13.10.2006 · Als junger Professor für Wirtschaftswissenschaften schämte sich Mohammad Yunus für seine Arroganz den Armen gegenüber. Er gründete die „Dorf-Bank“ und half ihnen mit zinsgünstigem Kapital, aus der Armut auszubrechen.
Von Christoph HeinWieviel sind 5 Dollar, wieviel 50 Dollar? Viel, wenn man nichts hat. Genug, um sich etwa in Indien, Uganda oder Bolivien eine Töpferdrehscheibe, einen Mühlstein oder einen Pflug zu kaufen. Genug, um damit seine Zukunft zu schmieden. „Die Armen können ihr Potential nicht heben. Die Gesellschaft verweigert ihnen die Nutzung ihrer Möglichkeiten“, sagt Mohammed Yunus. „Die Menschen brauchen keine Geschenke. Sie brauchen Chancen.“ Bettlern gibt er grundsätzlich nichts.
Chancen aber bekommen alle, die bei der Grameen-Bank in Bangladesch anklopfen. Deren Kleinstkredite, die oft nur ein paar Dollar betragen, setzen einen Kreislauf von Ideen, unternehmerischem Wagemut und Wachstum in Gang. Am Ende erhält die Bank ihr Geld zurück, und die Kreditnehmer befreien sich schrittweise aus ihrem Elend. Yunus hatte die Idee. Und er setzte sie mit aller Konsequenz ins Werk.
Kein Mangel an Anerkennung
Über einen Mangel an Anerkennung braucht sich der Vater der globalen Mikrokredit-Bewegung wahrlich nicht zu beklagen. Schon 1994 hatte der damalige amerikanische Präsident Clinton ihn für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Es dauerte zwölf Jahre, bis er und seine Bank ihn nun erhalten.
Den Friedensnobelpreis 2006 erhält ein Armenprojekt in Bangladesh. Muhammad Yunus und die Grameen-Bank würden für ihre Bemühungen um eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung von unten ausgezeichnet, teilte das Nobelpreis-Komitee in Oslo mit.
Zwischenzeitlich sollte Yunus als Vizeministerpräsident sein Land führen, erhielt den Welternährungspreis und unzählige weitere Auszeichnungen. Längst schon ist der Professor der bekannteste Bürger Bangladeschs. Viel wichtiger aber ist ihm: Seine Idee hat Schule gemacht. Dies, und nicht die persönliche Anerkennung, erfüllt den 66 Jahre alten Mann mit Stolz.
Keinen Anteil an der Grameen-Bank
Sein Leben hat er dem Kampf gegen die Armut gewidmet. Er selbst hat keine Reichtümer angehäuft, hält keinen Anteil an der Grameen-Bank. Dabei war ihm ganz anderes in die Wiege gelegt: Yunus, geboren in der heruntergekommenen Hafenstadt Chittagong, entstammt einer angesehenen Familien. Der Vater, ein Juwelier, schickte ihn auf die beste Schule. Er studierte, wurde Volkswirt. Er ging nach Amerika, lehrte in Tennessee.
Doch immer blieb ein Unbehagen. Während er seine Karriere vorantrieb, hungerte sein Volk. 1972 kehrte er heim nach Chittagong, um dort eine Professur anzunehmen. Doch bei der großen Flut 1974 hielt es ihn nicht länger zwischen Hörsaal und Studierstube.
„Über die Armut um uns herum wußten wir nichts“
„Wir Professoren waren alle so klug. Doch über die Armut um uns herum wußten wir nichts.“ Der Ökonom erkannte, daß Hilfsgelder allein nicht reichten, die Armut zu bekämpfen. 27 Dollar lieh er Frauen, die aus Bambusrohr Stühle flochten. Die Saat ging an. Drei Dekaden später ist die vom „Banker für die Armen“ gegründete Grameen-Bank Leitbild einer globalen Mikrofinanzbranche.
Der Vater der Bewegung wird nicht müde, seine Idee zu vertreten, mit einfachen Worten, aber ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: „Als ich anfing, hatte ich keine Ahnung. Ich fand die Welt einfach ungerecht. Die Banken verleihen nur Geld an die, die schon welches haben. Dabei sollte es andersherum sein: Zuerst müssen die dran sein, die nichts haben. Sein größtes Verdienst ist, erkannt zu haben, welches Potential in den Armen steckt. Und diese Erkenntnis mit aller Konsequenz zu vertreten.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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