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Mißhandlungen im Irak Ein Wohnwagen am Ende der Straße

09.05.2004 ·  Die amerikanischen Soldaten, die im Irak Häftlinge gedemütigt und mißhandelt haben, stammen aus dem Amerika jenseits der großen Städte. Die meisten von ihnen haben sich aus ganz banalen Gründen für die Uniform entschieden.

Von Heinrich Wefing
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Anthony Swofford weiß bis heute sehr genau, warum er Soldat geworden ist. Es war nicht der Ehre wegen. Irgendwann besuchte ein Anwerber des Marinekorps den jungen Mann daheim und versprach seinen Eltern, ihr Sohn werde "ein großartiger Killer".

Dann nahm der Offizier den Halbwüchsigen beiseite und begann zu erzählen. Von Prostituierten in Italien, in Schweden und Panama - "Informationen, die meine Mutter nie in den Faltblättern des U.S. Marine Corps finden würde. Der Anwerber versprach mir, auf den Philippinen könnte ich zwei Frauen gleichzeitig für vierzig Dollar haben. Ich war gerade siebzehn geworden. Ich hatte erst dreimal Sex gehabt. Ich war begeistert." Ein paar Monate später unterschrieb Swofford den Anwerbevertrag, wurde Scharfschütze, kämpfte im ersten Golfkrieg gegen die Langeweile, den Staub, am Ende auch gegen Saddam Husseins Truppen, quittierte bald darauf den Dienst, begann zu studieren und machte schließlich aus seinen Kriegserfahrungen ein wütendes, derbes, eindringliches, sehr erfolgreiches Buch, "Jarhead", das im vergangenen Jahr pünktlich zum zweiten Irak-Feldzug erschien.

Banale Gründe

Selbst wenn man von Swoffords Geschichte alle Landserdrastik abzieht, erinnert die Anekdote seiner Anwerbung doch an eine verbreitete Praxis. Manche Amerikaner gehen aus lauterstem Patriotismus zur Armee, manche treibt die Familientradition, eine vage Abenteuerlust oder die Neugier auf fremde Länder. Aber nicht wenige derer, die sich freiwillig melden, haben sehr viel banalere Gründe. So wie Swofford. Oder wie Jessica Lynch, die damals neunzehn Jahre alte Frau aus West Virginia, die gleich nach dem amerikanischen Einmarsch im Irak verwundet wurde, erst den irakischen Truppen und dann den Propagandastrategen des Pentagon in die Hände fiel, zur Heldin stilisiert wurde und heute ihr Leben kaum mehr wiedererkennt: Sie hatte sich zur Armee-Reserve gemeldet, weil sie Lehrerin werden wollte, sich das Studium aber nicht leisten konnte und daher auf ein Veteranen-Stipendium fürs College hoffte. Gelegenheit macht Diebe. Ein Mangel an Möglichkeiten macht Soldaten.

Geld für die Ausbildung

Auch die andere junge Frau aus dem amerikanischen Bundesstaat West Virginia, die der Krieg im Irak in den letzten Tagen mit elementarer Gewalt aus der Anonymität gerissen hat, wollte in Uniform in erster Linie Geld für ihre Ausbildung verdienen. Daß daraus etwas wird, ist zweifelhaft. "Private First Class" Lynndie England ist die Soldatin mit den kurzen dunklen Haaren, die der Welt auf bestürzende Weise vertraut geworden ist, seit sie immer wieder auf den Bildern der Mißhandlungen irakischer Gefangener im Gefängnis Abu Ghraib vor den Toren Bagdads zu sehen war. Sie ist die Frau, die lächelnd auf die entblößten Geschlechtsorgane männlicher Häftlinge zeigt und dabei eine Zigarette im Mund hält. Sie ist die Frau auf den Fotos, die einen nackten Mann, der vor ihr auf dem Boden liegt, wie einen Hund an der Leine hält. Wer ist sie? Und wer sind ihre Kameraden von der 372. Military Police Company aus Cumberland, Maryland, die auf den anderen Aufnahmen von gedemütigten, erniedrigten Irakern zu sehen sind und so offensichtlich ihren perversen Spaß haben?

Noch nie hat eine Armee allein aus Helden und Edelleuten bestanden. Jedes Heer braucht Fußvolk. Einfache Kerle, die tun, was ihnen befohlen wird; "Kanonenfutter", hätte man früher wohl gesagt oder auch "Menschenmaterial". Solche Männer und Frauen kann eine Freiwilligenarmee wie die amerikanische nicht aus allen Teilen der Gesellschaft rekrutieren. Sie muß sie vorwiegend von den Rändern werben. Angehörige von Minderheiten sind deshalb ebenso überproportional in den Streitkräften vertreten wie Unterprivilegierte, schlecht Ausgebildete, Schwarze, Latinos und die, die mit einem bösen Slangbegriff "White Trash" heißen, "weißer Abschaum": Arbeitslose, Schulabbrecher, Desperados. Leute, deren Leben auf der Kippe steht, aber auch willensstarke Unterschichtkinder, die aus ihrer engen Welt herauswollen, sonst keinen Job finden oder auf College-Vergünstigungen hoffen.

Eher schlichte Gemüter

Vieles von dem, was wir derzeit über die Handvoll Verdächtiger wissen, denen die Mißhandlungen in Abu Ghraib vorgeworfen werden, deutet darauf hin, daß auch sie und ihre Kameraden zu dieser Gruppe eher schlichter Gemüter zählen. Der untadelige Kommandeur der 372., Captain Donald Reese, zum Beispiel reist als Vertreter für Fensterläden übers Land. Mehrere der beschuldigten Soldaten sind im Zivilberuf Aufseher in den umliegenden Gefängnissen von West Virginia - die Haftanstalten zählen zu den wichtigsten Arbeitgebern der Gegend. Einer der Verdächtigen verpackte vor dem Irak-Feldzug Lebensmittel in Tüten, ein anderer ist Automechaniker.

Lauter Männer und Frauen, die noch nie außerhalb Amerikas waren. Die keine andere Kultur, keine andere Mentalität kennen als ihre eigene, die nichts wissen als das, was ihnen eingetrichtert wird: Ihm sei beigebracht worden, notierte einer von ihnen, Sergeant Ivan Frederick, fast verzweifelt in einem privaten Kriegstagebuch, mit verurteilten Straftätern in Amerika umzugehen. "Aber ich bin nie dafür ausgebildet worden, mich mit Kriegsgefangenen oder internierten Zivilisten herumzuschlagen. Diese Häftlinge hier kommen aus einer komplett anderen Kultur."

Heftiger Kulturschock

Der Kulturschock war wohl auch deshalb so heftig, weil die amerikanischen Soldaten durchweg aus dem "anderen Amerika" stammen, jenen Weiten zwischen den beiden Küsten, dem "heartland", das den Bewohnern von New York oder San Francisco stets ebenso fremd bleiben wird wie den meisten Europäern. Es ist eine ländliche Welt jenseits der großen Städte, weit entfernt von den Metropolen mit ihrer nervösen Vielfalt von Ethnien, Lebensentwürfen und kulturellen Einflüssen. In Fort Ashby, dem Fünfzehnhundertseelenkaff, in dem Lynndie Englands Eltern wohnen, sind mehr als achtundneunzig Prozent der Menschen weiß. Das Durchschnittseinkommen liegt bei knapp dreißigtausend Dollar im Jahr. Es gibt nur eine einzige Ampel dort, und am Ende einer unbefestigten Straße, hinter einem Saloon und einem Schafhof, hat Familie England den geräumigen Wohnwagen abgestellt, in dem Lynndie mit zwei Brüder aufgewachsen ist.

An der Tür des Trailers hängt selbstverständlich die gelbe Schleife, mit der Amerikaner traditionell an Soldaten erinnern, die an der Front sind. Und drinnen steht ein Weihnachtsbaum mit Kugeln in den Nationalfarben, den die Englands erst abbauen wollen, wenn Lynndie wieder zu Hause ist. Patriotismus ist hier in der Provinz nicht nur ein Wort, sondern ein verbreitetes und verbindendes Gefühl. In der Halle des Bezirksgerichts von Fort Ashby hängen die Fotos der im Irak stationierten Soldaten - nur das von Private England wurde in den letzten Tagen diskret abgenommen. In der lokalen Supermarktfiliale von Wal-Mart hingegen prangt ihr Bild noch an der "Wall of Honor", der Ehrenwand.

Waffen gehören zum Alltag

Vermutlich würden sich die Menschen in Fort Ashby und Cumberland als Konservative bezeichnen. Als stolze Amerikaner, denen die hergebrachten Werte wichtig sind, die die Freiheit lieben - und ihre Waffen, die hier draußen, wo die Jagd kein exklusives Vergnügen für Reiche ist, ganz selbstverständlich zum Alltag gehören. Aber aller Traditionsverbundenheit zum Trotz: In den Lebensläufen der Verdächtigen spiegelt sich viel von der Unübersichtlichkeit der Gegenwart, die auch vor West Virginia nicht haltmacht.

Die meisten der Beschuldigten haben nichts Rechtes gelernt, immer wieder die Jobs gewechselt, sind mindestens einmal geschieden oder haben uneheliche Kinder. Sergeant Frederick, der Tagebuchautor, heute 37 Jahre alt, arbeitete nach der High-School in einer Sonnenbrillenfabrik, bis die geschlossen und nach Mexiko verlagert wurde. Anschließend versuchte er, Strafrecht zu studieren, um Polizist zu werden, brach die Ausbildung aber bald wieder ab, ging zurück ans Fließband und heiratete eine Frau mit zwei Kindern aus einer früheren Ehe. Private Lynndie England jobbte nach dem High-School-Abschluß zuerst in einer Hühnerfabrik, dann im örtlichen Supermarkt. Zum Entsetzen ihrer Eltern heiratete sie mit neunzehn einen ehemaligen Klassenkameraden, nur um sich nach zwei Jahren wieder von ihm scheiden zu lassen. Im Irak verliebte sie sich, so heißt es in Presseberichten, in Charles Graner und erwartet von ihm mittlerweile ein Kind. Ausgerechnet von Graner, den seine ehemalige Frau nach einem bitteren Scheidungsprozeß der Gewalttätigkeit bezichtigt: Sie hat inzwischen mehrere Auflagen bei Gericht erwirkt, die Graner jeden Kontakt mit ihr untersagen.

Biographische Nähe zur Gewalt

Graner, der in einigen Berichten über die Vorfälle von Abu Ghraib wie der Leitwolf der Peiniger, der Antreiber der Übergriffe wirkt, scheint tatsächlich so etwas wie eine biographische Nähe zur Gewalt zu haben. Jedenfalls suggerieren das die Recherchen verschiedener amerikanischer Medien. Zwölf Jahre diente er, heute 35 Jahre alt, als Marineinfanterist, woran eine Tätowierung auf seinem rechten Arm unübersehbar erinnert. 1996 schied er aus dem Militärdienst aus und wurde Aufseher in einem Hochsicherheitsgefängnis in Pennsylvania, das nicht den allerbesten Ruf genießt. Regelmäßig sollen dort Häftlinge mißhandelt, geschlagen, erniedrigt worden sein. 1998 wurde daraufhin die Gefängnisleitung strafversetzt, etliche Aufseher wurden belangt. Ob seinerzeit auch gegen Graner Disziplinarmaßnahmen verhängt wurden, ist nicht bekannt.

Die Opfer der Quälerei im Gefängnis von Abu Ghraib aber berichten, mit Graner sei die Gewalt in ihr Häftlingsdasein eingezogen. Einer der Mißbrauchten, Hayder Sabbar Abd, erklärte gegenüber der "New York Times", während seiner sechsmonatigen Gefangenschaft in mehreren amerikanischen Lagern sei er von den Aufsehern stets gut und respektvoll behandelt worden. "Es gab überhaupt keine Probleme. Die amerikanischen Wächter waren freundliche, gute Menschen." Bis Garner und seine Kameraden kamen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.05.2004, Nr. 19 / Seite 3
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