Home
http://www.faz.net/-gq5-11lgj
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mordfall Markelow Gefährliche Berufe in Russland

23.01.2009 ·  Er hat zwei Menschen im belebten Straßengewirr von Moskau von hinten in den Kopf geschossen. Dennoch konnte sich der Mörder des Menschenrechtlers Stanislaw Markelow unbehelligt davon machen. Die Ermittler stochern im Dunkeln.

Von Michael Ludwig, Moskau
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Mörder konnte sich unbehelligt davon machen. Irgendwo im belebten Straßengewirr zwischen dem Gogol-Boulevard und der Metrostation, die nach Pjotr Kropotkin, dem russischen Anarchisten aus fürstlichem Geschlecht, benannt ist, muss er am Montagnachmittag verschwunden sein, nachdem er zwei Menschen von hinten in den Kopf geschossen hatte.

Vor einem Haus in der Pretschistenka-Straße blieben der tote Körper des 34 Jahre alten Anwalts Stanislaw Markelow zurück und eine schwer verletzte junge Frau, Anastassija Baburowa, die einige Stunden später starb. Die 25 Jahre alte Journalistikstudentin hatte als freie Mitarbeiterin für die unabhängige Zeitung „Nowaja Gaseta“ gearbeitet, bei der auch die im Herbst 2006 ermordete Anna Politkowskaja tätig war.

„Faschisten morden und die Staatsmacht schaut zu!“

In Moskau gedachten am Tag nach den Morden mehrere hundert Menschen den Opfern. In der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyj, in der es Demonstrationen sonst nur gibt, wenn die regionale Staatsmacht die Aufmärsche will, gingen gar Tausende auf die Straße. Als am Mittwoch in der russischen Hauptstadt einige hundert Anarchisten mit der Losung „Faschisten morden und die Staatsmacht schaut zu!“ gegen die Morde protestierten, schlugen Sondereinheiten der Miliz zu.

Markelow war ein Anwalt, der sich mit Menschenrechtsfragen befasste. „Zum Geldverdienen“ habe er auch viele ganz gewöhnliche Aufträge bearbeitet, sagen diejenigen, die seine Arbeit kannten. Dass sein besonderes Interesse jedoch der Verteidigung der Bürgerrechte galt, heben alle hervor, die sich jetzt über Markelow äußern - mit einer Ausnahme: der Staatsmacht. Neun Jahre lang leitete Markelow eine Organisation namens „Institut für die Herrschaft des Rechts“, die sich dafür engagierte, dass Russland ein Rechtsstaat wird. Sein letzter Auftrag war der Versuch, die vorzeitige Haftentlassung des Kriegsverbrechers Jurij Budanow rückgängig zu machen, eines Offiziers, der im zweiten Tschetschenienkrieg ein Mädchen vergewaltigt und ermordet hatte. Er vertrat auch den Moskauer Journalisten Michail Betekow, der die lokale Staatsmacht in dem Moskauer Vorort Chimki durch seine Nachforschung über Korruption so erzürnte, dass er vor kurzem von Unbekannten fast totgeschlagen wurde.

Viele Spekulationen

Die Ermittlern im Mordfall Markelow scheinen im Nebel zu stochern. Es gibt kein Phantombild des Täters, und auch die Aufnahmen einer Überwachungskamera am Tatort können angeblich nichts zu seiner Identifizierung beitragen. Für Spekulationen, wer Markelow getötet haben könnte, gibt es ein weites Feld. Von Anfang an vermuteten Bürgerrechtler, dass extreme russische Nationalisten, die Budanow als Helden verehren, hinter der Tat stehen könnten.

Die Menschenrechtsorganisation Memorial brachte den Text einer SMS in Umlauf, in der Markelow wegen seines Vorgehens im Fall Budanow mit dem Tod gedroht worden war. Markelow selbst hatte Freunden von Drohungen aus der „nationalistischen Ecke“ erzählt. Vor einiger Zeit hatten ihn Skinheads „wegen Budanow“ verprügelt. Andere vermuteten, Budanow selbst könne der Drahtzieher sei, was er freilich bestreitet. Wieder andere beklagen, ohne Namen zu nennen, Markelow sei „ein Opfer des politischen Regimes“ in Russland geworden.

Und dann gibt es da noch die Anhänger einer „tschetschenischen Spur“ in dem Mordfall. Sie glauben, der moskautreue tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow habe die Gelegenheit genutzt, Markelows ermorden zu lassen und die Tat russischen Nationalisten anzuhängen. Als Erklärung wird angeboten, dass Markelow „irgendwie“ mit den Recherchen der „Nowaja Gaseta“ über den unaufgeklärten Mord an Anna Politkowskaja zu tun gehabt und womöglich bei seinem letzten Besuch in Tschetschenien Belastendes über Kadyrow als Auftraggeber herausgefunden habe. In Moskau, wo Tschetschenen in den vergangenen Jahren in mindestens zwei Fällen Gegner Kadyrows ermordet haben, scheint manchen dieser Verdacht nicht weit her geholt zu sein.

Ungerechtfertigt politisiert

Die russische Staatsmacht will derweil verhindern, dass die Morde an Baburowa und Markelow „ungerechtfertigt politisiert“ werden. Zumindest Frau Baburowa sei zufällig umgekommen, ließen Außen- und Innenministerium am Donnerstag mitteilen. Das Innenministerium legte Wert auf den Zusatz, dass offenbar dunkle Mächte abermals - wie im Falle von Politkowskajas Tod - versuchten, mit unerhörten Verdächtigungen Russland in Misskredit zu bringen, indem sie die Morde als Beweise für die Einschränkung der Pressefreiheit oder die Verfolgung von Menschenrechtlern ausgeben.

Aleksandr Lebedjew, Miteigentümer der „Nowaja Gaseta“ gab der Staatsmacht am Donnerstag eine Antwort, die ihr kaum gefallen dürfte. Er forderte den Geheimdienst FSB auf, Journalisten zu bewaffnen, wenn der Staat sie schon nicht zu schützen wisse. Das sei zwar eine außergewöhnliche, aber zumindest im Fall der „Nowaja Gaseta“-Journalisten eine begründete Bitte. Denn diese Zeitung befasse sich mit brisanten Nachforschungen. Dass „investigativer“ Journalismus tödliche Gefahren für die Reporter birgt, hat die „Nowaja Gaseta“ nun schon zum vierten Mal erfahren.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Nie wieder Steuersenkungen?

Von Jasper von Altenbockum

Diese Woche hat gezeigt, wie sehr die Schuldenbremse schon den föderalen Alltag bestimmt. Wenn es nach der SPD ginge, könnte es ihretwegen wohl so schnell nicht wieder Steuersenkungen geben. Mehr 5 5