02.08.2007 · Der Klimawandel befeuert den Wettlauf um Bodenschätze. Mit einer U-Boot-Mission will Russland beweisen, dass der Nordpol eine Erweiterung des russischen Kontinentalschelfs ist. Das dürfte aber schwierig werden. Von Horst Rademacher.
Von Horst RademacherWenn in diesen Tagen zwei bemannte russische Forschungs-U-Boote den mehr als 4000 Meter unter dem Eis gelegenen Meeresboden am Nordpol erkunden, hat das weit mehr als nur meeresgeologische Bedeutung. Russland erhebt nämlich territorialen Anspruch auf ein 1,2 Millionen Quadratkilometer großes Seegebiet im Arktischen Ozean, einschließlich des nördlichsten Punktes der Erde.
Der Wunsch, dieses Gebiet zu besitzen, hat nichts damit zu tun, dass der Kreml das größte Land der Erde noch weiter vergrößern möchte. Vielmehr werden unter dem arktischen Meeresboden unvergleichlich große Mengen an Bodenschätzen vermutet: Die dort verborgenen Vorräte an Erdöl und Erdgas könnten die Ressourcen aller Opec-Staaten zusammen in den Schatten stellen.
Russlands Flagge auf dem Meeresgrund
Unter der marinen Arktis könnten außerdem mehr Diamanten und Erze von Edel- und Buntmetallen schlummern, als irgendwo sonst auf der Welt. Allerdings ist es nicht damit getan, dass die russischen Tiefseeforscher nun symbolisch die Flagge ihres Landes auf dem Meeresboden unter dem Nordpol „gehisst“ haben. Vielmehr müssen sie wissenschaftlich einwandfrei nachweisen, dass dieses Gebiet auch geologisch zu Russland gehört - und das dürfte ihnen nach Meinung vieler Fachleute nicht leicht fallen.
So lange das Nordpolarmeer unter dem „ewigen“ Eis der Arktis verborgen blieb, waren die territorialen Ansprüche im hohen Norden lediglich von theoretischer Bedeutung. Der finanzielle und technische Aufwand, Rohstoffe aus der nördlichen Gefriertruhe der Erde zu fördern, wäre selbst für die finanzstärksten Ölkonzerne der Welt zu groß gewesen. Das mit dem Klimawandel einhergehende, ganz langsame Auftauen einiger Seegebiete im Nordpolarmeer hat aber die Gier nach den Bodenschätzen der Arktis aufs neue geweckt.
Die Gutachter sind gefragt
Sollten die Vorhersagen mancher Klimaforscher zutreffen und das Eis im hohen Norden tatsächlich in wenigen Jahrhunderten geschmolzen sein, fiele der Arktische Ozean auch praktisch unter das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen von 1982. Danach ist es jedem Land gestattet, die ersten zweihundert Seemeilen vor seiner Küste als „exklusive Wirtschaftszone“ für sich zu reklamieren. Das schließt die Förderrechte an allen Rohstoffe ein, die dort im Untergrund lagern.
Reicht aber der Kontinentalsockel über diese Entfernung hinaus, können die Anrainer größere Flächen beanspruchen. Sie müssen dann allerdings mit Gutachten belegen, dass der Kontinentalsockel mit dem eigenen Festland tatsächlich eine geologische Einheit bildet.
Ein solcher Nachweis ist beispielsweise vor Neufundland oder vor der mexikanischen Halbinsel Yukatan leicht zu führen. Dort reicht jeweils der Festlandssockel als „Great Banks“ beziehungsweise als „Campeche Bank“ mehr als 200 Seemeilen (370 Kilometer) weit ins Meer. Die geologischen Formationen unter Wasser sind dort aber jeweils die gleichen wie an Land.
Gesteinsproben als Beweise
Auch an vielen Stellen im Arktischen Ozean ist die Lage eindeutig. So bezweifelt niemand ernsthaft, dass der Meeresboden unter den beiden Sibirien vorgelagerten Meeresabschnitten Karasee und Laptewsee jeweils eine geologische Fortsetzung des sibirischen Festlandes bildet.
Russlands Anspruch geht aber weit über diese küstennahen Abschnitte hinaus. Es will die exklusiven Rechte auch für große Teile der Tiefsee im arktischen Becken, einschließlich des Nordpols. „Die Arktis ist russisch“, sagte Artur Tschilingarow, der Leiter der Tauchfahrt mit den Forschungs-U-Boote. „Wir müssen beweisen, dass der Nordpol eine Erweiterung des russischen Kontinentalschelfs ist.“
Diesen Beweis wollen die russischen Forscher mit Gesteinsproben antreten, die sie vom Meeresboden im arktischen Becken sammeln. Sie wollen zeigen, dass dort die gleichen Formationen wie in Sibirien vorkommen.
Auch Kanada und Dänemark forschen
Die arktische Tiefsee unterhalb des Nordpolarmeeres besteht aus zwei Teilen, dem eurasischen und dem amerasischen Becken. Diese beiden Tiefseegebiete werden durch den Lomonossow-Rücken voneinander getrennt, einem untermeerischen Gebirgszug, der sich von Grönland aus unter dem Nordpol bis zu den Neusibirischen Inseln erstreckt. Moskau behauptet, das nach dem russischen Universalgelehrten Michail Wassiljewitsch Lomonossow benannte submarine Gebirge sei eine geologische Fortsetzung Sibiriens. Allerdings haben auch kanadische Forscher in diesem Sommer damit begonnen, mit seismischen Messungen nach einer geologischen Brücke zwischen der zu Kanada gehörenden Ellesmere Insel und dem Lomonossow Rücken zu suchen.
Auch Dänemark forscht nach einer Verbindung zwischen Grönland und dem untermeerischen Gebirgszug. Dabei dürfte Kopenhagen eine wohl kaum zu stechenden Trumpfkarte in der Hand halten: Es handelt sich um einen nur 1,3 Quadratkilometer großen, kargen Felsen in der Kennedy-Straße zwischen Ellesmere und Grönland.
Diese unbewohnte Tartupaluk-Insel gehört schon seit Jahrhunderten zu den Jagdrevieren der westgrönländischen Inughuit und liegt allen meeresgeologischen Forschungsergebnissen zur Folge genau an jener Stelle, an der der Lomossow-Rücken an Grönland anschließt. Seit einigen Jahren halten sich dänische Soldaten jeweils im Sommer einige Wochen auf Tartupaluk auf - nur um den Anspruch Dänemarks auf die Insel und den Lomossow Rücken deutlich zu machen.
Bevor allerdings mit der Erkundung der Lagerstätten oder gar dem Bergbau in der marinen Arktis begonnen werden kannn, muß nicht nur das Packeis wesentlich dünner werden. Russland, Kanada und Dänemark haben ihre Ansprüche auch vor der aus Wissenschaftlern bestehenden Festlandsockelkommission der Vereinten Nationen in New York zu begründen. Die jeweiligen Anträge müssen der Kommission bis zum Mai 2009 vorliegen.