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Moscheenstreit in New York Die wachsende Furcht der Amerikaner

18.08.2010 ·  Im Streit über die geplante Moschee in unmittelbarer Nähe des „Ground Zero“ in New York hegen die Amerikaner ambivalente Gefühle: Eine Mehrheit der Bevölkerung sieht die Muslime im Recht - und wünscht sich trotzdem, sie würden auf ihr Gotteshaus verzichten.

Von Matthias Rüb, Washington
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Der 11. September wird immer ein bedrückender Tag für die Amerikaner bleiben. Seit den Terroranschlägen von New York und Washington ist das Datum „9/11“ Jahr um Jahr ein Tag der gemeinsamen Trauer um die fast 3000 Opfer. Dieses Jahr ist die Stimmung in den Vereinigten Staaten vor dem Jahrestag aber gespannt: Das muslimische Fest Eid al Fitr, das Fastenbrechen nach dem heiligen Monat Ramadan, liegt dieses Jahr in unmittelbarer Nähe des 11. September. Hinzu kommt der Streit über den geplanten Bau eines islamischen Gemeindezentrums einschließlich Schwimmbad, Konferenzraum und Moschee in unmittelbarer Nähe jenes Ortes, an dem einst die Zwillingstürme des World Trade Centers standen und wo heute noch immer eine städtebauliche Wunde im Süden Manhattans klafft.

Der Konflikt über die Moschee bei Ground Zero ist neben der Rezession zum wichtigsten Thema der Wahlkampagne vor den Kongresswahlen vom 2. November geworden. Es sind nicht nur rechte Republikaner, die sich gegen den Bau der Moschee gerade an diesem Ort aussprechen. Am Dienstag ließ auch Senator Harry Reid aus Nevada, Mehrheitsführer der Demokraten in der kleineren Kongresskammer, durch seinen Sprecher mitteilen, er lehne den Bau des muslimischen Gotteshauses und Gemeindezentrums nahe Ground Zero ab. Zugleich bekräftigte Reid, selbstverständlich respektiere auch er das Verfassungsrecht der Religionsfreiheit; nur solle eben die geplante Moschee in Lower Manhattan „an einem anderen Ort errichtet werden“.

Die Position von Präsident Barack Obama ist weniger klar. Bei einer Ansprache zum traditionellen Iftar-Dinner im Weißen Haus hatte Obama am Freitag zunächst gesagt, „als Bürger und als Präsident“ glaube er, „dass Muslime dasselbe Recht wie alle anderen in diesem Land haben, ihre Religion auszuüben“. Dies schließe „das Recht auf den Bau eines Gotteshauses und eines Gemeindezentrums auf einem Privatgrundstück in Lower Manhattan ein“. Die weithin als Unterstützung des Weißen Hauses für den umstrittenen muslimischen Sakralbau verstandene Äußerung wurde von vielen Muslimen und zumal von den Initiatoren des Projekts enthusiastisch begrüßt, rief bei Gegnern des Moscheebaus nahe Ground Zero aber heftige Proteste hervor. Daraufhin nahm Obama am Samstag seine Aussage faktisch zurück: Er habe keine Stellung zur „Weisheit der Entscheidung“ bezogen, gerade an diesem Ort die Moschee zu bauen, und werde dies auch künftig nicht tun.

Es schien, als wolle der Präsident mit seinen ambivalenten Äußerungen die ambivalenten Gefühle der meisten Amerikaner in diesem Streit wiedergeben. In Umfragen äußern nämlich etwa 70 Prozent der Amerikaner, dass Muslime zwar grundsätzlich das Recht haben, die Moschee nahe Ground Zero zu errichten; rund 70 Prozent sagen aber auch, dass aus Rücksicht auf die Gefühle der Hinterbliebenen besser ein anderer Ort gewählt werden solle.

Wachsende Sorge vor dem heimischen Terrorismus

Gegner des Bauvorhabens, als deren informelle Sprecher sich der frühere republikanische „Sprecher“ im Repräsentantenhaus, Newt Gingrich, und die Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008, Sarah Palin, hervorgetan haben, nennen als Argumente, dass der Vatikan unter Papst Johannes Paul II. 1987 das Karmeliterkloster in der Gedenkstätte Auschwitz habe schließen lassen - aus Rücksicht auf die jüdischen Opfer und nach Protesten von jüdischen Organisationen. Weiter führen sie an, es wäre ebenso verfehlt, eine Kirche in der Nähe der Gedenkstätte von Srebrenica im Osten Bosniens bauen zu wollen, wo im Juli 1995 mehr als 8000 Muslime von serbischen Nationalisten ermordet worden sind. Am Recht der Muslime, die Moschee zu bauen, zweifelt kaum jemand; vielmehr wird weithin appelliert, aus Rücksicht auf die Opfer das Verfassungsrecht auf Religionsfreiheit anderswo wahrzunehmen.

Der Streit über die Moschee an Ground Zero spiegelt aber auch eine wachsende Sorge vieler Amerikaner vor dem heimischen islamistischen Terrorismus wider. Seit dem vorigen Jahrestag von „9/11“ hat es mindestens drei Anschläge beziehungsweise potentiell katastrophale Anschlagsversuche gegeben. Am 5. November 2009 erschoss der muslimische Heeres-Major Nidal Malik Hasan in der Garnison Fort Hood in Texas 13 unbewaffnete Kameraden und Zivilisten - das war der blutigste Terrorangriff seit „9/11“. Es folgten die glücklicherweise gescheiterten Anschläge auf ein Passagierflugzeug über Detroit am 26. Dezember und auf den Times Square in Manhattan vom 1. Mai. In allen drei Fällen versuchten die Regierung unter Präsident Barack Obama und Heimatschutzministerin Janet Napolitano zunächst, die Anschläge als isolierte Aktionen radikalisierter muslimischer Einzeltäter darzustellen. Nur nach und nach gaben die Behörden bekannt, dass es anders war: Tatsächlich verfolgten die Täter, die alle in den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Ländern sozialisiert wurden, eine islamistische Terroragenda und standen mit dem Terrornetz Al Qaida oder mit dem aus Amerika über London in den Jemen zurückgekehrten radikalen Imam Anwar al Aulaqi in Verbindung.

Mehr „Hassverbrechen“ gegen Juden als gegen Muslime

Im jüngsten Jahresbericht des amerikanischen Außenministeriums von Ende April über die weltweite terroristische Bedrohung wird ausdrücklich die wachsende Gefährdung der Vereinigten Staaten durch den heimischen Terrorismus hervorgehoben. Der Umstand, dass die - je nach Schätzung - 2,5 bis sieben Millionen Muslime in Amerika besser integriert sind als die Muslime in europäischen Staaten, ist gut acht Jahre nach „9/11“ für die Amerikaner kein Schutz mehr gegen „homegrown terrorism“.

Für Obama und seine Regierung aber stand und steht die Politik der „ausgestreckten Hand“ für die Beziehungen zur muslimischen Welt im Vordergrund. Im Inneren wurde versucht, die islamistischen Anschläge und Anschlagsversuche zu bagatellisieren, nach außen hin sollte Obamas Kairoer Rede vom Juni 2009 den Durchbruch zu Dialog und Freundschaft mit der muslimischen Welt schaffen. Doch wie der neue repräsentative „Survey of Global Attitudes“ des Washingtoner Meinungsforschungsinstituts Pew Center vom Juni ergab, ist die Sicht der Muslime in den meisten muslimisch geprägten Staaten auf Amerika anderthalb Jahre nach Obamas Machtantritt heute in etwa so negativ wie zu den Zeiten von George W. Bush. Dem steht die nach wie vor weithin positive Sicht und Toleranz der Amerikaner gegenüber Muslimen in aller Welt und in ihrer eigenen Nachbarschaft gegenüber. Trotz der Zunahme islamistisch motivierter Anschlagsversuche auf Heimatboden ist die Zahl der sogenannten Hassverbrechen gegen Muslime seit 2002 in den Vereinigten Staaten nicht gewachsen. Sie liegt unverändert bei weniger als 150 pro Jahr - und beträgt damit etwa ein Neuntel der Zahl der religiös motivierten Übergriffe gegen Juden und jüdische Einrichtungen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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