Home
http://www.faz.net/-gq5-77cd2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Missbrauchsfälle im Vatikan Tsunami in Rom

Monsignore Scicluna hat zehn Jahre lang im Namen des Vatikan Missbrauchsfälle aufgeklärt. Er spricht zum ersten Mal über Schockwellen und Vertuschung, über den Zölibat und die Kraft der Wahrheit.

© Getty Images Vergrößern

Monsignore Scicluna, im Oktober 2002 wurden Sie in der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre mit der Bearbeitung aller Fälle sexueller Übergriffe von Geistlichen auf Minderjährige betraut. Wie kommt man zu dieser Aufgabe?

In der römischen Kurie war ich kein Neuling. Nach dem Studium des Zivil- und des Kirchenrechts hatte ich seit 1996 in dem Obersten Gerichtshof der katholischen Kirche, der Apostolischen Signatur, gearbeitet, unter anderem als Sekretär einer Kommission, die den Entwurf eines wichtigen Dokumentes erarbeitete, in dem es um Ehenichtigkeitsverfahren ging.

Dieses Dokument wurde im Jahr 2002 vom Heiligen Stuhl unter dem Titel „Dignitas connubii“ veröffentlicht. Während meiner Arbeit als Sekretär dieser Kommission war man allerdings schon in der Glaubenskongregation auf mich aufmerksam geworden.

Was hat ein Kirchenrechtler in der Glaubenskongregation verloren, noch dazu als „promotor iustitiae“, frei übersetzt als Kirchenanwalt?

Die Glaubenskongregation war nie nur eine Behörde, sondern immer auch eine Gerichtsinstanz. In ihre Zuständigkeit fällt die Ahndung der schwersten Delikte, die es im Recht der Kirche gibt, etwa des Bruchs des Beichtgeheimnisses oder der sakramentalen Lossprechung von Mittätern in der Beichte. In solchen Verfahren gibt es einen Kirchenanwalt, „promotor iustitiae“ genannt. Dieser Posten war seit 1995 vakant und wurde 2002 neu besetzt.

Als Reaktion auf den Missbrauchsskandal in den Vereinigten Staaten, der in jenem Jahr weltweit Wellen schlug?

Nicht direkt. Schon im April 2001 hatte Papst Johannes Paul II. die Zuständigkeit der Glaubenskongregation um das Delikt „sexueller Missbrauch“ erweitert. Nun brauchte man einen Juristen, der sich ständig mit dieser Materie beschäftigte. Also holte man mich im Januar 2002 auf Probe in die Glaubenskongregation und ließ mich einen speziellen Missbrauchsfall bearbeiten, der dort mehrere Jahre liegengeblieben war, weil man kein Personal hatte.

Danach trug man mir nach Verhandlungen zwischen Kardinal Pompedda, dem Chef des Obersten Gerichtshofs, und Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der Glaubenskongregation, an, das Amt des Kirchenanwalts zu übernehmen.

Mehr zum Thema

Wer und was stand hinter der Neuordnung der Zuständigkeit im Vatikan? Kardinal Ratzinger?

1997 war in der Glaubenskongregation eine Kommission eingerichtet worden, die die Verfahren mit den Normen des Kirchenrechts in Einklang bringen sollte, das Papst Johannes Paul II. im Jahr 1983 in Kraft gesetzt hatte. Zur selben Zeit wurde die Kongregation gebeten, Vorwürfen gegen den Grün-der der „Legionäre Christi“, den Mexikaner Marcial Maciel Degollado, nachzugehen.

Einige frühere Mitglieder dieses Ordens hatten glaubhaft darlegen können, dass Maciel im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Minderjährigen auch Delikte begangen hat, die schon immer in die Zuständigkeit der Glaubenskongregation fielen, allen voran die Lossprechung von Mittätern. Die Kongregation wurde also über den Umweg ihrer eigentlichen Zuständigkeiten auf das Thema Missbrauch aufmerksam.

Warum brauchte es diesen Umweg?

Ein Problem war, dass das neue Kirchenrecht von 1983 die Ahndung sexuellen Missbrauchs nicht dem Vatikan vorbehalten hatte. Vielmehr hatte man im Geist des II. Vatikanischen Konzils den einzelnen Bischöfen überlassen, Missbrauchsfälle zu regeln. Es gab auch keine Pflicht, solche Fälle nach Rom zu melden, wohl aber mehrere Instruktionen zum Umgang mit Missbrauchsfällen, die auf dem Kirchenrecht des Jahres 1917 basierten.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Überfordert mit den Salafisten

Von Christoph Ehrhardt

Die Islam-Verbände müssen sich nicht ständig im Namen ihrer Religion für jene Extremisten entschuldigen, von denen sie selbst verachtet werden. Aber aus den Gemeinden sollte schneller Alarm geschlagen werden. Mehr 1 9