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Mostar Die Brücke über die Neretva

23.07.2004 ·  Die „Stari Most“ ist wiederaufgebaut. Am Freitag wurde die weltberühmte Brücke in Mostar für die Öffentlichkeit freigegeben. Doch das Vertrauen zwischen Bosniaken und Kroaten ist nicht so leicht wiederherzustellen.

Von Michael Martens, Belgrad
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Nun werden sich also wieder wie früher im Hochsommer die wagemutigsten jungen Männer der Stadt von hier aus zwanzig Meter in die Tiefe stürzen, wo die Neretva ihr tiefgrünes Wasser durch das Tal preßt. Sie werden für das Geld der Touristen springen - oder um sich oder anderen Mut zu beweisen.

Hinabgetaucht in die Kühle wäre vielleicht auch gern manch einer der Polizisten, die an diesem Freitag die Straße von der bosnischen Hauptstadt Sarajevo nach Mostar bewachen oder im Schatten der Häuser und Ruinen der Mostarer Altstadt aufpassen mußten. Denn eine sengende Hitze hatte den historischen Tag der Wiedereröffnung der "Stari Most", der Brücke von Mostar, fest im Griff.

9. November 1993: Der Tag, an dem „Stari Most“ einstürzte

Der Himmel über Mostar war an diesem Tag genauso wolkenlos blau wie am letzten Tag, den die alte Brücke erlebte. Was für ein Wetter herrschte an jenem 9. November 1993, als die "Stari Most" einstürzte, die "Alte Brücke", weiß man dank der Aufnahmen eines Amateurfilmers, der mitten in der kriegsversehrten Stadt festhielt, wie das ohnehin schon stark beschädigte Wahrzeichen der hercegovinischen Metropole dem Beschuß der kroatischen Artillerie endgültig nachgab und die herabstürzenden Trümmer das Wasser der Neretva sandgelb färbten.

In den Andenkenläden auf der muslimisch-bosniakischen Seite der Neretva werden Videokassetten mit der historischen Aufnahme verkauft. Ihr Postkartenebenmaß hatte die Brücke allerdings schon vor ihrer völligen Zerstörung eingebüßt, nur noch wenig erinnerte zuletzt an das gleichsam schwebende architektonische Meisterstück, über das der türkische Reiseschriftsteller Evliya Çelebi im 17. Jahrhundert geschrieben hatte, er habe nie eine solche Brücke gesehen, so hoch, daß sie zwei Wolken zu verbinden scheine.

Mit Autoreifen, Wolldecken und anderen Behelfsmaterialien hatten die (muslimischen) Bosniaken das Bauwerk notdürftig geflickt. Es war damals "ihre" Brücke, denn in diesem Teil der Stadt waren Fluß und Frontverlauf nicht identisch - auch auf dem Westufer hielten die Bosniaken noch Territorium.

12,3 Millionen Euro für den Wiederaufbau

Strenggenommen war dieser Freitag im Juli 2004 jedoch nicht der erste Tag der neuen Alten Brücke, weil die Bauarbeiter schon im August des vergangenen Jahres den letzten Quader in den eleganten Steinbogen aus der Herrschaftszeit Süleymans des Prächtigen eingefügt hatten - wie es die Erbauer einst 1566 getan hatten.

Fast 12,3 Millionen Euro hat der Wiederaufbau gekostet. Die vorbereitenden Arbeiten wurden von der EU und der Türkei finanziert, zum eigentlichen Wiederaufbau trugen außerdem vor allem Italien, Frankreich, die Niederlande und Kroatien bei. Vier Jahre dauerten die Arbeiten, denen aufwendige historische, architektonische und archäologische Studien vorausgingen. Nachdem eine ungarische Ingenieureinheit der Bosnien-Friedenstruppe Sfor die Trümmer aus dem Fluß geborgen hatte, war rasch klar, daß die meisten Originalsteine nicht mehr zu gebrauchen waren.

Handwerkliche Meisterleistung

Weil der Neubau dennoch so nah am Vorbild wie irgendmöglich ausfallen sollte, arbeiteten Steinmetze in denselben Steinbrüchen wie die ersten Erbauer der Brücke vor Jahrhunderten. Das Ergebnis gilt als handwerkliche Meisterleistung, und die Einwohner von Mostar hoffen, daß die neue Alte Brücke bald wieder Touristen in ihre Stadt führen wird.

Doch in Mostar zeigt sich wie auch im Kosovo: Der Wiederaufbau von zerstörten Gebäuden und Straßen ist das eine. Darin hat die Staatengemeinschaft unbestritten Erfolge errungen, obwohl Ruinen an der Neretva noch immer Teil des Stadtbilds sind und auch viele Fassaden der wieder bewohnten Häuser von jener charakteristischen Häuserkampfornamentik gezeichnet sind, die durch Maschinengewehrfeuer entsteht und auch in Berlin mancherorts noch zu sehen ist. Der Wiederaufbau des gegenseitigen Vertrauens der einstigen Kriegsgegner ist der schwierigere und langwierige Teil des internationalen Engagements.

Fehlende Entschlossenheit

Die politische Wiedervereinigung ist in Mostar noch ein Rohbau. Auch deshalb, weil das Amt des Hohen Repräsentanten, an dessen Spitze seit 2002 der Brite Paddy Ashdown steht, nicht entschlossen genug seine Vollmachten ausgenutzt habe, um die Stadt per Dekret wiederzuvereinigen, sagt Neven Tomic, der bis Anfang 2003 ein Bürgermeister von Mostar war.

Tomic, ein Kroate, wurde 1958 in Mostar geboren (oder, in Brückenzeit gerechnet: fast vier Jahrhunderte nach der Errichtung und dreieinhalb Jahrzehnte vor der Zerstörung der "Stari Most"). Als Kandidat der nationalistischen Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) wurde er im Jahr 2000 zum Bürgermeister gewählt, später aber von der Partei verstoßen, weil er sich zu einem Zeitpunkt für den Zusammenschluß der Stadt zu einer politischen Einheit einsetzte, als das auf kroatischer Seite noch nicht angebracht erschien. Anfang des vergangenen Jahres trat Tomic von seinem Posten zurück.

Alle späteren Versuche, die lokalen Politiker und ihre Wähler von einem Zusammenschluß zu überzeugen, sind bisher gescheitert. Weder die sogenannte Winterstein-Kommission, benannt nach dem deutschen Diplomaten, der sie leitete, noch die folgenden von Ashdown eingesetzten Gruppen konnten die unvereinbaren Gegenpositionen der Parteien in Mostar auflösen. Ende des vergangenen Jahres schimpfte Ashdown schließlich, die andauernde Teilung der Stadt sei für Bosnien-Hercegovina ein Hindernis auf dem Weg nach Europa. Solche Äußerungen sind üblicherweise sein letztes rhetorisches Warnzeichen. Die Politiker in Bosnien wissen: Wer darauf nicht reagiert, muß mit seiner Absetzung rechnen. Im Januar legte Ashdown schließlich die Auflösung der je drei bosniakischen und kroatischen Gemeinden der Stadt per Dekret fest. Eine Entscheidung, die viel früher hätte erfolgen müssen, sagte Tomic.

Man wählt serbisch, kroatisch oder bosniakisch

Der erste politische Test für das neue Statut der Stadt steht im Oktober an, wenn in Bosnien-Hercegovina Kommunalwahlen stattfinden. Dann dürfte sich jedoch wieder einmal zeigen, daß in Bosnien im allgemeinen und in Mostar im besonderen die politische Orientierung der Bevölkerung noch immer in ethnischen Bahnen verläuft. Man wählt in erster Linie serbisch, kroatisch oder bosniakisch, nicht etwa bürgerlich oder sozialistisch, links oder rechts, für oder gegen einen lokalpolitischen Ansatz.

Wie schwierig in einer solchen Grundstimmung der Wiederaufbau des politischen Vertrauens ist, läßt sich auch am Wirken des früheren Bremer Bürgermeisters Koschnick messen, der sich vom Juli 1994 bis zum Februar 1996 als Administrator der EU an der schwierigen Aufgabe versuchte, die Stadt zu verwalten und zu einen. Die Grundlage für seine Tätigkeit bildete eine sogenannte Einverständniserklärung, die vor fast genau einem Jahrzehnt, im Juni 1994, von Kroaten und Bosniaken aus Mostar unterzeichnet wurde und deren Ziel eine "einheitliche, selbständige und multiethnische Verwaltung" der Stadt Mostar war. Doch an dieser Aufgabe haben sich Koschnick und alle späteren internationalen Verwalter und Vermittler in Mostar trotz aller Teilerfolge bisher die Zähne ausgebissen.

Erst waren die Kroaten strikt dagegen, weil sie fürchteten, von den Bosniaken majorisiert zu werden. Die politischen Vertreter der Bosniaken gaben sich dagegen zunächst als Befürworter einer Wiedervereinigung der Stadt - bis immer deutlicher wurde, daß sie ihre einstige knappe Bevölkerungsmehrheit durch den Wegzug junger Leute eingebüßt hatten. Dabei wäre gerade für die Bosniaken eine Öffnung wirtschaftlich von Vorteil. Für sie ist Westmostar das Tor zur Adria, und ökonomisch entwickeln sich beide Teile der Stadt weiter auseinander, dem kroatischen Westteil der Stadt geht es besser, die Nähe der kroatischen Grenze, die kaum eine Dreiviertelstunde Autofahrt entfernt verläuft, wirkt sich positiv aus.

Wie stark Bosniens blutige Vergangenheit auch im neunten Nachkriegsjahr noch in die Gegenwart hineinragt, wurde auch am Freitag wieder deutlich: Am Tag, als in Mostar mit großem Aufwand und vielen ausländischen Gästen die Eröffnung der berühmtesten Brücke Mostars gefeiert wurde, bargen Gerichtsmediziner in dem Ort Bratunac, etwa 90 Kilometer nordöstlich von Sarajevo, die Überreste von mehr als 50 bosnischen Muslimen aus einem neu entdeckten Massengrab. 300 Leichen sollen sich in dem Grab befinden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2004, Nr. 170 / Seite 6
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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