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Aktualisiert: 17.04.2017, 11:25 Uhr

Misslungener Raketentest Knickt Nordkorea ein?

Auf der Spitze der Spannungen mit Amerika testet Pjöngjangs Machthaber eine Rakete und hält eine gigantische Militärparade ab. Die Signale sind widersprüchlicher, als es scheint. Eine Analyse.

von
© Reuters Applaus, Applaus: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un feierte am Samstag bei der Militärparade den Staatsgründer Kim Il-sung – und sich selbst
 
Knickt Kim Jong-un ein? @hemicker analysiert Nordkoreas Raketentest und Militärparade

Kim Jong-un hat am frühen Sonntagmorgen getan, wovor ihn Peking und Washington eindringlich gewarnt hatten. Auf dem bisherigen Gipfel der Spannungen mit den Vereinigten Staaten ließ Nordkoreas Machthaber im Nordosten seines Landes um Punkt 23:21 Uhr (Samstag, deutscher Zeit) abermals ein Zeichen militärischen Trotzes setzen. In der Nähe der nordkoreanischen Hafenstadt und U-Boot-Basis Sinpo starteten die Streitkräfte des Landes eine Rakete. Die Geste eines irren Kriegstreibers, der die Gefahr eines Präventivschlags der Amerikaner ignoriert und gewillt ist, die koreanische Halbinsel in den Abgrund zu reißen?

Lorenz Hemicker Folgen:

Die Signale sind widersprüchlicher, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Mehr noch: Es gibt Hinweise darauf, dass Kim Jong-un sich vom diplomatischen Druck Chinas sowie den entschlossenen Worten und Gesten Amerikas – mitsamt zwei Flugzeugträgergruppen in der näheren Umgebung – durchaus hat beeindrucken lassen.

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Kim Jong-un hat an diesem Wochenende darauf verzichtet, das Weiße Haus zu einem Gegenschlag oder gar einem präemptiven Angriff zu verleiten. Damit hätte Nordkorea für den Fall rechnen müssen, dass es einen sechsten Atomwaffentest auf dem Testgelände Punggye-ri vorgenommen, auf dem Satelliten zuletzt verdächtige Aktivitäten registriert hatten, oder aber eine weitere Langstreckenrakete getestet hätte, die dafür Voraussetzung ist, den Westen der Vereinigten Staaten atomar bedrohen zu können. Amerikas Pazifikkommando und der südkoreanische Generalstab waren sich schon kurz nach dem Start der Rakete einig: Eine interkontinentale ballistische Rakete (ICBM) war das nicht. Offenbar handelte es sich vielmehr um eine veraltete Mittel- oder Kurzstreckenrakete, die schon während der Militärparade anlässlich des 105. Geburtstags von Staatsgründer Kim Il-sung am Samstag durch die Straßen der nordkoreanischen Hauptstadt gerollt war. Manche von ihnen können Atomsprengköpfe tragen. Ihre Reichweiten aber sind in jedem Fall als zu gering, um für die Westküste Amerikas eine Gefahr zu sein.

Gleichwohl: Mit der Militärparade am Samstag sandte Kim Jong-un auch eine andere Botschaft aus. Experten registrierten bei der Waffenschau auf den Straßen Pjöngjangs eine Phalanx neuer Raketentypen und von Startbehältern, in denen genauso Raketen verborgen sein könnten wie lediglich Sand oder heiße Luft.

© dpa, reuters Misslungene Provokation: Nordkoreanische Rakete bei Test explodiert

Jeffrey Lewis, Leiter des Ostasienprogramms am „James Martin Center for Nonproliferation Studies of California“, berichtete auf Twitter über zwei Behälter, die ihm Sorge bereiteten. Einer habe die richtige Größe für die KN-08 gehabt, eine dreistufige Rakete, die Nordkorea Hwasong-13 nenne. Sie verfügt über eine theoretische Reichweite von 7500 Meilen und wäre damit in der Lage, die Vereinigten Staaten zu treffen. Der zweite Satz großer Behälter ähnelte laut Lewis denen der Topol-M, einer silogestützen ICBM russischer Produktion. Ob sichtbarer Fortschritt oder Scharade – Kim Jong-un vermittelt mit seiner Parade bewusst den Eindruck, dass sein Langstreckenraketenprogramm auf einem erfolgreichen Weg sein könnte.

„Kim Jong-un ist kein irrationaler Kriegstreiber“

Eine Schau möglicher Gefahren für die Vereinigten Staaten – und dann ein Kurzstreckenraketentest – wie passt das zusammen? Für Go Myong-hyun vom Center for Risk, Information and Society Policy (CRISP) in Seoul liegt die Erklärung auf der Hand. „Der Test heute widerlegt die These, dass Kim Jong-un ein irrationaler Kriegstreiber ist“, so der Wissenschaftler. Kim verfüge offenbar über eine Langzeitstrategie, in der es ihm darum gehe, Nordkorea dauerhaft als Atommacht zu etablieren, um seine Herrschaft zu sichern. Er werde weiter provozieren. Den kollektiven Selbstmord seines Volkes aber will Nordkoreas Machthaber in den Augen Go Myong-hyuns nicht in Kauf nehmen.

Dieser Lesart folgend könnte die Welt zunächst einmal aufatmen. Mit einem Atomwaffentest oder Abschüssen weiterer Langstreckenraketen wäre nicht mehr zu rechnen – zumindest, bis die amerikanische Drohkulisse schwindet und Donald Trump sein Augenmerk wieder auf andere Weltregionen richtet.

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