24.08.2010 · 1991 wurde in Uptown Manhattan New Yorks größte Moschee eröffnet, das Lebenswerk von Mohammed Rauf. Dessen Sohn steht hinter dem Vorhaben, nahe „Ground Zero“ ein ebenso großes islamisches Gemeindezentrum zu bauen, das Amerikas Gemüter erhitzt.
Von Matthias Rüb, New YorkZuerst sind Milch und Wasser da, in Plastikflaschen zu jeweils einer Gallone auf die weißen Klapptische gestellt. Dann werden kistenweise Bananen herbeigeschafft, dazu noch Datteln und Kekse. Auch Plastikbecher und Papierservietten dürfen nicht fehlen. Vor der prachtvollen Moschee an der 96. Straße, Ecke Dritte Avenue im Norden von Manhattan, die offiziell „Islamic Cultural Center“ heißt, bereiten sich die Gläubigen auf Maghrib und Iftar vor. Das Maghrib-Gebet ist das vierte Gebet des Tages, und im Fastenmonat Ramadan fällt das Abendgebet mit dem Iftar, dem Fastenbrechen beim Einbruch der Abenddämmerung zusammen.
Die Frauen haben ihren Tisch mit Milch, Wasser und den Lebensmitteln links vom Eingang zur Moschee aufgestellt, die Männer in einigem Abstand auf der rechten Seite. Es dauert noch einige Minuten bis zum genau festgelegten Zeitpunkt des Maghrib, und inzwischen sind Amir und seine Freunde mächtig verschwitzt. Amir ist acht Jahre alt und stammt wie seine Kameraden aus dem Jemen. Sie haben einen kleinen Fußball mitgebracht, um sich die Zeit bis zur Dämmerung zu vertreiben. Der Rasen im Vorgarten der Moschee an der 96. Straße gibt einen ordentlichen kleinen Bolzplatz ab, auch wenn das Gelände zum Zaun hin etwas abschüssig ist, was den dort postierten Torwart Ali glatt benachteiligt. Draußen auf der Seitenstraße sind die Dienstwagen der Diplomaten in der zweiten Reihe geparkt. Auf einem der Taxis, die für die Heimfahrt nach dem Gebet bereitstehen, leuchtet ein Werbeschild für einen „Gentleman's Club“.
Datteln und Bananen liegen bereit
Derweil füllt sich der Garten vor dem Gotteshaus. Inzwischen sind Milch und Wasser in die Plastikbecher eingefüllt; Datteln und Bananen liegen bereit. Die Gläubigen, die hier in Manhattan zusammenkommen, sind ein Querschnitt der Umma, der muslimischen Weltgemeinschaft, wie man ihn auf so engem Raum vielleicht nirgendwo sonst auf der Welt findet. Da schreiten die fülligen arabischen Mütter mit dem dunkelfarbigen Hijab in gebührendem Abstand hinter ihren Männern und auch den Söhnen her. Ein weißer amerikanischer Konvertit mit einem roten Bart trägt einen hellgrünen Kaftan, auf dem Kopf eine gehäkelte Takija-Kappe und an den Füßen Plastiksandalen. Die jungen Studenten aus Indonesien und Pakistan sehen da mit ihren Jeans und den T-Shirts mit Aufschriften diverser amerikanischer Modemarken dagegen viel „westlicher“ aus. Afrikanerinnen mit knallbunten Kleidern und Kopftüchern stehen neben einer Frau in pechschwarzer Burka.
Am Eingang verkaufen dünne Somalierinnen Datteln, Erfrischungsgetränke und grüne Gebetsteppiche, auf denen gleich neben der Abbildung der Kaaba ein kleiner flacher Kompass eingenäht ist, damit man den Teppich jederzeit in Richtung Mekka ausrichten kann. Schwarzafrikaner aus Nigeria reden mit schwarzen amerikanischen Muslimen. Haris, der Kriegsflüchtling aus Tuzla in Bosnien-Hercegovina, wirkt etwas verloren in der Menge der meist dunkelhäutigen Männer; er hält seine Dattel, seine Banane und den Becher Milch still in der Hand und wartet im Schneidersitz auf dem Rasen auf das Zeichen. Ein junger Mann mit Rucksack, der allein schon wegen seiner kurzen Hosen ein Fremdling ist, hat schon vor dem Zeichen in seine Banane gebissen. Das trägt ihm teils verwunderte, teils erboste Blicke der um ihn herum stehenden und sitzenden Männer ein. Aber keiner sagt ein Wort.
Das Zeichen zum Iftar von Scheich Khalid al Juahem, der bis zum zehnten Tag des Ramadan das Gebet in der Moschee an der 96. Straße leitet, kommt dann auch bald. Es ist kurz vor acht Uhr, die Fenster der Appartmenthochhäuser ringsum glühen schon seit einiger Zeit nicht mehr im roten Licht der letzten Sonnenstrahlen. Scheich Khalid gibt das Zeichen zum Fastenbrechen jedoch nicht mit einem Ruf durch die Lautsprecher des Minaretts, sondern durch Flüsterpropaganda aus dem Innenraum der Moschee. Nun werden Datteln und Bananen verspeist, Milch und Wasser wird getrunken. Für den Abfall stehen die leeren Bananenkartons bereit. Kurz darauf geht es zum Maghrib-Gebet in die Moschee, die Männer stehen dicht an dicht in Reihen gleich hinter Scheich Khalid, der „Allahu akbar!“ ruft und sich in Richtung Mekka verneigt. Die Frauen und Mädchen haben auf Stühlen gleich neben dem Haupteingang Platz genommen.
Bis zu 900 Gläubige fasst die größte Moschee von New York City, die 1991 eröffnet wurde, finanziert zum größten Teil vom Emir von Kuweit und entworfen vom renommierten amerikanischen Architekturbüro Skidmore, Owings and Merrill. Der quadratische Gebetsraum, über dem sich eine mächtige Kuppel erhebt, ist erfüllt vom letzten Dämmerlicht des Tages und von den Gebetsrufen der Gläubigen. Wie vielleicht in jedem Gotteshaus herrscht in der zu etwa einem Drittel gefüllten Moschee eine Atmosphäre der weltentrückten Ruhe.
Überraschend wie überflüssig
Die steht im Gegensatz zum schrillen Streit über das islamische Gemeindezentrum samt Schwimmbad, Konferenzzentrum und Gebetsraum, das gut zehn Kilometer südlich des „Islamic Cultural Center“ und nur knapp 400 Meter von den einstigen Zwillingstürmen des am 11. September 2001 durch die Anschläge islamistischer Terroristen zerstörten World Trade Centers gebaut werden soll. Dort soll nach dem Willen der muslimischen Gemeinde im Süden Manhattans das 150 Jahre alte Gebäude der einstigen Burlington Coat Factory, das bei den Anschlägen vor fast neun Jahren beschädigt wurde und seither leer steht, abgerissen werden und durch das 13 Stockwerke hohe und gut 100 Millionen Dollar teure islamische Gemeindezentrum ersetzt werden. Der Imam der Gemeinde in Lower Manhattan ist Feisal Abdul Rauf, der derzeit im Auftrag des amerikanischen Außenministeriums auf einer Rundreise durch den Nahen Osten um Verständnis für die Vereinigten Staaten wirbt. Die einst 25 Millionen Dollar teure Moschee an der 96. Straße, die längst ein integraler Teil von Upper Manhattan ist und keinerlei Anstoß erregt, ist das Lebenswerk von Mohammed Rauf, des Vaters von Feisal Abdul Rauf.
Man schätzt, dass es in New York City und den Vorstädten der Metropole etwa 600.000 Muslime gibt, und vielleicht sind die Stimmen der Männer und Frauen, die sich vor und nach dem Maghrib-Gebet zu dem überhitzten Streit äußern, halbwegs repräsentativ. Etwa zwei Drittel sagen, das Gemeindezentrum solle am geplanten Ort errichtet werden, es gehe ums Prinzip und man dürfe als muslimischer Mitbürger den Respekt der Mehrheit erwarten. Das letzte Drittel meint, man solle um des Friedens Willen und aus Respekt für die Gefühle von Hinterbliebenen der Opfer weiter entfernt von Ground Zero bauen. Fast alle sagen, der Streit sei so überraschend wie überflüssig und belaste das Verhältnis der muslimischen Minderheit Amerikas und der christlichen Mehrheit unnötig.
Mag auch das ganze Land und die halbe Welt mitdiskutieren: Zu Demonstrationen gegen und für den Bau des islamischen Gemeindezentrums kamen am Wochenende gerade einmal knapp 500 beziehungsweise 300 Menschen in den Süden Manhattans. Es gab Wortgefechte, doch die New Yorker Polizei hatte keine Mühe, die Demonstranten auseinanderzuhalten. Inzwischen gilt es freilich als wahrscheinlich, dass die Gemeinde auf einen Vorschlag des New Yorker Gouverneurs David Paterson eingehen wird, den Bau an einen anderen Platz in Manhattan zu verlegen. Und dass dereinst in einer Moschee im Süden Manhattans das Abendgebet zum Ramadan ebenso zum Alltag gehört wie schon jetzt an der Moschee an der 96. Straße im Norden Manhattans.
Intellektuelle Führung wäre gut
Stefan Peter Künzel (stefanusffm)
- 24.08.2010, 15:39 Uhr
Finanzierung
Blaise Pascal (BlaisePascal2010)
- 24.08.2010, 16:20 Uhr
Bau in der Nähe, aber...
Martin Teichmann (TASH)
- 24.08.2010, 16:35 Uhr
Kleine Korrektur
Blaise Pascal (BlaisePascal2010)
- 24.08.2010, 17:23 Uhr
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A Haverkamp (Man__Ray)
- 24.08.2010, 18:44 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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