Home
http://www.faz.net/-gq5-ztk0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mit Glos in Bagdad Siebeneinhalb Stunden in der No-go-area

14.07.2008 ·  Hans-Dietrich Genscher war der letzte deutsche Minister, der nach Bagdad flog. Dann kam das Embargo und die Zeit der Kriege. Seit Schröder gegen den amerikanischen Einmarsch auftrat, wagte sich erst recht kein Kabinettsmitglied mehr an den Tigris. Wirtschaftsminister Glos brach jetzt als erster das Tabu. Im Irak wurde er mit offenen Armen empfangen. Ein Reisebericht von Berthold Kohler.

Von Berthold Kohler, Bagdad
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Rote Zonen schrecken Michael Glos nicht mehr. Schließlich ist er schon drei Jahre lang Minister der großen Koalition. So ausgerüstet traue er sich sogar in die SPD-Fraktion, witzelt der für seine Neigung zu Ironie (über sich selbst) und Spott (über andere) bekannte Unterfranke, als ihm auf dem Bagdader Flughafen ein GSG-9-Mann die Splitterschutzweste anlegt und den Stahlhelm aufsetzt. Bei 45 Grad im Schatten und einem Wind, der den Besuchern aus Deutschland die Hitze des Iraks ins Gesicht bläst wie ein Heißluftherd.

Die „red zone“ der irakischen Hauptstadt, für die der Wirtschaftsminister gewappnet wird, hätte ihm eigentlich erspart werden sollen, jedenfalls die Fahrt durch sie. Doch einer der amerikanischen „Black Hawk“-Hubschrauber, der Glos und seine Begleiter in die sogenannte sichere, die „grüne“ Zone bringen soll, muss seine schon laufende Turbine wieder abstellen; aus technischen Gründen, wie es zunächst heißt. Später wird von einer veränderten Bedrohungslage gesprochen.

Bollwerk Bagdad

Jedenfalls muss Glos den letzten Teil seiner Reise doch noch auf dem Landweg antreten, durch die Betonschluchten Bagdads. Die wenigen Begleiter, darunter ein fröhlich gestimmter Zementproduzent, folgen in unförmigen, gepanzerten Gefährten mit Schießscharten, die wie eine Kreuzung aus Geld- und Gefangenentransporter aussehen; „Rhinos“ nennen sie die Amerikaner.

Mit Glos in Bagdad: Siebeneinhalb Stunden in der No-go-area

Durch diese kleine Programmänderung bekommt der Minister immerhin gleich zu Gesicht, wie jene „verbesserte Sicherheitslage“ aussieht, von der die Amerikaner, die Iraker und später auch er selbst sprechen. Bagdad, ob rote oder grüne Zone, ist ein Labyrinth aus Betonfertigteilen, die, fünf bis acht Meter hoch, kilometerlang die Straßen säumen und sich vor Checkpoints und Residenzen zu verwinkelten Bollwerken zusammenziehen - die Mutter aller Festungen.

Selbst Bushaltestellen gleichen hier noch Vorwerken der Maginot-Linie. Dazwischen Soldaten, Söldner, Sandsäcke. Die schier endlosen Wälle aus Betonfertigteilen sollen die Iraker wie die ausländischen Truppen vor Mörserangriffen und Bombenanschlägen schützen, ohne die auch heute noch kaum ein Tag in Bagdad vergeht.

Den Terror niederhalten

Doch im Vergleich zum Höhepunkt der Terroranschläge zu Beginn des vergangenen Jahres ist dieses Bagdad fast schon eine Oase des Friedens. Die Verstärkung der amerikanischen Streitkräfte hat sich ausgezahlt. Auch die irakische Armee ist mehr und mehr selbst in der Lage, Milizen und Al-Qaida-Terroristen niederzuhalten.

Nach dem kurdischen Norden, in dem der Wiederaufbau schon weit vorangeschritten ist, kommt nun auch weiter im Süden langsam wieder Bewegung in das in den Jahren des Embargos, des Krieges und des Terrors erstarrte Wirtschaftsleben. Das kann man schon daran erkennen, dass in den vergangenen Wochen und Monaten Minister und Investoren aus aller Herren Länder nach Bagdad geflogen sind, um sich einen Anteil am Wiederaufbau und bei der Privatisierung der Staatsunternehmen zu sichern. Auch deutsche Unternehmen sind darunter, manche mit jahrzehntealten Kontakten, andere ganz neu im Geschäft, aber wie: Der Zementproduzent berichtet von einer Umsatzrendite jenseits der Fünfzig-Prozent-Marke.

Der erste deutsche Minister am Tigris seit 21 Jahren

Nie und nimmer bis zu Glos‘ Visite, die aus Sicherheitsgründen bis zuletzt geheimgehalten wurde, ward jedoch unter den Besuchern ein Staatssekretär oder gar ein Minister aus Berlin gesehen. Der letzte deutsche Minister, der an den Tigris kam, hieß Hans-Dietrich Genscher. Das war im Jahre des Herrn 1987.

Mit Schröders Nein zum Irak-Krieg ist das Zweistromland zu einer No-go-area für deutsche Regierungsmitglieder geworden. Selbst im Kabinett Merkel mochte noch niemand an einen Trip ins immer noch von den Amerikanern beschützte Bagdad denken, der dem Image möglicherweise mehr geschadet als genutzt hätte. So blieb ausgerechnet der Irak, ohne dessen Stabilisierung die ganze Region nicht zur Ruhe kommen wird, eine Brache der deutschen Außenpolitik. Auch Glos hatte einige gute Ratschläge von Kabinettskollegen und andere Hürden zu überwinden, bis er seinen Fuß auf irakischen Boden setzen konnte.

Die Bundeswehr, deren Flugbereitschaft man gerade in solchen Fällen für geeignet halten sollte, fliegt aus Sicherheitsgründen nicht in den Irak; nicht einmal nach Erbil in Irakisch-Kurdistan, wohin Austrian Airlines dreimal die Woche von Wien aus startet. Der lange Arm des Verteidigungsministers Jung, wie Glos ein Unionspolitiker, reicht nur bis ins jordanische Amman.

Dort müssen der Wirtschaftsminister und seine Delegation nach einer Übernachtung von der Challenger der Luftwaffe in zwei noch kleinere Chartermaschinen umsteigen, die sie nach Bagdad bringen. Der türkische Ministerpräsident Erdogan war dort zwei Tage zuvor ganz selbstverständlich mit einer großen Regierungsmaschine (voller Wirtschaftsleute) gelandet. „Mit Hoheitszeichen“, brummt Glos, den es „schon freut“, dass er immerhin auf seiner Schutzweste ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen tragen darf.

Deutschland hat in Bagdad einen guten Ruf

Doch der Empfang im einbetonierten Regierungsviertel von Bagdad macht alles wieder wett. Die Iraker lassen keinen Zweifel daran aufkommen, wie wichtig ihnen Glos als Besucher und Deutschland als Investor ist. Glos trifft in den siebeneinhalb Stunden, die er sich in Bagdad aufhält, Vizepräsident Haschimi, Ministerpräsident Maliki und ein halbes Dutzend Minister, die mit ökonomischen Fragen zu tun haben. Jedes Gespräch ist eine Einladung an die deutsche Wirtschaft, sich im Irak zu engagieren.

Die deutschen Unternehmen, die schon zu Saddams Zeiten im Irak gute Geschäfte machen, haben dort nach wie vor einen ausgezeichneten Ruf. Doch die Zeit drängt, denn die Privatisierungsprojekte haben begonnen und die üblichen Konkurrenten - allen voran selbstredend die Amerikaner, aber auch Chinesen, Russen und Franzosen - sind schon da. Frankreich führt Deutschland geradezu mustergültig vor, dass man gegen den Krieg, aber für das Geschäft sein kann.

Letzteres muss nicht nur, aber besonders der Wirtschaftsminister immer im Auge haben. Nur so, sagt er staubtrockenen Tones zu Haschimi, komme über die Steuern auch jenes Geld zusammen, dass dann der Außenminister wieder als Hilfe im Ausland verteilen könne. Der irakische Vizepräsident hatte zuvor an die Großzügigkeit Berlins auf staatlicher Ebene appelliert. Die sieht Glos freilich schon mit dem umfangreichen Schulderlass unter Beweis gestellt, den Berlin Bagdad gewährte.

Maliki wirbt um Investitionen in seinem Land

Auch im Gespräch mit Maliki, dem die jüngsten Erfolge bei der Stabilisierung des Landes anzumerken sind, geht es hauptsächlich um den Wiederaufbau Iraks und wie Deutschland daran mitwirken könne. Maliki kommt in zwei Wochen nach Berlin, um für Investitionen in seinem Land zu werben; der Bundeskanzlerin lässt er schon einmal Grüße ausrichten. Beim Thema Iran hält Maliki sich bedeckt, wirbt aber dafür, dass die Region am Golf frei von Atomwaffen bleibe und warnt vor einem Krieg, der noch eine ganz andere Ölkrise als die gegenwärtige zur Folge haben würde.

Glos hebt hervor, wie sehr Berlin daran interessiert sei, dass Irak seinen Rang als einer der größten Ölproduzenten der Welt zurückgewinne. Das könne zur Stabilisierung des aus den Fugen geraten Ölmarktes beitragen. Der Wirtschaftsminister vergisst nicht zu erwähnen, welchen Beitrag Deutschland dazu leisten könnte: Die deutsche Wintershall habe sich um eine Lizenz für die Ölexploration im Irak beworben. Doch sei auch schon an die Zeit nach dem Öl zu denken, sagt Glos, obwohl kein grüner Politiker in der Nähe ist. Zu seinem Portefeuille gehört auch die Technologie. Ja, stimmt Maliki zu, Öl sei endlich. Er sei sich aber sicher, dass das letzte Barrel auf Erden im Irak gefördert werde.

Kein Besuch bei der deutschen Botschaft möglich

Nach einem Mittagessen mit mehreren Ministern im menschenleeren Hotel Raschid, bei dem zweimal der Strom ausfällt, schaut Glos noch beim stellvertretenden Ministerpräsidenten Salih vorbei und beim amerikanischen Botschafter. Auch die Amerikaner freuen sich über den Besuch aus Deutschland, jetzt, da sich der Irak so weit dem Westen öffne.

Für den sicheren Transport der Delegation sorgen die amerikanischen Streitkräfte, nur der Minister und der deutsche Botschafter werden von deutschen Sicherheitskräfte geschützt. Mehr ist aufgrund der geringen Mannschaftsstärke an der deutschen Botschaft nicht möglich. Auch ein Besuch des Ministers dort muss ausfallen. Die Vertretung, die nicht für den Publikumsverkehr geöffnet ist, liegt in der roten Zone. In der soll sich der Gast aus Berlin aber so wenig wie möglich aufhalten. So übergibt er die Ersatzteile, die er für die Botschaft mitgebracht hat, auf dem Rollfeld.

Dort, vielleicht aber auch an anderer Stelle, könnte es noch im Juli abermals heiß hergehen. Der amerikanische Präsidentschaftskandidat Obama, so hält sich das Gerücht, wolle auf der Weltreise, die seine außenpolitische Kompetenz zeigen soll, nicht nur Berlin besuchen, sondern auch Bagdad. Obama war, wie jeder aufrechte Deutsche weiß, gegen den Einmarsch. Wenn aber selbst ein gefeierter Kriegsgegner wie er den Irak besuchen kann, ohne in den Verdacht zu geraten, er wolle hier nachträglich etwas gutheißen, dann müsste das auch für die deutsche Regierung gelten.

Der Mann ist noch nicht Präsident, und doch bewahrheitet es sich schon, dass er es der deutschen Regierung entgegen der allgemeinen Erwartung nicht in allen Lebenslagen leichter machen wird. Die Amerikaner wollen ein stärkeres Engagement Deutschlands in Afghanistan und im Irak. Es sei nicht verboten, sagt Glos auf dem Rückflug nach Amman, dass Deutschland davon auch wirtschaftlich profitiere.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Herausgeber.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3