in Benghasi vorsitzt, vom Regime ab. (cheh.)
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