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Moldau Der unerbittliche Takt des Elends

Das Schicksal hat es nicht gut gemeint mit Moldau. Einst ein stolzes Fürstentum, liegt es eingekeilt zwischen Europäischer Union, der Ukraine und den Resten des russischen Imperiums. Mit Weinanbau versucht das Land sich zu behaupten.

© Nick Hannes/Reporters/laif Unverdrossen: Fröhliche Arbeiter in den Weinbergen Moldaus nahe Chișinau

Die Sonne hat es schwer über Chişinau. Seit Tagen vermag das Licht kaum den feuchtkalten Nebel zu durchdringen. „Verfluchte Stadt Kischinjow, die Zunge wird nicht müde, dich zu beschimpfen“, wütete einst der spätere russische Nationaldichter Alexander Sergejewitsch Puschkin. Wegen einiger Spottverse hatte man ihn zwischen 1820 und 1823 in die trostlose Stadt am äußersten südwestlichen Rand des Zarenreiches verbannt. Knapp zwei Jahrhunderte sind seither vergangen. Doch das Schicksal hat es mit dem Landstrich im Dreieck zwischen den Flüssen Pruth und Nistru (Dnjester), den die Russen einst Bessarabien tauften, nicht gut gemeint.

Daniel Deckers Folgen:

In der Frühe haben Frauen in den Dörfern rings um die Hauptstadt ihre Bündel mit Schafs- und Ziegenkäse gepackt, mit lehmverschmierten Schuhen in das Dunkel gestarrt, ehe der Bus die wortlosen Gestalten verschluckte und sie im Halbdunkel des Busbahnhofs hinter dem zentralen Marktplatz an der Armeneasca-Straße wieder ausspie. Dicht an dicht bieten sie nun in einer hellerleuchteten Halle ihre cremig-salzigen Köstlichkeiten feil, eher mit Gesten und Blicken als mit Worten um die Gunst der Käufer buhlend.

Draußen, im funzeligen Licht der Glühbirnen, können die Marktstände ihre Last kaum tragen. Kunstvoll gestapelte Granatäpfel, Pyramiden aus Knoblauch, Berge von Zitronen, kleine pockige Gurken, höllenscharfe Paprika, Zwiebeln in allen Größen und Farben - wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik zwischen 1945 und 1991 zusammen mit der Georgischen SSR der Obstkorb und der Gemüsegarten des Riesenreiches war, dann liegt er hier.

Nicht das Ende Europas sondern Europa am Ende

Der bescheidene Wohlstand in Moldau gehört aber ebenso der Vergangenheit an wie die vor zwanzig Jahren untergegangene Sowjetunion. Das Landwirtschaftsministerium in Chişinau, das zu Sowjetzeiten mit 300 Mitarbeitern ein hohes und hässliches Betonungetüm neben dem Präsidentenpalast ausfüllte, ist heute auf wenigen Etagen zusammengepfercht. Streunende Hunde geben den Passanten das Geleit. Das einst stolze Moldau, das vor Zeiten ein Fürstentum war, ist heute ein Niemandsland, eingekeilt zwischen Rumänien und der Europäischen Union im Westen und der Ukraine und den Resten des russischen Imperiums im Osten.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Moldau ein Land, das über Nacht von der Planwirtschaft in die Anarchie stürzte und das sich bis heute nicht von dem Schock des Jahres 1991 erholt hat. Der halbwegs industrialisierte, von ethnischen Russen dominierte Saum am Ostufer des Nistru sagte sich schon ein Jahr nach der Unabhängigkeit als „Transnistrien“ von der Republik Moldau los, die Rückkehr in den Staatsverband mit seiner rumänischsprachigen Bevölkerungsmehrheit wird immer unwahrscheinlicher. Weil es ihm an eigenen Energieträgern mangelt, ist Moldau noch immer abhängig von Russland, und die Herren im Kreml lassen die Moldauer gerne ihre Macht spüren.

Keine Worte, nur einen Blick in die Gesichter und in die Häuser braucht es, um zu wissen, dass Moldau auch zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit das noch immer mit weitem Abstand ärmste Land Europas ist. Moldau verzeichnet eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit, fast ein Viertel der arbeitsfähigen Moldauer hat das Land in alle Himmelsrichtungen verlassen. Allein das Geld, das die Putzfrauen und Handlanger, die Schwarzarbeiter und Prostituierten aus Moskau, Mailand oder Wien schicken, erhält die Alten und die in die Hunderttausende gehende Zahl der elternlosen Kinder, ja eigentlich das ganze Land am Leben. Moldau, das ist nicht das Ende Europas, das ist Europa am Ende.

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