17.07.2010 · Ein Jahr nach dem Mord an der russischen Bürgerrechtlerin Natalja Estemirowa ist der Täter noch immer nicht gefunden. Russlands Präsident Medwedjew erklärte nun, dass der Täter ermittelt sei und nach ihm gefahndet werde. Doch etliche Widersprüche bleiben.
Von Michael Ludwig, MoskauEin Jahr nach der Ermordung der tschetschenisch-russischen Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa wartet die Welt noch immer auf das Ergebnis der Ermittlungen, auf die Verhaftung der Täter und die Aufklärung darüber, wer den Mord in Auftrag gab. Russlands Präsident Medwedjew hat die drängenden Fragen am Jahrestag dieses Mordes zwar nicht beantwortet, aber immerhin mitgeteilt, dass der Täter angeblich ermittelt sei und nach ihm gefahndet werde.
Darüber hinaus werde alles unternommen, um auch die Hintermänner des Mordes an Frau Estemirowa zu fassen, die für die Menschenrechtsorganisation Memorial in Grosnyj gearbeitet hatte, bevor sie am 15. Juli 2009 vor ihrem Haus in der tschetschenischen Hauptstadt entführt und noch am gleichen Tag mit Schüssen aus einer Pistole getötet wurde.
Medwedjews Äußerung gibt neue Rätsel auf
Freunde und Mitarbeiter von Frau Estemirowa zeigten sich keineswegs erleichtert über Medwedjews Äußerung, weil diese, statt Klarheit zu schaffen, nur neue Rätsel aufgegeben habe. Denn wie könne nach einem Täter gefahndet werden, der doch als tot gelte, hieß es. Schließlich sei den Leuten von Memorial aus Kreisen der Ermittler immer wieder bedeutet worden, dass ein Mann aus dem bewaffneten tschetschenischen Untergrund, Alchasur Baschajew, gemeinsam mit unbekannten Helfern Frau Estemirowa entführt und ermordet habe. So stehe es auch in einem internen Bericht der Ermittler von Ende März.
Baschajew sei jedoch bei einem Raketenangriff der Sicherheitskräfte gegen ein Lager der Untergrundkämpfer (Bojewiki) im November 2009 getötet worden. Das jedenfalls hatte damals der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow behauptet.
Die Zeitung „Kommersant“ berichtete am Freitag unter Hinweis auf Gewährsleute in der zuständigen russischen Staatsanwaltschaft, dass der Mann, nach dem gesucht werde, als Mittäter Baschajews ermittelt worden sei. Von dessen Aussagen verspreche man sich auch Aufschluss über Auftraggeber des Mordes an Natalja Estemirowa. Den Namen dieses Mannes wollten die Gewährsleute der Zeitung jedoch nicht nennen, weil dies die Fahndung gefährden und die Auftraggeber des Mordes veranlassen könne, sich aus dem Staub zu machen.
Mordwaffe samt Passbild am Tatort „gefunden“
Die Ermittler haben sich bei ihrer Version des Mordes an Frau Estemirowa einerseits auf Hinweise gestützt, dass diese Mitarbeiterin von Memorial Berichten nachgegangen sei, in denen davon die Rede war, dass eine Untergrundzelle (Dschmaat) in dem tschetschenischen Dorf Schalaschi versucht habe, unter jungen Männern Bojewiki anzuwerben, und Baschajew dabei eine besondere Rolle gespielt habe. Im Bulletin von Memorial habe darüber berichtet werden sollen.
Baschajew habe sich deshalb an Frau Estemirowa rächen wollen und sie getötet. Vor allem aber entdeckten die Ermittler in einem Versteck in Schalaschi die Mordwaffe, einen gefälschten Milizausweis mit dem Passbild Baschajews, der diesen dazu berechtigte, unbehelligt Kontrollposten der Sicherheitskräfte zu passieren. Darüber hinaus sei in dem Versteck auch ein Foto von Natalja Estemirowa gefunden worden, schrieb der „Kommersant“ am Freitag. Der Leiter von Memorial, Oleg Orlow, sagte, es sei kaum zu glauben, dass Baschajew nach der Tat die Tatwaffe und ein auf seinen Namen gefälschtes Personaldokument in einem Versteck habe liegen lassen. Er wundere sich, dass die Ermittler nicht gleich auch noch ein von Baschajew unterzeichnetes Geständnis an diesem Ort sichergestellt hätten.
Memorial: Kadyrow für Mord verantwortlich
Mitarbeiter von Memorial und unabhängige russische Journalisten halten ohnehin eine andere als die von den offiziellen Ermittlern präsentierte Version des Mordes an Frau Estemirowa für wahrscheinlicher. Orlow hatte Kadyrow politisch für den Mord verantwortlich gemacht. Die Zeitung „Nowaja Gaseta“ schrieb dieser Tage, Frau Estemirowa habe im Sommer 2009 in Interviews das Unwesen einer Gruppe der Kadyrow-Miliz – ähnlich wie die drei Jahre zuvor ermordete Journalistin Anna Politkowskaja – gebrandmarkt, der Entführungen, Folter und Mord vorgeworfen wurden. Kurz vor ihrem Tod habe Frau Estemirowa zudem einen konkreten Fall öffentlich aufgegriffen, in dem ein Mann vor den Augen seiner Verwandten und der Dorfbewohner von Angehörigen dieser Milizeinheit einfach so, „zur Abschreckung“, erschossen worden war.
Das könne ein Motiv gewesen sein, die unbequeme Kritikerin umzubringen. Anfangs sei diese Möglichkeit von den Ermittlern der Staatsanwaltschaft auch in den Blick genommen worden. Aber seit Beginn dieses Jahres habe dann der Inlandsgeheimdienst FSB bei den Ermittlungen das Heft in die Hand genommen. Danach sei mit Hochdruck die jetzt gültige Version „konstruiert“ worden, in der eine mögliche Verwicklung der Staatsorgane ausgeschlossen werde.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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