Home
http://www.faz.net/-gq5-12v2e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mir Hussein Mussawi Der islamische Revolutionär

14.06.2009 ·  Nach seinem spektakulären Wahlkampf hatte sich der Westen der Illusion hingegeben, wenn Mussawi siege, breche in Iran eine neue Ära an. In Wirklichkeit versprach Ahmadineschads Herausforderer nur, das kleinere Übel zu sein.

Von Wolfgang Günter Lerch
Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (0)

Man sah ihm den Zorn an, mit dem er das für ihn enttäuschende Wahlergebnis kommentierte: Mir Hussein Mussawi hatte, wie seine Anhänger, fest damit gerechnet, dass es gelingen werde, den im Ausland, aber auch bei vielen Iranern unbeliebten Mahmud Ahmadineschad bei der Präsidentenwahl zu schlagen. Vor allem der Westen hatte sich angesichts eines als lebhaft beschriebenen Wahlkampfes und nach der Rede des amerikanischen Präsidenten Obama an die Muslime der Illusion hingegeben, wenn Mussawi gesiegt habe, breche auch in Iran eine neue Ära an, zunächst im Verbal-Atmosphärischen, dann vielleicht auch in der Politik. Das erinnerte ein wenig an die Stimmung des Jahres 1997, als Chatami gewählt worden war und ebenfalls große Hoffnungen geweckt hatte.

Mussawi, der im Wahlkampf spektakulär Hand in Hand mit seiner Frau auftrat, versprach - trotz seiner vielen positiven Ankündigungen - in Wirklichkeit nur, das kleinere Übel zu sein - mehr nicht. Ein „Liberaler“, wie man das in Europa versteht, war er nie und ist er nicht. Er gehört vielmehr ebenfalls zu den islamischen Revolutionären der ersten Stunde und ist selbstverständlich dem vom Gründer der Islamischen Republik, Ajatollah Chomeini, ausgearbeiteten Prinzip des Welajat-e faghih verpflichtet, der Herrschaft des Obersten Religionsgelehrten. Das ist Ajatollah Chamenei. Dieser Revolutionsführer, dazu der Wächterrat, der Expertenrat und die Revolutionsgardisten (Pasdaran) tragen das Regime und hätten auch Mussawi, wenn er gewonnen hätte, alsbald in seine Schranken verwiesen.

Immer dem Regime verpflichtet

Mir Hussein Mussawi stammt aus dem Ort Chameneh in der Provinz Ost-Aserbaidschan, wo er im Jahre 1941 geboren wurde. Schon der Student der Bildenden Kunst und Architektur in Teheran war in der islamischen Studentenbewegung aktiv, 1973, sechs Jahre vor dem Sturz Schah Reza Pahlewis, wurde er kurzfristig inhaftiert. Nach der Revolution stand er dem führenden Ajatollah Beheschti nahe, unter anderem als Mitglied des Zentralrats der Partei der Islamischen Republik (IRP), die von Beheschti geführt wurde und die Mussawi mitbegründet hatte. Er leitete auch deren Zentralorgan, die Zeitung „Dschomhuri-je Eslami“ - Islamische Republik. Beheschti und andere Funktionäre der Partei wurden 1981 bei einem Terroranschlag getötet, als bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen dem Regime und der Linksopposition der Volksmudschahedin ausgebrochen waren.

Iran: Großer Andrang bei Präsidentschaftswahl

Im gleichen Jahr wurde Mussawi Ministerpräsident, wobei er kurzfristig auch das Amt des Außenministers wahrnahm. Er blieb bis 1989 „nachost-e wazir“ - Erster Minister; es waren die Jahre des verlustreichen Krieges (etwa eine Million Tote), den Iran mit dem Irak Saddam Husseins auszutragen hatte. Der irakische Diktator hatte im September 1980 die Islamische Republik angegriffen mit dem Ziel, die von einer arabischen Minderheit bewohnte Erdölprovinz Chuzistan zu erobern und eventuell auch das Regime der Islamischen Republik zum Einsturz zu bringen. Mussawi amtierte als Kriegspremier, mit allem, was das bedeutete. Auch danach blieb der Intellektuelle, obzwar im zweiten Glied, dem Regime verpflichtet, als Ratgeber - unter anderem für den Präsidenten Ali Akbar Haschemi-Rafsandschani (1989-1997) und als Mitglied von Kommissionen und beratenden Gremien. Ein kleiner Neuanfang, immerhin, wäre mit ihm vielleicht möglich gewesen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3