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Mordfall Politkowskaja Tschaikas Verdächtige

28.08.2007 ·  Der Europarat zeigt sich „zuversichtlich“, dass die russische Justiz den Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja „sorgfältig aufklärt“. Moskaus Generalstaatsanwalt Tschaika hält den Fall nach der Festnahme von zehn Verdächtigen dagegen schon für gelöst.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Für die russische Staatsanwaltschaft gilt der Fall Politkowskaja als gelöst. Zehn Tatverdächtige sitzen im Fall der im vergangenen Herbst erschossenen russischen Journalistin hinter Gittern. Der russische Generalstaatsanwalt Juri Tschaika machte schon Meldung bei Präsident Putin und hob hervor, dass man bei der Untersuchung des Verbrechens große Fortschritte gemacht habe. Außerdem ließ er wissen: „Die Person, die den Mord anordnete, lebt im Ausland.“

Damit zielte er unmissverständlich darauf ab, dass hinter dem Mord letztlich der im Londoner Exil lebende Oligarch Boris Beresowski stehe. Er gilt als Russlands Staatsfeind Nummer Eins. Für die zwischen dem 15. und 23. August festgenommenen Personen hatte Tschaika schon am Freitag acht Haftbefehle beantragt und sie zu Wochenbeginn vom Moskauer Basmannyj-Gericht erhalten. Einigen Häftlingen soll die Anklageschrift inzwischen vorgelegt worden sein. Die anderen würden sie innerhalb der nächsten Tage erhalten, teilte der Staatsanwalt mit. Es stünden jene hinter dem Mord, die das Land destabilisieren wollten und zurückwollten „zum alten System, in dem das Geld und Oligarchen herrschten“, sagte er.

Europarat hofft auf sorgfältige Ermittlungen

Der Europarat hat die jüngste Entwicklung im Mordfall Politkowskaja begrüßt. Die russische Justiz müsse nun alles daransetzen, um die volle Wahrheit über den Mord ans Licht zu bringen, forderte der Vorsitzende der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, René van der Linden. Er sei „zuversichtlich“, dass sorgfältige Ermittlungen zur vollständigen Aufklärung des Verbrechens führen würden.

Hörer des russischen Radiosenders „Echo Moskwy“ fanden die plötzliche Aufklärung des Mordfalls merkwürdig. In einer Blitzumfrage bezweifelten 83,5 Prozent der Anrufer die Version der Justiz, wonach die Hintermänner der Tat im Westen lebende „Staatsfeinde“ seien.

Russland zweitgefährlichstes Land für Journalisten

Anna Politkowskaja, die für ihre Bücher und Zeitungsreportagen über Menschenrechtsverletzungen in Russlands Krisenregionen preisgekrönte Reporterin, war im Oktober vergangenen Jahres im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses von einem offensichtlich bestellten Killer umgebracht worden. Die Reporterin hatte Präsident Putin und den tschetschenischen Präsidenten Kadyrow wiederholt offen angegriffen. Der russische Präsident, an dessen Geburtstag Frau Politkowskaja getötet wurde, verkündete damals im Ton eines Firmendirektors, der Schaden, den der Tod Frau Politkowskajas seinem Land zufüge, sei weit größer als der, den ihre Reportagen anrichteten.

Zwar hatte Putin weiter angekündigt, zur Aufklärung des Mordes würden besondere Anstrengungen unternommen. Doch Russland, das nach dem Irak für Journalisten als das gefährlichste Land gilt, hat schon allzu oft erlebt, dass investigative Reporter getötet wurden und das Verbrechen unaufgeklärt blieb. Auf der langen Opferliste stehen der erschossene Forbes-Herausgeber Paul Klebnikov, der vergiftete Mitarbeiter der „Novaya Gazeta“, Juri Schtschekotschichin, die Reporter Valeri Iwanow und Andrej Sidorow, die sich in der Wolgastadt Togliatti mit dem organisierten Verbrechen befasst hatten. Keiner der Fälle wurde gelöst.

Eine Aufklärung des Mordfalls ist wahrscheinlich

Doch wenigstens der Mord an der „Mutter Teresa“ des russischen Journalismus, wie Anna Politkowskaja genannt wurde, habe nun gute Chancen, aufgeklärt zu werden, ließ der Chef des Fahndungskomitees der Staatsanwaltschaft, Bastrykin, verlauten. Die Namen der Verhafteten, Auftraggeber und Tathergang unterliegen vorerst dem Fahndungsgeheimnis. Doch auch die Redaktionsmitglieder der „Novaya Gazeta“, die mit den Mitarbeitern der Staatsanwaltschaft kooperieren, loben deren Arbeit und nennen ihre Argumente überzeugend. Von den Festgenommen gehörten einige einer großen und prominenten Verbrecherorganisation an, die auf Auftragsmorde spezialisiert sei, ist von Frau Politkowskajas Kollegen zu erfahren. Die anderen seien Mitarbeiter oder frühere Mitarbeiter bei den Ordnungskräften oder Geheimdiensten, die auf Bestellung Razzien veranstalten oder Verbrechen vertuschen helfen.

Staatsanwalt Tschaika gab an, die Moskauer Gruppe sei von einem aus Tschetschenien stammenden Kriminellen angeführt worden. So zeichnet sich demnach ab, dass das Mordkommando eine Gruppe aus Verbrechern und Ordnungshütern war, über deren Verbindungen Anna Politkowskaja selbst oft berichtet hatte. Die Mörder waren ausgewiesene Profis. Anna Politkowskaja, die nach den Worten ihrer Kollegen ständig offen oder indirekt bedroht wurde, verhielt sich äußerst vorsichtig. Wann immer ihr Verfolger oder Merkwürdigkeiten auffielen, meldete sie sie der Redaktion. Doch während ihrer letzten sechs Lebenswochen war die Journalistin angreifbarer. Ihr Vater war gestorben, ihre Mutter lag im Krankenhaus, und ihre tägliche Route zwischen Wohnung und Klinik war leicht zu beschatten.

Knäuel aus Kriminellen und Staatsbediensteten

Die Redakteure der „Novaya Gazeta“ sind davon überzeugt, dass der Mord an Anna Politkowskaja die Auftraggeber viel Geld gekostet hat. Hinter dem Verbrechen müsse ein äußerst professionelles und weit gespanntes Netz stecken, glauben sie. So erklären sie sich auch, dass die Fahndung sich schon so lange hinzieht. Verdächtige einflussreiche Politiker wie etwa Präsidentenberater Schuwalow und Kadyrow, die sich bisweilen verächtlich über Frau Politkowskaja geäußert hatten, wurden demnach gar nicht erst verhört.

Sollte den Fahndern ermöglicht werden, das Knäuel von Geschäftsbeziehungen zwischen Kriminellen und Staatsbediensteten zu entwirren, würden sich viele ungeklärte Fälle endlich lösen können. Es bleibe zu hoffen, dass keine übergeordnete Zweckmäßigkeit der Aufklärung einen Riegel vorschiebt, schreibt die „Novaya Gazeta“. Dass die Namen der in der Anklageschrift aufgeführten Auftraggeber mit denen der wirklichen Auftraggeber identisch sind, sei nicht garantiert. Doch sollten die Namen divergieren, mahnen die zum Schweigen verpflichteten Reporter, dann liege die Schuld nicht bei den Fahndern.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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