Im „Celestial Room“ kommen Schwester Brown abermals die Tränen. Auch vorher schon hat sie oft mit den Tränen gekämpft. Obwohl man nicht behaupten kann, dass die Mitglieder der „Church of Jesus Christ of Latter-day Saints“ (Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage) nur selten mit den Tränen kämpften. Im Gegenteil. Bei den Mormonen, wie die Gläubigen dieser vom Propheten Joseph Smith gegründeten Kirche allgemein genannt werden, wird viel geweint. Deshalb stehen überall Schachteln mit Taschentüchern bereit.
Eine solche Schachtel steht auch unter dem Monitor in einem der Räume des Gemeindehauses. Dort beginnt unser Rundgang durch den neuen Mormonen-Tempel von Kansas City im Bundesstaat Missouri. Der Tempel, der in dem Vorort mit dem treffenden Namen Pleasant Valley nördlich von Kansas City liegt, ist der 137. Tempel der Kirche weltweit und der 67. in den Vereinigten Staaten. Die Mormonen-Tempel haben nicht die Funktion von Kirchen wie bei Katholiken oder Protestanten, sie sind sonntags sogar meist geschlossen. Für den Gottesdienst am Sonntag sind bei den Mormonen die Kapellen und Gemeindehäuser da, und davon gibt es rund 18.000. Diese „Meeting Houses“ sind meist schmucklose Zweckbauten, allenfalls durch den spitzen Turm von einer städtischen Turnhalle zu unterscheiden. Umso prunkvoller sind dafür viele der Tempel der Mormonen. Sie gelten als jener heilige Ort, an welchem man die Gegenwart des himmlischen Vaters erfahren und dessen Wort hören kann.
Finanziert aus dem Entrichten des Zehnten
Der neue Tempel von Kansas City ist ganz gewiss prunkvoll. Die Fassade ist aus strahlend weißem Beton, das im ganzen Gebäude bestimmende Motiv des Olivenzweigs wird ausführlich in den Außenornamenten zitiert. Der Westturm erhebt sich gut 40 Meter hoch und ist von einer drei Meter hohen vergoldeten Statue des Engels Moroni mit Posaune gekrönt. Im Inneren kommen feinster Kalkstein, Granit und Marmor aus Indien, Pakistan und Mexiko zum Einsatz. In den Teppichböden und den Bleiglasfenstern, in den Lüstern und den Kandelabern, in den Deckenornamenten und gar in den Treppengeländern wird das Olivenzweigmuster wiederholt.
Was der Tempel von Kansas City genau gekostet hat, will die Kirche, deren Sitz sich seit 1847 in Salt Lake City im Bundesstaat Utah befindet, nicht sagen. Man deutet lediglich untertreibend an, es seien „gewiss mehr als zehn Millionen Dollar gewesen“. Gerne aber wird erwähnt, dass auf dem neuen Tempel, dessen Grundstein im Mai 2010 gelegt wurde, kein Cent Schulden lastet: Die Mormonen lassen nur bauen, was sie aus Erspartem bezahlen können. Und das kommt vor allem aus dem Zehnten zusammen, den jeder Mormone nach biblischem Gebot an die Kirche zu entrichten hat.
Weil die Mormonen den Tempel als heiligstes „Haus des Herrn“ betrachten, bleiben Tempel nach deren Weihung für Nichtmormonen verschlossen - und übrigens auch für jene Angehörigen der Kirche, deren gottgefälliger Lebenswandel nicht durch ihren örtlichen Bischof und den sogenannten Pfahlspräsidenten bestätigt wird. Die vom Bischof und vom Pfahlspräsidenten unterzeichneten Tempelkarten sind zwei Jahre lang gültig und werden beim Betreten des Tempels am Eingangspult kontrolliert.
Seit Jahr und Tag sieht sich die „Church of Jesus Christ of Latter-day Saints“ dem Verdacht ausgesetzt, in ihren Tempeln gehe es geheimbündlerisch zu. Dem tritt die Kirche mit dem Argument entgegen, ihre Tempel seien „heilig, nicht geheim“ und stünden vor der Weihung an Besuchstagen allen Bürgern offen. Bis zu 100.000 Besucher werden bis zur Weihung am 6. Mai durch Kirchenpräsident Thomas S. Monson erwartet. Diesen Strom zu bewältigen stellt eine erhebliche logistische Herausforderung dar. Freilich wird die Kirche diese mittels ihrer sprichwörtlichen Organisationsgabe und dank Heerscharen von Freiwilligen problemlos bewältigen. Dass der Mormone Mitt Romney bei den Wahlen vom 6. November als republikanischer Kandidat Präsident Barack Obama herausfordern dürfte, hat das Interesse an dieser jungen amerikanischen Religion mit weltweit 14 Millionen Mitgliedern zusätzlich gefördert.
Die ersten Besucher wurden am Karsamstag in kleinen Gruppen durch das blitzblank geputzte Gotteshaus geführt. Die Tour beginnt im Gemeindehaus gleich neben dem Tempel mit einem zwölf Minuten langen Video über die bewegte Geschichte der Mormonen. Als Gastgeber und Begleiter durch den Tempel stoßen die Eheleute zu uns, die nach mormonischer Gepflogenheit als „Elder Brown“ und „Sister Brown“ angesprochen werden. Sie tragen Schildchen mit der Aufschrift „Host“. Sister Brown bittet, im Tempel möglichst nicht zu sprechen - als Zeichen des Respekts vor diesem heiligen Ort. Vorab weist sie auf das zentrale Motiv des Olivenzweigs in der Architektur hin - dann greift sie schon zum Taschentuch.
Der Prophet Joseph Smith und das vergrabene Buch Mormon
Für die Mormonen sind die Ortschaften Independence und Liberty nahe Kansas City so etwas wie heilige Erinnerungsorte. In Palmyra war nach mormonischem Glauben dem damals 17 Jahre alten Propheten Joseph Smith 1823 der Engel Moroni erschienen und hatte ihn zu dem vergrabenen Buch Mormon geführt, das Smith durch göttliche Eingebung aus einer ihm unbekannten Sprache ins Englische übersetzte und dadurch die urchristliche Kirche wiederbelebte. In Independence und Liberty versuchten Smith und seine frühesten Gefolgsleute schon 1831 im Herzen des amerikanischen Kontinents das neue Zion zu errichten.
Hier, im Westen Missouris, glaubte Smith, der kurz zuvor vom Gründungsort seiner Kirche in Palmyra im Staat New York vertrieben worden war, jenen Ort zu erkennen, an dem einst Adam zur Erde wiederkehren und die Menschen in den Zustand vor dem Sündenfall zurückversetzen würde. Auch hier wurden Smith und die Mormonen der ersten Stunde wieder verfolgt, eingesperrt und vertrieben; sie flohen zunächst nach Nauvoo in Illinois und schließlich nach Salt Lake City in Utah. Dass die aus Missouri durch Beschluss des damaligen Gouverneurs Lilburn Boggs vertriebenen Mormonen nach 180 Jahren gleichsam mit einem Tempel zurückkehren und diesen mit dem Friedenssymbol des Olivenzweigs überladen, rührt Sister Brown zu Tränen.
Das irdische Vorzimmer zum Himmel
Dann geht es hinüber zum Tempel. Die Abenddämmerung senkt sich über die tadellos gepflegte Gartenanlage und das vom weißen Scheinwerferlicht bestrahlte Gotteshaus. Freiwillige streifen jedem Besucher Plastiküberzüge über die Schuhe. Im Erdgeschoss befindet sich das große Taufbecken, das auf den Schultern von zwölf Ochsen ruht, welche die zwölf Stämme Israels symbolisieren. Hier werden nicht nur die Kinder der Mormonen im Alter von etwa acht Jahren getauft, sondern auch verstorbene Vorfahren in Form der sogenannten Stellvertretertaufe. Auf einem Schild neben dem Taufbecken steht, dass dieser Akt des „proxy baptism“ nur dann Wirkung habe, wenn er von dem oder der Toten im Jenseits akzeptiert werde. Denn nach mormonischer Glaubensdoktrin leben Verstorbene als spirituelle Wesen mit der Fähigkeit zur Willensentscheidung bis zur leiblichen Auferstehung fort.
Im ersten Stock befinden sich die nach Geschlechtern getrennten Umkleidekabinen, wo die Alltagskleidung abgelegt und das weiße Tempelgewand angelegt wird. Auch ein erster Unterweisungsraum mit einer Art naturalistischem Garten-Eden-Ölgemälde eines ortsansässigen Künstlers findet sich hier. Im zweiten Stockwerk befindet sich neben einem weiteren „Instruction Room“ der „Sealing Room“. Dort werden Ehen für die Ewigkeit „gesiegelt“; als Symbol für die Fortdauer der familiären Bande auch nach dem Tod sind zwei Spiegel mit Goldrahmen so an zwei gegenüberliegenden Wänden aufgehängt, dass sich die Spiegelbilder scheinbar ins Unendliche fortsetzen.
Schließlich geht es in den „Celestial Room“, eine Art irdisches Vorzimmer zum Himmel, wo Sister Brown besonders ergriffen ist und zum Taschentuch greift. Dieser Raum „symbolisiert das Leben als ewige Familie mit unserem Himmlischen Vater und Seinem Sohn Jesus Christus“, heißt es in der Broschüre. Manchem Besucher auf der Tempeltour mag sich die Erhabenheit des Raums mit den schweren Sofas, der von einem riesigen Kandelaber mit Swarovski-Kristallen erleuchtet wird, nicht erschließen. Überhaupt gewinnen die Räume eines Mormonen-Tempels vor allem durch ihre dem Besucher letztlich verborgen bleibenden Rituale Bedeutung, nicht wegen ihrer Größe. Denn es gibt gar keine großen Räume.
Danke
Bettina Siebert (Bettinaa)
- 11.04.2012, 01:49 Uhr
Betreffs des Zehnten
Franz Müller (Franzy)
- 10.04.2012, 19:56 Uhr
Vertreibung der Mormonen
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 10.04.2012, 19:54 Uhr
Tempel und Mausoleen
Jochen Lankenau (Kraenholm)
- 10.04.2012, 16:12 Uhr
Sehr nette Menschen von denen man lernen kann
Stefan Neudorfer (sttn)
- 10.04.2012, 10:21 Uhr
