12.03.2009 · Während sich die Afghanen zunehmend für Aussöhnung und Dialog mit den Taliban aussprechen, scheint der amerikanische Präsident Obama vor allem lokale Anführer aus der Bewegung herauslösen zu wollen - um sie zu spalten.
Von Friederike Böge, KabulSaid Scharif Yusofi hat eine ganze Sammlung mit Fotos von „gemäßigten Taliban“. Die zwölf besten Bilder will er nun als Kalender drucken lassen, um sie an Büros im ganzen Land zu verteilen.
Das afghanische Neujahr steht bevor, und Kalender sind bei Organisationen in Kabul ein beliebtes Marketinginstrument. So auch bei der Kommission für Frieden und Versöhnung. Seit ihrer Gründung vor vier Jahren habe die Organisation mehr als 8000 ehemalige Taliban und Mitglieder der militanten Hizb-e Islami aus Pakistan zurück ins Land geholt, sagt Kommissionssprecher Yusofi. „Sie waren des Kämpfens überdrüssig.“
Mit Aufständischen im Gespräch
Sie hätten ihre Waffen abgegeben und im Gegenzug ein Stück Land bekommen. Zudem hätten sie eine Urkunde erhalten, die sie vor der Festnahme durch die Polizei und internationale Truppen bewahren solle. Schließlich seien sie mit der neuen afghanischen Verfassung vertraut gemacht worden, sagt Yusofi, der früher zehn Jahre lang Botschafter im Irak war.
Die „Kommission für Frieden und Versöhnung“ ist eine von mehreren Initiativen, mit denen die afghanische Regierung seit einigen Jahren versucht, mit Aufständischen ins Gespräch zu kommen. Doch bislang waren diese Bemühungen widersprüchlich und zögerlich – auch deshalb, weil sie von Afghanistans wichtigstem Verbündeten, den Vereinigten Staaten, misstrauisch beäugt wurden.
Seit der amerikanische Präsident Barack Obama am Wochenende einen Dialog mit moderaten Taliban ins Gespräch gebracht hat, wird auch in Kabul wieder intensiv über Verhandlungen mit den Aufständischen diskutiert. Yusofis Kommission dürfte allerdings kaum Teil der neuen amerikanischen Strategie werden. Wegen ausbleibender Erfolge und Korruptionsvorwürfen stellten die Vereinigten Staaten die finanzielle Förderung schon vor zwei Jahren ein. „Es ist ihnen nicht gelungen, einen einzigen Kommandeur zum Aufgeben zu bewegen“, sagt Haroun Mir von der Forschungseinrichtung „Afghanistan Center for Research and Policy Studies“ in Kabul.
Kontakte zu gesprächsbereiten Militanten
Zudem habe sich die Kommission wiederholt für die Freilassung von inhaftierten Regierungsgegnern stark gemacht, die anschließend weitere Terrorakte verübt hätten. Jüngstes Beispiel ist der im Taliban-Untergrundgouverneur der Provinz Badghis, Mullah Dastagir. Er wurde auf Anordnung von Präsident Hamid Karzai aus der Untersuchungshaft entlassen und verübte anschließend einen Anschlag auf einen Armeekonvoi, bei dem 13 afghanische Soldaten getötet wurden.
Vorsichtige Hoffnung setzen viele Afghanen dagegen in die Initiative des saudischen Königshauses, das im Oktober 2008 Vertreter der Regierung Karzai und der früheren Talibanregierung nach Mekka einlud. Unter den Teilnehmern war zum Beispiel der damalige Taliban-Botschafter in Pakistan, Mullah Abdul Salaam Zaif, der mehrere Jahre in Guantánamo verbracht hat und heute in Kabul lebt. Dem Vernehmen nach waren aber keine Vertreter der aktuellen Talibanführung anwesend.
Offenbar gibt es Bemühungen, über Ehemalige wie Zaif Kontakte zu gesprächsbereiten Militanten aufzunehmen. Der afghanische Senator Arsallah Rahmani, der in Mekka dabei war, sagte der Presse: „Wir versuchen eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, damit wir uns irgendwo in Afghanistan treffen können.“
Saudi-Arabien könnte Druck machen
Ein ehemaliger Taliban-Diplomat sagte dagegen in Kabul, ein solches Treffen habe in Kandahar schon stattgefunden. Karzai sei durch seinen Bruder Qayum vertreten worden. Offiziell haben die Taliban bisher alle Berichte über Verhandlungen zurückgewiesen. Die Einbindung Saudi-Arabiens könnte nach Ansicht von Diplomaten jedoch den Druck auf die Islamisten erhöhen. Riad gilt unter konservativen Sunniten als moralische Instanz.
Allerdings gibt es in Kabul auch Vermutungen, dass die neue Offenheit, mit der die Regierung über potenzielle Verhandlungen spricht, eher dem derzeitigen Wahlkampf geschuldet ist. Manche bezweifeln, dass die Taliban an Gesprächen interessiert sein könnten. „So lange sie sich in Quetta frei bewegen und ihre Trainingscamps in Pakistan betreiben können, gibt es für sie keinen Grund zu verhandeln“, sagt Haroun Mir vom „Afghanistan Center for Research and Policy Studies“.
Zudem hätten sie die militärische Erfolge gestärkt. Die Angriffe der vergangenen Monate auf Ministerien, ein Luxushotel und den Präsidenten selbst haben deutlich gemacht, dass die Extremisten inzwischen viel besser trainiert sind. Der afghanische Talibanführer Mullah Omar hat die pakistanischen Talibanfraktionen nach Medienberichten unlängst zu einer gemeinsamen Frühjahrsoffensive gegen die ausländischen Truppen in Afghanistan aufgerufen.
Vereinigung von Stammesführern und Islamisten
Die von Präsident Obama angedeutete Bereitschaft, mit gemäßigten Taliban in Kontakt zu treten, scheint allerdings eher darauf abzuzielen, lokale Kommandeure aus der Bewegung herauszulösen, die aus den unterschiedlichsten Gründen mit den Extremisten kooperieren. Unter dem Namen Taliban vereinen sich nicht nur radikale Islamisten, sondern auch Stammesführer, die sich von der Regierung übergangen fühlen oder sich gegen lokale Rivalen zur Wehr setzen; ebenso Kriminelle und Drogenbarone, die die Verbindung zu den Aufständischen aus opportunistischen Gründen suchen.
Afghanische Stammesführer sind bekannt dafür, dass sie schnell die Seiten wechseln, wenn es ihnen Vorteile verschafft. „Dieses Spiel wird in Afghanistan seit 20 Jahren gespielt“, sagt Haroun Mir. Auch die sowjetischen Truppen hätten viele Mudschaheddin-Führer bezahlt. Der Erfolg dieser Strategie sei allerdings fraglich: „Diese Leute nehmen von beiden Seiten Geld. Sie nennen sich nur Taliban, aber zu den wirklichen Führern haben sie keinen Zugang.“
Auch der ehemalige Taliban-Diplomat Wahid Mujhda hält die Diskussion über „moderate“ Aufständische für kontraproduktiv. „Um das Problem zu lösen, muss man mit denen sprechen, die es verursachen; nicht mit denen, die zuhause sitzen“, sagt Mujhda, der heute als Publizist arbeitet. Bislang hätten die Vereinigten Staaten Verhandlungen mit der Führungsriege der Taliban eher erschwert, sagt er – unter anderem deshalb, weil sie nicht bereit seien, UN-Sanktionen gegen 140 Mitglieder der Taliban zu streichen.
Gemischte Gefühle in Afghanistan
Afghanistans Präsident Karzai hat den Vorstoß aus Washington derweil gutgeheißen. Allerdings ist unklar, inwieweit er lokale Initiativen des amerikanischen Militärs gutheißen würde. Sein Sprecher sagte zu dem Thema: „Jede Art der Verhandlung muss von der afghanischen Regierung angeführt werden.“
Die Afghanen verfolgen die Diskussion mit gemischten Gefühlen. In liberalen Kreisen wird befürchtet, dass eine Einbindung der Taliban zu einer weiteren Islamisierung der Gesellschaft führen könnte. Allerdings scheint sich ein allgemeiner Konsens herauszubilden, dass eine militärische Lösung unwahrscheinlich ist. S
elbst unter Kabuler Frauenrechtsaktivistinnen gibt es deshalb inzwischen Stimmen, die sich für Verhandlungen aussprechen. „Wir wollen Frieden durch politischen Dialog mit den Taliban und mit der Hizb-e Islami“, sagte Fatana Gailani, die Leiterin des Afghanischen Frauenrats, am Sonntag bei einer Veranstaltung zum internationalen Frauentag. Sie fügte hinzu: „Nach 30 Jahren Krieg sind wir müde.“